Cornern mal anders: Eine Unterhaltung über Catcalling, Feminismus und das Frausein

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Svenja Baum (@s.baum.photography auf Instagram)
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CatCallsOfWiesbaden, ein Projekt, welches zu der weltweiten Organisation ”Chalk Back” gehört, beschäftigt sich, wie es der Name schon verrät, mit dem Thema Catcalling. Catcalling bedeutet so viel wie: “Belästigung auf der Straße”. Sinn dieses Projektes ist es, diese Belästigung durch Ankreiden auf der Straße sichtbar zu machen. Anfang dieses Jahres durfte ich Tayla (21) und Laura (22) von dem sonst 6-köpfigen Team CatCallsOfWiesbaden zum Interview treffen. Die zwei haben nämlich für sich entschieden, dass sie Belästigungen ganz schön ätzend finden und etwas dagegen unternehmen wollen, was ich ziemlich cool finde. Nachdem wir erst etwas herum getigert sind – das Klatsch hatte zu, das Café Westend war voll besetzt –  landeten wir letztendlich auf Treppen irgendwo im Westend. Dort unterhielten wir uns über das Projekt CatCallsOfWiesbaden, ob es richtige Wege gibt, auf einen Catcall zu reagieren und generell über das Frausein in einer Gesellschaft wie dieser. Obwohl jede von uns ihre eigenen Erlebnisse mit Belästigung gemacht hat, merkten wir schnell, dass es doch viele Parallelen zwischen unseren Erfahrungen gibt. Am Ende waren wir uns einig: Es muss noch viel getan werden, man muss am Ball bleiben, doch es geht immer mehr in die richtige Richtung.

Foto Credit: Svenja Baum (@s.baum.photography auf Instagram)

Wie würdet ihr die Organisation CatCallsofWiesbaden jemandem erklären, der sie noch nicht kennt? 

Tayla: Als erstes frag ich immer, ob die Person überhaupt den Begriff Catcall kennt. Wenn die Person damit nichts anfangen kann, erkläre ich erstmal diesen Begriff. Meistens mach ich auch ein markantes Beispiel für einen Catcall-Nachruf, danach verstehen meist alle, was damit gemeint ist. Ich erkläre auch, dass CatCallsOfWiesbaden zu einer weltweiten Organisation gehört, welche in vielen Städten vertreten ist. Auch das Prinzip dahinter, dass Betroffene eines Catcalls uns ihre Erfahrung auf Instagram schreiben und wir das dann auf den Boden ankreiden, wo es passiert ist, erkläre ich oft.   

Laura: Es kommt auch oft auf die Umstände an. Wir hatten auch schon Termine, wo es darum ging, uns professionell vorzustellen. Bei diesen Treffen holt man meist etwas weiter aus und erklärt die weltweite Organisation Chalk Back, dass es zum Beispiel auch eine große Jugendbewegung ist. Es Kindern zu erklären ist auch nochmal eine andere Sache. Die meisten Kids können schon mit dem Wort Mobbing was anfangen, über den Ansatz versuche ich ihnen dann zu erklären, was wir machen. Auch das Wort “Ankreiden” und das Wortspiel dahinter verstehen viele am Anfang nicht. Der Begriff Ankreiden hat ja zwei Bedeutungen, einmal das tatsächliche Ankreiden und “jemandem etwas ankreiden”, die Doppeldeutigkeit erkläre ich daher auch mal.

Wie seid ihr darauf gekommen, das Projekt auch in Wiesbaden zu starten? 

Laura: Ich war damals noch in der Ausbildung als Erzieherin und in Mainz auf einer Schule. Einmal als ich nach Hause gelaufen bin, habe ich einen angekreideten Catcall gesehen und dachte mir: “Ach krass, ich verfolge das Projekt in New York jetzt schon seit zwei Jahren auf Instagram. Cool, dass das jetzt auch schon in Mainz angekommen ist!” Ich habe dann eine Arbeitskollegin von mir gefragt, ob sie Bock hätte, das mit mir zu starten und so nahm das Ganze seinen Lauf.

Warum wolltet ihr denn bei CatCallsOfWiesbaden mitmachen bzw. Laura, warum wolltest du das Projekt auch nach Wiesbaden bringen? 

Laura: Bei mir gab es tatsächlich mal einen Vorfall am Mainzer Hauptbahnhof, wo mich ein Mann über längere Zeit belästigt hat und Sachen gesagt hat, wie “Mein Engel bleib stehen” und mich mit sonst was betitelt hat. Ich bin danach zur Polizei und wollte ihn anzeigen. Mir wurde aber schon während ich meine Aussage gemacht habe, gesagt, dass das sehr aussichtslos ist, was ich da gerade versuche. Das war für mich ein sehr prägendes Erlebnis, was mich dazu bewegt hat, selber aktiv zu werden. 

Tayla: Bei mir wurde der Mitmach-Wunsch im Endeffekt auch durch einen Catcall, den ich erfahren habe, ausgelöst. Das waren damals drei Männer, die mich in der Situation auch noch so verarscht haben, dass ich danach einfach nur mega sauer war. Ich war so wütend, weil ich mich so machtlos gefühlt habe und auch so bloßgestellt. Der Catcall passierte damals auf dem Weg zwischen Schlachthof und Hauptbahnhof und ich kann mich noch daran erinnern, dass ich dachte: “Ey, das kann doch nicht sein, dass mir das bei diesem kleinen Weg von fünf Minuten passiert!”. Eine Freundin von mir hat mich dann auf das Projekt CatCallsOfWiesbaden aufmerksam gemacht. Ich fand die Idee mega cool und habe damals direkt über ihr Handy der Instagramseite von  CatCallsOfWiesbaden geschrieben, dass ich gerne mitmachen möchte. 

Bei euch beiden war der Auslöser, um aktiv zu werden, also ein einprägsamer Catcall, den ihr erfahren habt. Was würdet ihr sagen, gibt euch das Projekt beziehungsweise was wollt ihr damit erreichen?  

Laura: Das, was Tayla eben gesagt hat, ist, glaube ich, ein großer Punkt, nämlich das Gefühl, etwas zu machen, beziehungsweise wo mitzumachen. In den Situationen, wo du gecatcalled wirst, bist du ja in der Regel oft unterlegen, sei es in der Gesamtzahl der Personen oder anderweitig. Ich glaube, das Projekt gibt einem auch die Möglichkeit, dass man sich nicht hilflos fühlt. Beim Ankreiden hat man einen klaren Plan, was man macht. Das ist ja auch ein wenig die Idee, indem wir sagen, wir gewinnen durch das Ankreiden diesen Ort zurück. Natürlich muss man auch bedenken, dass wir damit in eine Wiederholung des Ereignisses gehen. Das wird auch oft an unserem Projekt kritisiert, dass wir dieses Negativ-Verhalten nochmal aufschreiben. Jedoch setzen wir damit ja ein klares Statement, nämlich: “Stoppt die Belästigung!”.

Es geht darum den Ort zurückzugewinnen, ein klares Statement zu dem Thema zu setzen und sich auch ein Stück von der Situation zurückzuholen, um diese zu verarbeiten.

Auch zu wissen, da wird nochmal was getan, wenn man sich vielleicht in dem eigentlichen Moment der Belästigung nicht äußern konnte. 

Der Gedanke, sich den Ort dadurch zurückzuholen, gefällt mir total. Auch Wiederholungen, in denen man nun selbst die Kontrolle über die Situation hat, denke ich, können einem ja bei der Verarbeitung helfen. Wie würdet Ihr denn das allgemeine Ziel der Organisation beschreiben?

Laura: Aufklärung. Also, der Hauptfokus ist aktuell tatsächlich, dass die Menschen das Wort “Catcalling” überhaupt kennen. Viele kennen den Begriff nämlich gar nicht und das gehört praktisch auch zu dem Stufenplan von der Gründerin dazu. Also Step eins ist: Alle Menschen sollten das Wort Catcalling oder zumindest den Begriff verbale sexuelle Belästigung kennen und eine Vorstellung haben, was damit gemeint ist. Der nächste Schritt ist dann die Bildungsarbeit und auch Schutzräume schaffen. Also Schutzräume für Frauen, die sich darüber austauschen wollen und Bildungsarbeit, um sowas in der Zukunft zu verhindern.

Tayla: Genau, das Thema einfach wirklich sichtbar machen. Meine weiblichen Freunde können alle was mit dem Thema anfangen, meine männlichen Freunde, die einfach sehr lieb sind und sowas nicht machen, die sind oft super schockiert. Vor allem, wenn ich den Instagram-Account von CatCallsOfWiesbaden herzeige, sind sie meist super fassungslos und ich denke mir dann immer: Das ist meine Realität, crazy, dass du das nicht wusstest. Aber auch hier ist halt Aufklärung wichtig. 

Laura: Auch um klar zu machen, dass das nichts ist, was irgendjemandem mal ab und zu passiert, es ist eine Erfahrung, die jede Frau schon gemacht hat. Im Regelfall wird eine Frau mit 13 Jahren das erste Mal gecatcalled. In einem kindlichen Alter wird man also schon sexualisiert. Da gilt es den Menschen einfach klar zu machen, dass es für viele Mädchen und Frauen Alltag ist und nicht irgendeine Randgeschichte. 

Als ich euch damals die Interviewanfrage geschickt habe, habt ihr auch erwähnt, dass es euch wichtig ist, mit dem Projekt auch etwas gegen den intersektionalen Sexismus zu erreichen, wie steht dieser denn im Zusammenhang mit eurem Projekt? 

Laura: Grundlegend ist es so, dass wir sagen, ein Feminismus, der nicht intersektional ist, ist kein fairer Feminismus. Intersektionalität bedeutet in dem Sinne, dass ich anerkenne, dass sich verschiedene Diskriminierungsformen überschneiden. People of Colour kommen zum Beispiel häufiger mit Belästigungen oder Diskriminierung in Kontakt. Oft überschneidet sich nämlich auch Rassismus und Sexismus. Menschen, welche von verschiedenen Diskriminierungsformen betroffen sind, passiert sowas eben leider viel häufiger. Daher sehen wir es auch als eine unserer Aufgaben, diese Überschneidungen den Menschen durch das Projekt klar zu machen. Was leider auch oft hinten runter fällt, ist, dass Menschen mit Behinderungen eine 20 % höhere Wahrscheinlichkeit haben, Betroffene von Belästigungen zu werden. Auch den Menschen wollen wir durch das Projekt zu mehr Sichtbarkeit verhelfen. Deswegen nutzen wir zum Beispiel auch nochmal andere Hashtags auf Instagram, wenn die Situation einen erkennbaren sexistischen sowie rassistischen Einfluss hatte.  

Ich muss sagen, ich habe auch erst durch euch gelernt, was intersektionaler Sexismus bedeutet. Was würdet ihr euch denn für die Zukunft wünschen, was sich verändert und was bedeutet Feminismus für euch persönlich? 

Tayla: Also simpel gesagt, einfach Gleichberechtigung. Feminismus ist da eine Sparte von vielen, doch alle haben dasselbe Ziel, nämlich dass jeder Mensch gleich behandelt werden soll.   

Laura: Es gibt zwei Bücher, an denen ich mich bei der Frage immer orientiere. Das eine ist von Mahatma Gandhi, in dem Buch hat er geschrieben: “Wenn die Hälfte der Weltbevölkerung unterdrückt ist, können wir nirgendwo von Freiheit sprechen”, da hat er Frauen mitgemeint. 

Das zweite Buch heißt “Untenrum frei” von Margarete Stokowski, da meinte sie nämlich, dass Feminismus nicht nur für die Freiheit der Frau kämpft, sondern auch immer ein Stück für die Freiheit der Männer, da auch Männer von vielen Vorurteilen betroffen sind. Beim Feminismus wollen wir ja nicht nur Vorurteile gegen Feminist:innen oder gegen Frauen und den Sexismus abbauen. Von dem Abbau von Stereotypen kann jede und jeder nur profitieren.

Ich würde sagen Feminismus ist für alle da und er tut allen was Gutes. Feminismus versucht, für alle Menschen Freiheiten zu erkämpfen. Nicht nur für Frauen, natürlich nicht so krass, aber ein Stück weit bezieht das auch Männer mit ein. 

 

Ab wann würdet ihr von einem Catcall sprechen? 

Laura: Jegliche verbale Belästigung im öffentlichen, aber auch im nicht-öffentlichen Raum. An sich ist Catcalling ja schon im öffentlichen Raum definiert, doch auch wenn es am Arbeitsplatz oder innerhalb der Beziehung stattfindet, kann man meiner Meinung nach noch von Catcalling sprechen. Das Prinzip bleibt hierbei ja das gleiche; im Regelfall haben wir entweder eine Sexualisierung oder eine Objektifizierung der Person vorliegen. Auch die Verschiebung von Machtverhältnissen spielt hierbei eine Rolle, meist versucht eine Person mit dem Catcall über die andere Person Macht auszuüben. Was man auch nicht vergessen sollte, ist, dass ein Catcall eine individuelle Komponente hat. Es gibt Situationen, da fühlen sich manche Personen schon gecatcalled und manch andere Personen eben noch nicht.

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Was würdet ihr sagen, ist generell der Unterschied zwischen einem Kompliment und einem Catcall? 

Tayla: Am wichtigsten ist am Anfang immer zu klären: Was ist überhaupt ein Kompliment? Und sich das mal bewusst zu machen. Ein Kompliment ist ja etwas, womit sich der oder die Empfänger:in gut fühlt und wenn das nicht der Fall ist, dann war es kein Kompliment. Es war dann vielleicht als eines gemeint, aber es ist keines, weil es kam nicht so an. Es kommt auch immer auf die Situation an. 

Laura: Um drei Uhr nachts ist ein “Hey, wie gehts?” zum Beispiel einfach nur gruselig. Es kommt auch auf den Kontext an, zum Beispiel Altersunterschiede spielen eine große Rolle. Auch wenn ein 40-Jähriger das zu einer 14-Jährigen sagt, ist es einfach nur unangebracht.

Tayla: Ich finde, man hat aber immer das Recht zu sagen, wenn man etwas nicht als Kompliment empfindet. Wenn mir zum Beispiel jemand sagen würde: “Boah, du hast voll schöne Augen!”, dann finde ich, ich habe auch das Recht zu sagen, dass das gerade ehrlich gesagt kein Kompliment für mich war und ich mich damit nicht wohl fühle. Die andere Person sollte dann auch nicht mit mir rumdiskutieren. Man kann ja sagen, dass es als Kompliment gemeint war, es einem leidtut, dass das gerade nicht so ankam, der Person noch einen schönen Tag wünschen und sie dann in Ruhe lassen. Damit wäre die Situation geklärt. Ein Zitat, was ich auch immer gern verwende, ist das von Antonia Quell, sie hat mal gesagt: “Wenn du es nicht zu deiner Mutter sagen würdest, solltest du es auch nicht zu einer fremden Person auf der Straße sagen”. Ich weiß jetzt nicht mehr den genauen Wortlaut, aber so in dem Sinne.

Meint ihr denn, es gibt richtige Arten, um auf Catcalling zu reagieren? 

Tayla: Nein, darauf gibt es keine richtige Reaktion. Ich finde es total wichtig, der Person, der der Catcall widerfährt, klar zu machen, dass sie nichts falsch gemacht hat. Deswegen gibt es auch keine richtigen oder falschen Reaktionen. Du bist in dem Moment ja nicht die Person, die was falsch gemacht hat, sondern die Person, die falsch behandelt wird. Es gibt Tage, wo man vielleicht Bock hat, die Person anzuschnauzen oder es ihr zu erklären, was daran nicht okay ist und es gibt Tage, wo man es vielleicht einfach ignorieren will. Das Wichtigste ist aber immer, dass man sicher ist. Im Zweifelsfall sollte man sogar lieber die Polizei rufen, wenn man Angst hat. 

Laura: Mir sind auch zwei bis drei Sachen eingefallen, die wir immer sehr betonen. Erstens, dass nicht zu reagieren völlig in Ordnung ist. Vor allem Personen, denen das zum ersten Mal passiert, sind meistens total überfordert mit der Situation und können daher gar keine Reaktion hervorbringen. Was wir letztens auch hatten, ist, dass jemand wollte, dass wir zu der Person gehen und diese öffentlich bloßstellen. Das ist auch ein Weg, von dem ich abraten würde, da man sich selbst strafbar macht. Von jeder Reaktion, mit der man sich selbst strafbar macht, würde ich, falls nicht notwendig, eher abraten. Dazu gehört auch, körperlich gegen die Person vorzugehen. Catcalling ist halt leider legal. Unterm Strich würde ich sagen, solange man nichts macht, womit man sich selbst strafbar macht, ist alles im Rahmen der Reaktion. Auch Ausrasten finde ich angemessen. 

Was würdet ihr den Personen raten, was sie machen sollen, wenn sie gecatcalled werden? 

Laura: Letzten Freitag habe ich einen Workshop im Frauengesundheitszentrum angeboten, zu dem Thema “Erfahrungsaustausch Catcalling”. Da ging es genau darum, was man in solchen Situationen machen kann. Ganz wichtig ist, glaube ich, immer seine Stabilität wiederzufinden, wenn man gecatcalled wird. Der Fokus sollte am besten immer darauf liegen, bei sich zu bleiben und mit sich selbst klar zu kommen. Das ist viel wichtiger, als da ne Reaktion zu zeigen. Wir haben auch darüber gesprochen, was man machen oder nicht machen sollte, wenn man mitbekommt, dass jemand gecatcalled wird. Wenn ich zum Beispiel von einem Mann gecatcalled werde und dann kommt ein anderer Mann und greift einfach in die Situation ein und will das für mich “regeln”, ist das irgendwie auch übergriffig. Er sollte mich vorher fragen, ob er mir helfen soll.

Wie würdet ihr denn reagieren, wenn ihr als außenstehende Person einen Catcall mitbekommt? 

Tayla: Das Szenario, was Laura eben beschrieben hat, finde ich zum Beispiel voll schwierig. Wenn ich in einer Situation wäre, in der ich merke, die Frau fühlt sich bedroht und sagt deshalb in einem ängstlichen Ton: “Nein danke, ich brauch keine Hilfe”, dann würde ich wahrscheinlich dennoch eingreifen. 

Laura: Ich glaube, in den Situationen kann man sich aber auch abgrenzen. Es gibt einen Unterschied, ob ich zu der Person hingehe und sage: “Alter, du belästigst gerade diese Frau!”, oder ob ich sage: “Ich finde das gerade nicht in Ordnung was du machst”. Somit bleibe ich bei mir und was mir gerade aufgefallen ist, ohne für den anderen Menschen zu sprechen. Die Person, die belästigt wird, könnte dann z. B. auch sagen, dass sie es okay findet. Wie ich meine Worte wähle und wie ich mit der betroffenen Person umgehe, kann, glaube ich, einen großen Unterschied machen. Mit Ich-Aussagen fährt man meist besser als mit Du-Aussagen. Da schwingt meist eine gewisse Wertung mit. Wenn ich sonst der Meinung bin, die Situation löst sich gerade auch ohne Eingriff von mir, bleibe ich meist einfach in der Nähe und versuche der Person zu vermitteln, dass ich da bin, falls etwas ist. Ich hole mein Handy raus, halte Blickkontakt, bin einfach da, falls es eskaliert. Ich glaube, das sind so Kleinigkeiten, mit denen ich nicht eingreife, aber einer Person schon Sicherheit geben kann. 

Stimmt, anwesend bleiben kann bestimmt schon Sicherheit vermitteln, ohne dass man sich übergriffig verhält. 

Laura: Es gibt ja auch oft Catcall-Situationen und keine:r, der das mitbekommt, reagiert darauf. Wir hatten schon viele Einsendungen auf Instagram, wo uns geschrieben wurde, dass keiner zu denen kam, obwohl es 20 Leute mitbekommen haben. Ich glaube, in solchen Situationen kann man auch immer zu der betroffenen Person gehen und sagen: “Ich kann mir vorstellen, dir geht gerade nicht gut. Ich hab zwei Minuten, wenn du magst, können wir nochmal darüber sprechen.”, oder “Bist du in Ordnung, soll ich dich noch ein Stück begleiten?”. Solche Sachen kann man immer anbieten, ohne dass man damit jemandem auf die Füße tritt.

Catcalls passieren in der Regel überwiegend Frauen. Kamen denn auch schon Personen, die sich als Männer identifizieren, auf euch zu? 

Laura: Wir hatten bisher eine Einsendung von einem Mann. Der war sich auch sehr unsicher und hat uns gesagt wir sollen das nur ankreiden, wenn wir das auch für sinnvoll halten würden. 

Tayla: Ja, aber wir kreiden das natürlich an! Oft wird nur von der Frauenseite geredet, weil Belästigungen überwiegend auch Frauen passieren. Das macht es ja aber nicht weniger schlimm, wenn ein Mann belästigt wird. Es ist genauso schlimm. 

Laura: Es ist auch wichtig zu betonen, dass Catcalling ein menschenverachtendes Verhalten ist. Da geht es zum Großteil zwar um Frauen, aber natürlich auch um alle anderen Personen, denen das widerfährt. Da gibt es bestimmt auch eine gewisse Hemmschwelle als Mann, das zuzugeben, wenn einem eine Belästigung widerfahren ist. Laut der Gesellschaft muss der Mann ja immer das starke, krasse Geschlecht sein. Deshalb bekommen wir vielleicht auch nicht so viele Einsendungen von Männern. Also wenn uns Männer ihre Belästigungserfahrung auf Instagram schreiben, würden wir das natürlich auch ankreiden gehen. 

Foto Credit: Svenja Baum (s.baum.photography auf Instagram)

Wie waren bisher denn die Reaktionen im Netz auf das Projekt, oder auch wenn ihr die Catcalls ankreidet?  

Laura: Internet und auf der Straße ankreiden, muss man auf jeden Fall differenzieren. Die Reaktionen im Internet sind meist sehr positiv, da haben wir nur alle drei Monate mal einen Kommentar, den wir löschen. Zum Beispiel, wenn Leute kommentieren: “Das war doch keine Belästigung, sondern nur ein Icebreaker”. Manchmal diskutieren wir auch mit der Person unter dem Bild darüber. Es gibt aber auch Dinge, die sind so hart, die löschen wir dann einfach, weil wir das der betroffenen Person nicht antun wollen, dass sie sich das nochmal durchlesen muss. Oft sind auch einfach nicht die Kapazitäten da, nochmal ewig lang die Hintergründe zu erklären. Beim eigentlichen Ankreiden hatten wir schon sehr unterschiedliche Reaktionen. 

Tayla: Ja, auf jeden Fall, da gibt es Leute, die einfach vorbeilaufen und sagen “cooles Projekt” oder einfach nen Daumen hoch zeigen. Es gibt aber auch Leute, die direkt einsteigen und über irgendwelche feministischen Themen diskutieren wollen. Letztens zum Beispiel hat eine Frau gesagt, dass sie die MeToo-Bewegung super frech findet. Die Frauen hätten doch bewusst mit den Männern geschlafen, um Karriere zu machen und dass das frei deren Entscheidung war. Sie meinte, die Frauen sollten dann entweder die Karriere sein lassen oder sich halt nicht beschweren. 

Das ist auf jeden Fall eine krasse Meinung. Versucht ihr dann auch mit der Person zu reden, wenn sowas geäußert wird? 

Tayla & Laura: JA!

Laura: Es gibt aber auch Situationen, da sag ich ab einem gewissen Punkt, dass ich mir das jetzt nicht mehr gebe, weil es so menschenfeindlich ist und es so eine Grenze von mir überschreitet. Man muss sich ja auch nicht auf jede Diskussion einlassen. Andererseits gibt es aber auch Diskussionen, die voll positiv verlaufen, wo man merkt, dass man bei dem Menschen wirklich was bewegt hat. 

Aber voll gut, dass man dann auch positive Erfahrungen hat, solche Diskussionen können ja schon kräfteraubend sein, da motiviert es einen sicher, wenn man merkt, man bewirkt auch was beim Gegenüber. 

Laura: Ja, es kommt halt voll drauf an, wie festgefahren die Leute sind. Manche sind halt leider auch so festgefahren, da merkt man schnell, dass man da nichts groß erreichen kann.

Tayla: Sehr spannend ist auch anzukreiden, wenn man danach die Zeit hat, sich daneben zu setzen und zu gucken, wie die Leute darauf reagieren. Da sieht man ganz unterschiedliche Reaktionen, bei manchen merkt man, dass sie darüber nachdenken, die Aktion gut finden und manche laufen auch einfach nur drüber. (Lacht) Einer hat auch mal ärgerlich dagegen getreten, nach dem Motto “was ist das denn?”.  

Laura, du sagtest eben, dass Catcalls in Deutschland leider noch legal sind, kann man denn gar nicht rechtlich gegen einen Catcall vorgehen?

Laura: Das kommt darauf an, was dir passiert ist. Was man immer anzeigen kann, ist, wenn man sich bedroht gefühlt hat, aber dann muss man der Polizei auch genau erklären können, warum man sich so gefühlt hat. Auch Beleidigungen kann man anzeigen und alles, was halt mit Hands-On übergriffig ist. Ansonsten glaube ich auch, dass krasse Aufforderungen zur Sexualität zur Anzeige gebracht werden können, aber die klassischen Catcalls wie zum Beispiel “Hey geiler Arsch!”, da kann man tatsächlich, zumindest in Deutschland, leider nichts machen.  

Vielleicht noch abschließend für Menschen, die sich jetzt noch mehr mit dem Thema auseinandersetzen möchten: Habt ihr da Quellen, die ihr empfehlen könntet?

Laura: Ein Buch, was ich generell empfehlen kann, ist von Margarete Stokowski, das heißt “Untenrum Frei”. In dem Buch geht es hauptsächlich um die Frage, wo Frauen Sexismus ausgeliefert sind, was leider meist schon in der Grundschule anfängt. Ansonsten würde ich auch unser Jugendsachbuch zum Thema Catcalling von Hannah Klümper gerne erwähnen, was im Juni rauskommt. Ich selber habe das Buch noch nicht gelesen, es ist aber das erste Buch, was über das Thema Catcalling erscheint. Es gibt noch eine gute Studie von HollaBack, wo es um das Alter geht, in dem Personen gecatcalled werden. Sonst natürlich uns auf Instagram folgen und unsere Workshopangebote besuchen. Ich glaube, wo man sich auch fast am besten informieren kann, ist, wenn man mal ganz offen auf Freundinnen zu geht und sich mit ihnen über diese Themen unterhält und Erfahrungen austauscht. 

Auch erschreckend, dass es schon in der Grundschule mit dem Sexismus anfängt. 

Laura: Ja voll! Letztens ist uns auch aufgefallen, dass wir fast alle mit 13 ein unangenehmes Erlebnis hatten, was uns so krass geprägt hat. Wir dadurch zum Beispiel jahrelang versucht haben, unsere Weiblichkeit in großen Klamotten zu verstecken. Jahrelang versteckt, bis irgendwann der Punkt kam, an dem wir alt genug waren und realisiert haben, dass das weder was mit unseren Klamotten noch etwas mit unserem Alter zu tun hatte. Es ist egal, ob ich den Rock trage oder die lange Hose, die Belästigungen passieren einem trotzdem. 

Tayla: Oh mein Gott ja. Krass stimmt, das kommt echt erst jetzt bei mir wieder, dass ich Lust habe, was mit Ausschnitt zu tragen oder so. 

Ja voll, ich glaube umso älter man wird, desto mehr hat man vielleicht die mentale Stärke entwickelt, damit umzugehen und ist als Person gefestigt. 

Tayla: Ja genau, weil ich mir jetzt auch klar in meinen Meinungen dazu bin und klar weiß: Wenn jemand sowas sagt, ist das gar nicht meine Schuld. Meine Mum war früher, was das Thema Klamotten in meiner Jugend anging, auch echt cool. Sie meinte immer, als ich ca. 12-13 Jahre alt war, dass ich alles anziehen kann, was ich will, da es mein Körper ist. Sie hat mich aber auch gleichzeitig vor der Realität gewarnt, dass ich vielleicht dumme Sprüche dafür bekomme und sie Angst hat, da ich das noch nicht erfahren habe, noch nicht gut damit umgehen kann.

Aber auch voll schön, dass dir deine Mum das erklärt hat und nicht einfach gesagt hat “ne, das ziehst du jetzt nicht an!”. 

Laura: Die Pubertät ist eh so eine krasse Phase, die einen überfordern kann, da so viel passiert. Am besten sollte die Aufklärungsarbeit über Catcalls im Alter von 11-12 Jahren passieren. Mädchen unter 13 Jahren sollte man auch unbedingt an dieses Thema heranführen, damit sie es einordnen und abschätzen können, was eine Belästigung oder übergriffig ist. In dem Alter kann man das meist ja gar nicht einschätzen und ist überfordert.  

Stimmt, würde man zum Beispiel schon in der Schule dieses Thema besprechen, könnte man bestimmt ein paar Belästigungen verhindern und so auch, dass junge Mädchen versuchen, ihren Körper zu verstecken. 

Tayla: Eine Freundin von mir hat mal K.-o.-Tropfen in ihr Bier bekommen und ihre Mutter meinte damals, dass sie durch ihre Kleidung ja auch Signale ausgesendet hätte. Da wird mir jedes Mal so schlecht, wenn ich das höre, sowas macht mich richtig sauer. 

Laura: Die Schuldfrage ist generell so ein großes Thema. Wenn man zum Beispiel einen Catcall wegen einem Rock bekommt, geht man ja mit dem Gefühl weg, dass es meine Schuld ist. Ich habe den Rock ja angezogen, also muss es ja meine Schuld sein. Es ist aber nicht meine Schuld, sondern der Mann hätte sich einfach mal diesen ekelhaften Kommentar verkneifen können. Auch das Beispiel mit deiner Freundin zeigt, wie internalisiert Sexismus ist und dass es auch frauenfeindliche Frauen gibt. Wie bei der Mutter von deiner Freundin, dass sie das am Ende sogar zu ihren Kindern sagt, weil sie beigebracht bekommen hat: Du als Frau bist sowieso schuld. Schon in der Grundschule fängt es damit an, dass alle Mädchen auf den gleichen Jungen stehen müssen, sonst ist man uncool. Natürlich kann aber nur eine mit ihm zusammenkommen, schon mit diesem Wettbewerb fängt die Frauenfeindlichkeit unter Frauen an. Das ist ein großes Problem, weil wir mit Feindlichkeit unter Frauen nie groß was erreichen können. Wir müssen solidarisch miteinander sein, wenn wir was erreichen wollen, anders kann es nicht funktionieren. Daher ist es auch so wichtig, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. 

Für Menschen, die jetzt vielleicht neugierig auf das Projekt geworden sind: Wie kann man euch unterstützen?  

Tayla: Zum Beispiel Kreide spenden, die kann man für uns im Klatsch abgeben. Einen Reel-Profi bräuchten wir eigentlich auch mal im Team (lacht). Falls sich jetzt jemand angesprochen fühlt, meldet euch gerne bei uns. 

Letzte Frage: Was sind die drei wichtigsten Eigenschaften, die ein Mensch für euch haben sollte? 

Laura: Humor, weil ohne Spaß geht gar nichts. Ehrlichkeit; Flunkern ist aber okay bei gewissen Zwecken, und das Wichtigste an einer Person ist für mich die Herzensgüte. Damit mein ich nicht es immer sein zu müssen, aber ein grundlegender Wunsch, ein guter Mensch zu sein. 

Tayla: Das Erste, was mir einfällt, ist emphatisch sein und auch ehrlich sein. Wobei man bei empathisch und ehrlich an manchen Stellen auch nicht ehrlich sein sollte, aber halt an den richtigen Stellen. Für mich persönlich ist auch Humor wichtig, dass man sich selber nicht so ernst nimmt. 

 

Wer auf dem neuesten Stand bleiben möchte, findet das Projekt CatCallsOfWiesbaden auf Instagram unter: @catcallsofwiesbaden. 

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CatCallsOfWiesbaden, ein Projekt, welches zu der weltweiten Organisation ”Chalk Back” gehört, beschäftigt sich, wie es der Name schon verrät, mit dem Thema Catcalling. Catcalling bedeutet so viel wie: “Belästigung auf der Straße”. Sinn dieses Projektes ist es, diese Belästigung durch Ankreiden auf der Straße sichtbar zu machen. Anfang dieses Jahres durfte ich Tayla (21) und Laura (22) von dem sonst 6-köpfigen Team CatCallsOfWiesbaden zum Interview treffen. Die zwei haben nämlich für sich entschieden, dass sie Belästigungen ganz schön ätzend finden und etwas dagegen unternehmen wollen, was ich ziemlich cool finde. Nachdem wir erst etwas herum getigert sind – das Klatsch hatte zu, das Café Westend war voll besetzt –  landeten wir letztendlich auf Treppen irgendwo im Westend. Dort unterhielten wir uns über das Projekt CatCallsOfWiesbaden, ob es richtige Wege gibt, auf einen Catcall zu reagieren und generell über das Frausein in einer Gesellschaft wie dieser. Obwohl jede von uns ihre eigenen Erlebnisse mit Belästigung gemacht hat, merkten wir schnell, dass es doch viele Parallelen zwischen unseren Erfahrungen gibt. Am Ende waren wir uns einig: Es muss noch viel getan werden, man muss am Ball bleiben, doch es geht immer mehr in die richtige Richtung.

Foto Credit: Svenja Baum (@s.baum.photography auf Instagram)

Wie würdet ihr die Organisation CatCallsofWiesbaden jemandem erklären, der sie noch nicht kennt? 

Tayla: Als erstes frag ich immer, ob die Person überhaupt den Begriff Catcall kennt. Wenn die Person damit nichts anfangen kann, erkläre ich erstmal diesen Begriff. Meistens mach ich auch ein markantes Beispiel für einen Catcall-Nachruf, danach verstehen meist alle, was damit gemeint ist. Ich erkläre auch, dass CatCallsOfWiesbaden zu einer weltweiten Organisation gehört, welche in vielen Städten vertreten ist. Auch das Prinzip dahinter, dass Betroffene eines Catcalls uns ihre Erfahrung auf Instagram schreiben und wir das dann auf den Boden ankreiden, wo es passiert ist, erkläre ich oft.   

Laura: Es kommt auch oft auf die Umstände an. Wir hatten auch schon Termine, wo es darum ging, uns professionell vorzustellen. Bei diesen Treffen holt man meist etwas weiter aus und erklärt die weltweite Organisation Chalk Back, dass es zum Beispiel auch eine große Jugendbewegung ist. Es Kindern zu erklären ist auch nochmal eine andere Sache. Die meisten Kids können schon mit dem Wort Mobbing was anfangen, über den Ansatz versuche ich ihnen dann zu erklären, was wir machen. Auch das Wort “Ankreiden” und das Wortspiel dahinter verstehen viele am Anfang nicht. Der Begriff Ankreiden hat ja zwei Bedeutungen, einmal das tatsächliche Ankreiden und “jemandem etwas ankreiden”, die Doppeldeutigkeit erkläre ich daher auch mal.

Wie seid ihr darauf gekommen, das Projekt auch in Wiesbaden zu starten? 

Laura: Ich war damals noch in der Ausbildung als Erzieherin und in Mainz auf einer Schule. Einmal als ich nach Hause gelaufen bin, habe ich einen angekreideten Catcall gesehen und dachte mir: “Ach krass, ich verfolge das Projekt in New York jetzt schon seit zwei Jahren auf Instagram. Cool, dass das jetzt auch schon in Mainz angekommen ist!” Ich habe dann eine Arbeitskollegin von mir gefragt, ob sie Bock hätte, das mit mir zu starten und so nahm das Ganze seinen Lauf.

Warum wolltet ihr denn bei CatCallsOfWiesbaden mitmachen bzw. Laura, warum wolltest du das Projekt auch nach Wiesbaden bringen? 

Laura: Bei mir gab es tatsächlich mal einen Vorfall am Mainzer Hauptbahnhof, wo mich ein Mann über längere Zeit belästigt hat und Sachen gesagt hat, wie “Mein Engel bleib stehen” und mich mit sonst was betitelt hat. Ich bin danach zur Polizei und wollte ihn anzeigen. Mir wurde aber schon während ich meine Aussage gemacht habe, gesagt, dass das sehr aussichtslos ist, was ich da gerade versuche. Das war für mich ein sehr prägendes Erlebnis, was mich dazu bewegt hat, selber aktiv zu werden. 

Tayla: Bei mir wurde der Mitmach-Wunsch im Endeffekt auch durch einen Catcall, den ich erfahren habe, ausgelöst. Das waren damals drei Männer, die mich in der Situation auch noch so verarscht haben, dass ich danach einfach nur mega sauer war. Ich war so wütend, weil ich mich so machtlos gefühlt habe und auch so bloßgestellt. Der Catcall passierte damals auf dem Weg zwischen Schlachthof und Hauptbahnhof und ich kann mich noch daran erinnern, dass ich dachte: “Ey, das kann doch nicht sein, dass mir das bei diesem kleinen Weg von fünf Minuten passiert!”. Eine Freundin von mir hat mich dann auf das Projekt CatCallsOfWiesbaden aufmerksam gemacht. Ich fand die Idee mega cool und habe damals direkt über ihr Handy der Instagramseite von  CatCallsOfWiesbaden geschrieben, dass ich gerne mitmachen möchte. 

Bei euch beiden war der Auslöser, um aktiv zu werden, also ein einprägsamer Catcall, den ihr erfahren habt. Was würdet ihr sagen, gibt euch das Projekt beziehungsweise was wollt ihr damit erreichen?  

Laura: Das, was Tayla eben gesagt hat, ist, glaube ich, ein großer Punkt, nämlich das Gefühl, etwas zu machen, beziehungsweise wo mitzumachen. In den Situationen, wo du gecatcalled wirst, bist du ja in der Regel oft unterlegen, sei es in der Gesamtzahl der Personen oder anderweitig. Ich glaube, das Projekt gibt einem auch die Möglichkeit, dass man sich nicht hilflos fühlt. Beim Ankreiden hat man einen klaren Plan, was man macht. Das ist ja auch ein wenig die Idee, indem wir sagen, wir gewinnen durch das Ankreiden diesen Ort zurück. Natürlich muss man auch bedenken, dass wir damit in eine Wiederholung des Ereignisses gehen. Das wird auch oft an unserem Projekt kritisiert, dass wir dieses Negativ-Verhalten nochmal aufschreiben. Jedoch setzen wir damit ja ein klares Statement, nämlich: “Stoppt die Belästigung!”.

Es geht darum den Ort zurückzugewinnen, ein klares Statement zu dem Thema zu setzen und sich auch ein Stück von der Situation zurückzuholen, um diese zu verarbeiten.

Auch zu wissen, da wird nochmal was getan, wenn man sich vielleicht in dem eigentlichen Moment der Belästigung nicht äußern konnte. 

Der Gedanke, sich den Ort dadurch zurückzuholen, gefällt mir total. Auch Wiederholungen, in denen man nun selbst die Kontrolle über die Situation hat, denke ich, können einem ja bei der Verarbeitung helfen. Wie würdet Ihr denn das allgemeine Ziel der Organisation beschreiben?

Laura: Aufklärung. Also, der Hauptfokus ist aktuell tatsächlich, dass die Menschen das Wort “Catcalling” überhaupt kennen. Viele kennen den Begriff nämlich gar nicht und das gehört praktisch auch zu dem Stufenplan von der Gründerin dazu. Also Step eins ist: Alle Menschen sollten das Wort Catcalling oder zumindest den Begriff verbale sexuelle Belästigung kennen und eine Vorstellung haben, was damit gemeint ist. Der nächste Schritt ist dann die Bildungsarbeit und auch Schutzräume schaffen. Also Schutzräume für Frauen, die sich darüber austauschen wollen und Bildungsarbeit, um sowas in der Zukunft zu verhindern.

Tayla: Genau, das Thema einfach wirklich sichtbar machen. Meine weiblichen Freunde können alle was mit dem Thema anfangen, meine männlichen Freunde, die einfach sehr lieb sind und sowas nicht machen, die sind oft super schockiert. Vor allem, wenn ich den Instagram-Account von CatCallsOfWiesbaden herzeige, sind sie meist super fassungslos und ich denke mir dann immer: Das ist meine Realität, crazy, dass du das nicht wusstest. Aber auch hier ist halt Aufklärung wichtig. 

Laura: Auch um klar zu machen, dass das nichts ist, was irgendjemandem mal ab und zu passiert, es ist eine Erfahrung, die jede Frau schon gemacht hat. Im Regelfall wird eine Frau mit 13 Jahren das erste Mal gecatcalled. In einem kindlichen Alter wird man also schon sexualisiert. Da gilt es den Menschen einfach klar zu machen, dass es für viele Mädchen und Frauen Alltag ist und nicht irgendeine Randgeschichte. 

Als ich euch damals die Interviewanfrage geschickt habe, habt ihr auch erwähnt, dass es euch wichtig ist, mit dem Projekt auch etwas gegen den intersektionalen Sexismus zu erreichen, wie steht dieser denn im Zusammenhang mit eurem Projekt? 

Laura: Grundlegend ist es so, dass wir sagen, ein Feminismus, der nicht intersektional ist, ist kein fairer Feminismus. Intersektionalität bedeutet in dem Sinne, dass ich anerkenne, dass sich verschiedene Diskriminierungsformen überschneiden. People of Colour kommen zum Beispiel häufiger mit Belästigungen oder Diskriminierung in Kontakt. Oft überschneidet sich nämlich auch Rassismus und Sexismus. Menschen, welche von verschiedenen Diskriminierungsformen betroffen sind, passiert sowas eben leider viel häufiger. Daher sehen wir es auch als eine unserer Aufgaben, diese Überschneidungen den Menschen durch das Projekt klar zu machen. Was leider auch oft hinten runter fällt, ist, dass Menschen mit Behinderungen eine 20 % höhere Wahrscheinlichkeit haben, Betroffene von Belästigungen zu werden. Auch den Menschen wollen wir durch das Projekt zu mehr Sichtbarkeit verhelfen. Deswegen nutzen wir zum Beispiel auch nochmal andere Hashtags auf Instagram, wenn die Situation einen erkennbaren sexistischen sowie rassistischen Einfluss hatte.  

Ich muss sagen, ich habe auch erst durch euch gelernt, was intersektionaler Sexismus bedeutet. Was würdet ihr euch denn für die Zukunft wünschen, was sich verändert und was bedeutet Feminismus für euch persönlich? 

Tayla: Also simpel gesagt, einfach Gleichberechtigung. Feminismus ist da eine Sparte von vielen, doch alle haben dasselbe Ziel, nämlich dass jeder Mensch gleich behandelt werden soll.   

Laura: Es gibt zwei Bücher, an denen ich mich bei der Frage immer orientiere. Das eine ist von Mahatma Gandhi, in dem Buch hat er geschrieben: “Wenn die Hälfte der Weltbevölkerung unterdrückt ist, können wir nirgendwo von Freiheit sprechen”, da hat er Frauen mitgemeint. 

Das zweite Buch heißt “Untenrum frei” von Margarete Stokowski, da meinte sie nämlich, dass Feminismus nicht nur für die Freiheit der Frau kämpft, sondern auch immer ein Stück für die Freiheit der Männer, da auch Männer von vielen Vorurteilen betroffen sind. Beim Feminismus wollen wir ja nicht nur Vorurteile gegen Feminist:innen oder gegen Frauen und den Sexismus abbauen. Von dem Abbau von Stereotypen kann jede und jeder nur profitieren.

Ich würde sagen Feminismus ist für alle da und er tut allen was Gutes. Feminismus versucht, für alle Menschen Freiheiten zu erkämpfen. Nicht nur für Frauen, natürlich nicht so krass, aber ein Stück weit bezieht das auch Männer mit ein. 

 

Ab wann würdet ihr von einem Catcall sprechen? 

Laura: Jegliche verbale Belästigung im öffentlichen, aber auch im nicht-öffentlichen Raum. An sich ist Catcalling ja schon im öffentlichen Raum definiert, doch auch wenn es am Arbeitsplatz oder innerhalb der Beziehung stattfindet, kann man meiner Meinung nach noch von Catcalling sprechen. Das Prinzip bleibt hierbei ja das gleiche; im Regelfall haben wir entweder eine Sexualisierung oder eine Objektifizierung der Person vorliegen. Auch die Verschiebung von Machtverhältnissen spielt hierbei eine Rolle, meist versucht eine Person mit dem Catcall über die andere Person Macht auszuüben. Was man auch nicht vergessen sollte, ist, dass ein Catcall eine individuelle Komponente hat. Es gibt Situationen, da fühlen sich manche Personen schon gecatcalled und manch andere Personen eben noch nicht.

Foto Credit: Svenja Baum (@s.baum.photography auf Instagram)

Was würdet ihr sagen, ist generell der Unterschied zwischen einem Kompliment und einem Catcall? 

Tayla: Am wichtigsten ist am Anfang immer zu klären: Was ist überhaupt ein Kompliment? Und sich das mal bewusst zu machen. Ein Kompliment ist ja etwas, womit sich der oder die Empfänger:in gut fühlt und wenn das nicht der Fall ist, dann war es kein Kompliment. Es war dann vielleicht als eines gemeint, aber es ist keines, weil es kam nicht so an. Es kommt auch immer auf die Situation an. 

Laura: Um drei Uhr nachts ist ein “Hey, wie gehts?” zum Beispiel einfach nur gruselig. Es kommt auch auf den Kontext an, zum Beispiel Altersunterschiede spielen eine große Rolle. Auch wenn ein 40-Jähriger das zu einer 14-Jährigen sagt, ist es einfach nur unangebracht.

Tayla: Ich finde, man hat aber immer das Recht zu sagen, wenn man etwas nicht als Kompliment empfindet. Wenn mir zum Beispiel jemand sagen würde: “Boah, du hast voll schöne Augen!”, dann finde ich, ich habe auch das Recht zu sagen, dass das gerade ehrlich gesagt kein Kompliment für mich war und ich mich damit nicht wohl fühle. Die andere Person sollte dann auch nicht mit mir rumdiskutieren. Man kann ja sagen, dass es als Kompliment gemeint war, es einem leidtut, dass das gerade nicht so ankam, der Person noch einen schönen Tag wünschen und sie dann in Ruhe lassen. Damit wäre die Situation geklärt. Ein Zitat, was ich auch immer gern verwende, ist das von Antonia Quell, sie hat mal gesagt: “Wenn du es nicht zu deiner Mutter sagen würdest, solltest du es auch nicht zu einer fremden Person auf der Straße sagen”. Ich weiß jetzt nicht mehr den genauen Wortlaut, aber so in dem Sinne.

Meint ihr denn, es gibt richtige Arten, um auf Catcalling zu reagieren? 

Tayla: Nein, darauf gibt es keine richtige Reaktion. Ich finde es total wichtig, der Person, der der Catcall widerfährt, klar zu machen, dass sie nichts falsch gemacht hat. Deswegen gibt es auch keine richtigen oder falschen Reaktionen. Du bist in dem Moment ja nicht die Person, die was falsch gemacht hat, sondern die Person, die falsch behandelt wird. Es gibt Tage, wo man vielleicht Bock hat, die Person anzuschnauzen oder es ihr zu erklären, was daran nicht okay ist und es gibt Tage, wo man es vielleicht einfach ignorieren will. Das Wichtigste ist aber immer, dass man sicher ist. Im Zweifelsfall sollte man sogar lieber die Polizei rufen, wenn man Angst hat. 

Laura: Mir sind auch zwei bis drei Sachen eingefallen, die wir immer sehr betonen. Erstens, dass nicht zu reagieren völlig in Ordnung ist. Vor allem Personen, denen das zum ersten Mal passiert, sind meistens total überfordert mit der Situation und können daher gar keine Reaktion hervorbringen. Was wir letztens auch hatten, ist, dass jemand wollte, dass wir zu der Person gehen und diese öffentlich bloßstellen. Das ist auch ein Weg, von dem ich abraten würde, da man sich selbst strafbar macht. Von jeder Reaktion, mit der man sich selbst strafbar macht, würde ich, falls nicht notwendig, eher abraten. Dazu gehört auch, körperlich gegen die Person vorzugehen. Catcalling ist halt leider legal. Unterm Strich würde ich sagen, solange man nichts macht, womit man sich selbst strafbar macht, ist alles im Rahmen der Reaktion. Auch Ausrasten finde ich angemessen. 

Was würdet ihr den Personen raten, was sie machen sollen, wenn sie gecatcalled werden? 

Laura: Letzten Freitag habe ich einen Workshop im Frauengesundheitszentrum angeboten, zu dem Thema “Erfahrungsaustausch Catcalling”. Da ging es genau darum, was man in solchen Situationen machen kann. Ganz wichtig ist, glaube ich, immer seine Stabilität wiederzufinden, wenn man gecatcalled wird. Der Fokus sollte am besten immer darauf liegen, bei sich zu bleiben und mit sich selbst klar zu kommen. Das ist viel wichtiger, als da ne Reaktion zu zeigen. Wir haben auch darüber gesprochen, was man machen oder nicht machen sollte, wenn man mitbekommt, dass jemand gecatcalled wird. Wenn ich zum Beispiel von einem Mann gecatcalled werde und dann kommt ein anderer Mann und greift einfach in die Situation ein und will das für mich “regeln”, ist das irgendwie auch übergriffig. Er sollte mich vorher fragen, ob er mir helfen soll.

Wie würdet ihr denn reagieren, wenn ihr als außenstehende Person einen Catcall mitbekommt? 

Tayla: Das Szenario, was Laura eben beschrieben hat, finde ich zum Beispiel voll schwierig. Wenn ich in einer Situation wäre, in der ich merke, die Frau fühlt sich bedroht und sagt deshalb in einem ängstlichen Ton: “Nein danke, ich brauch keine Hilfe”, dann würde ich wahrscheinlich dennoch eingreifen. 

Laura: Ich glaube, in den Situationen kann man sich aber auch abgrenzen. Es gibt einen Unterschied, ob ich zu der Person hingehe und sage: “Alter, du belästigst gerade diese Frau!”, oder ob ich sage: “Ich finde das gerade nicht in Ordnung was du machst”. Somit bleibe ich bei mir und was mir gerade aufgefallen ist, ohne für den anderen Menschen zu sprechen. Die Person, die belästigt wird, könnte dann z. B. auch sagen, dass sie es okay findet. Wie ich meine Worte wähle und wie ich mit der betroffenen Person umgehe, kann, glaube ich, einen großen Unterschied machen. Mit Ich-Aussagen fährt man meist besser als mit Du-Aussagen. Da schwingt meist eine gewisse Wertung mit. Wenn ich sonst der Meinung bin, die Situation löst sich gerade auch ohne Eingriff von mir, bleibe ich meist einfach in der Nähe und versuche der Person zu vermitteln, dass ich da bin, falls etwas ist. Ich hole mein Handy raus, halte Blickkontakt, bin einfach da, falls es eskaliert. Ich glaube, das sind so Kleinigkeiten, mit denen ich nicht eingreife, aber einer Person schon Sicherheit geben kann. 

Stimmt, anwesend bleiben kann bestimmt schon Sicherheit vermitteln, ohne dass man sich übergriffig verhält. 

Laura: Es gibt ja auch oft Catcall-Situationen und keine:r, der das mitbekommt, reagiert darauf. Wir hatten schon viele Einsendungen auf Instagram, wo uns geschrieben wurde, dass keiner zu denen kam, obwohl es 20 Leute mitbekommen haben. Ich glaube, in solchen Situationen kann man auch immer zu der betroffenen Person gehen und sagen: “Ich kann mir vorstellen, dir geht gerade nicht gut. Ich hab zwei Minuten, wenn du magst, können wir nochmal darüber sprechen.”, oder “Bist du in Ordnung, soll ich dich noch ein Stück begleiten?”. Solche Sachen kann man immer anbieten, ohne dass man damit jemandem auf die Füße tritt.

Catcalls passieren in der Regel überwiegend Frauen. Kamen denn auch schon Personen, die sich als Männer identifizieren, auf euch zu? 

Laura: Wir hatten bisher eine Einsendung von einem Mann. Der war sich auch sehr unsicher und hat uns gesagt wir sollen das nur ankreiden, wenn wir das auch für sinnvoll halten würden. 

Tayla: Ja, aber wir kreiden das natürlich an! Oft wird nur von der Frauenseite geredet, weil Belästigungen überwiegend auch Frauen passieren. Das macht es ja aber nicht weniger schlimm, wenn ein Mann belästigt wird. Es ist genauso schlimm. 

Laura: Es ist auch wichtig zu betonen, dass Catcalling ein menschenverachtendes Verhalten ist. Da geht es zum Großteil zwar um Frauen, aber natürlich auch um alle anderen Personen, denen das widerfährt. Da gibt es bestimmt auch eine gewisse Hemmschwelle als Mann, das zuzugeben, wenn einem eine Belästigung widerfahren ist. Laut der Gesellschaft muss der Mann ja immer das starke, krasse Geschlecht sein. Deshalb bekommen wir vielleicht auch nicht so viele Einsendungen von Männern. Also wenn uns Männer ihre Belästigungserfahrung auf Instagram schreiben, würden wir das natürlich auch ankreiden gehen. 

Foto Credit: Svenja Baum (s.baum.photography auf Instagram)

Wie waren bisher denn die Reaktionen im Netz auf das Projekt, oder auch wenn ihr die Catcalls ankreidet?  

Laura: Internet und auf der Straße ankreiden, muss man auf jeden Fall differenzieren. Die Reaktionen im Internet sind meist sehr positiv, da haben wir nur alle drei Monate mal einen Kommentar, den wir löschen. Zum Beispiel, wenn Leute kommentieren: “Das war doch keine Belästigung, sondern nur ein Icebreaker”. Manchmal diskutieren wir auch mit der Person unter dem Bild darüber. Es gibt aber auch Dinge, die sind so hart, die löschen wir dann einfach, weil wir das der betroffenen Person nicht antun wollen, dass sie sich das nochmal durchlesen muss. Oft sind auch einfach nicht die Kapazitäten da, nochmal ewig lang die Hintergründe zu erklären. Beim eigentlichen Ankreiden hatten wir schon sehr unterschiedliche Reaktionen. 

Tayla: Ja, auf jeden Fall, da gibt es Leute, die einfach vorbeilaufen und sagen “cooles Projekt” oder einfach nen Daumen hoch zeigen. Es gibt aber auch Leute, die direkt einsteigen und über irgendwelche feministischen Themen diskutieren wollen. Letztens zum Beispiel hat eine Frau gesagt, dass sie die MeToo-Bewegung super frech findet. Die Frauen hätten doch bewusst mit den Männern geschlafen, um Karriere zu machen und dass das frei deren Entscheidung war. Sie meinte, die Frauen sollten dann entweder die Karriere sein lassen oder sich halt nicht beschweren. 

Das ist auf jeden Fall eine krasse Meinung. Versucht ihr dann auch mit der Person zu reden, wenn sowas geäußert wird? 

Tayla & Laura: JA!

Laura: Es gibt aber auch Situationen, da sag ich ab einem gewissen Punkt, dass ich mir das jetzt nicht mehr gebe, weil es so menschenfeindlich ist und es so eine Grenze von mir überschreitet. Man muss sich ja auch nicht auf jede Diskussion einlassen. Andererseits gibt es aber auch Diskussionen, die voll positiv verlaufen, wo man merkt, dass man bei dem Menschen wirklich was bewegt hat. 

Aber voll gut, dass man dann auch positive Erfahrungen hat, solche Diskussionen können ja schon kräfteraubend sein, da motiviert es einen sicher, wenn man merkt, man bewirkt auch was beim Gegenüber. 

Laura: Ja, es kommt halt voll drauf an, wie festgefahren die Leute sind. Manche sind halt leider auch so festgefahren, da merkt man schnell, dass man da nichts groß erreichen kann.

Tayla: Sehr spannend ist auch anzukreiden, wenn man danach die Zeit hat, sich daneben zu setzen und zu gucken, wie die Leute darauf reagieren. Da sieht man ganz unterschiedliche Reaktionen, bei manchen merkt man, dass sie darüber nachdenken, die Aktion gut finden und manche laufen auch einfach nur drüber. (Lacht) Einer hat auch mal ärgerlich dagegen getreten, nach dem Motto “was ist das denn?”.  

Laura, du sagtest eben, dass Catcalls in Deutschland leider noch legal sind, kann man denn gar nicht rechtlich gegen einen Catcall vorgehen?

Laura: Das kommt darauf an, was dir passiert ist. Was man immer anzeigen kann, ist, wenn man sich bedroht gefühlt hat, aber dann muss man der Polizei auch genau erklären können, warum man sich so gefühlt hat. Auch Beleidigungen kann man anzeigen und alles, was halt mit Hands-On übergriffig ist. Ansonsten glaube ich auch, dass krasse Aufforderungen zur Sexualität zur Anzeige gebracht werden können, aber die klassischen Catcalls wie zum Beispiel “Hey geiler Arsch!”, da kann man tatsächlich, zumindest in Deutschland, leider nichts machen.  

Vielleicht noch abschließend für Menschen, die sich jetzt noch mehr mit dem Thema auseinandersetzen möchten: Habt ihr da Quellen, die ihr empfehlen könntet?

Laura: Ein Buch, was ich generell empfehlen kann, ist von Margarete Stokowski, das heißt “Untenrum Frei”. In dem Buch geht es hauptsächlich um die Frage, wo Frauen Sexismus ausgeliefert sind, was leider meist schon in der Grundschule anfängt. Ansonsten würde ich auch unser Jugendsachbuch zum Thema Catcalling von Hannah Klümper gerne erwähnen, was im Juni rauskommt. Ich selber habe das Buch noch nicht gelesen, es ist aber das erste Buch, was über das Thema Catcalling erscheint. Es gibt noch eine gute Studie von HollaBack, wo es um das Alter geht, in dem Personen gecatcalled werden. Sonst natürlich uns auf Instagram folgen und unsere Workshopangebote besuchen. Ich glaube, wo man sich auch fast am besten informieren kann, ist, wenn man mal ganz offen auf Freundinnen zu geht und sich mit ihnen über diese Themen unterhält und Erfahrungen austauscht. 

Auch erschreckend, dass es schon in der Grundschule mit dem Sexismus anfängt. 

Laura: Ja voll! Letztens ist uns auch aufgefallen, dass wir fast alle mit 13 ein unangenehmes Erlebnis hatten, was uns so krass geprägt hat. Wir dadurch zum Beispiel jahrelang versucht haben, unsere Weiblichkeit in großen Klamotten zu verstecken. Jahrelang versteckt, bis irgendwann der Punkt kam, an dem wir alt genug waren und realisiert haben, dass das weder was mit unseren Klamotten noch etwas mit unserem Alter zu tun hatte. Es ist egal, ob ich den Rock trage oder die lange Hose, die Belästigungen passieren einem trotzdem. 

Tayla: Oh mein Gott ja. Krass stimmt, das kommt echt erst jetzt bei mir wieder, dass ich Lust habe, was mit Ausschnitt zu tragen oder so. 

Ja voll, ich glaube umso älter man wird, desto mehr hat man vielleicht die mentale Stärke entwickelt, damit umzugehen und ist als Person gefestigt. 

Tayla: Ja genau, weil ich mir jetzt auch klar in meinen Meinungen dazu bin und klar weiß: Wenn jemand sowas sagt, ist das gar nicht meine Schuld. Meine Mum war früher, was das Thema Klamotten in meiner Jugend anging, auch echt cool. Sie meinte immer, als ich ca. 12-13 Jahre alt war, dass ich alles anziehen kann, was ich will, da es mein Körper ist. Sie hat mich aber auch gleichzeitig vor der Realität gewarnt, dass ich vielleicht dumme Sprüche dafür bekomme und sie Angst hat, da ich das noch nicht erfahren habe, noch nicht gut damit umgehen kann.

Aber auch voll schön, dass dir deine Mum das erklärt hat und nicht einfach gesagt hat “ne, das ziehst du jetzt nicht an!”. 

Laura: Die Pubertät ist eh so eine krasse Phase, die einen überfordern kann, da so viel passiert. Am besten sollte die Aufklärungsarbeit über Catcalls im Alter von 11-12 Jahren passieren. Mädchen unter 13 Jahren sollte man auch unbedingt an dieses Thema heranführen, damit sie es einordnen und abschätzen können, was eine Belästigung oder übergriffig ist. In dem Alter kann man das meist ja gar nicht einschätzen und ist überfordert.  

Stimmt, würde man zum Beispiel schon in der Schule dieses Thema besprechen, könnte man bestimmt ein paar Belästigungen verhindern und so auch, dass junge Mädchen versuchen, ihren Körper zu verstecken. 

Tayla: Eine Freundin von mir hat mal K.-o.-Tropfen in ihr Bier bekommen und ihre Mutter meinte damals, dass sie durch ihre Kleidung ja auch Signale ausgesendet hätte. Da wird mir jedes Mal so schlecht, wenn ich das höre, sowas macht mich richtig sauer. 

Laura: Die Schuldfrage ist generell so ein großes Thema. Wenn man zum Beispiel einen Catcall wegen einem Rock bekommt, geht man ja mit dem Gefühl weg, dass es meine Schuld ist. Ich habe den Rock ja angezogen, also muss es ja meine Schuld sein. Es ist aber nicht meine Schuld, sondern der Mann hätte sich einfach mal diesen ekelhaften Kommentar verkneifen können. Auch das Beispiel mit deiner Freundin zeigt, wie internalisiert Sexismus ist und dass es auch frauenfeindliche Frauen gibt. Wie bei der Mutter von deiner Freundin, dass sie das am Ende sogar zu ihren Kindern sagt, weil sie beigebracht bekommen hat: Du als Frau bist sowieso schuld. Schon in der Grundschule fängt es damit an, dass alle Mädchen auf den gleichen Jungen stehen müssen, sonst ist man uncool. Natürlich kann aber nur eine mit ihm zusammenkommen, schon mit diesem Wettbewerb fängt die Frauenfeindlichkeit unter Frauen an. Das ist ein großes Problem, weil wir mit Feindlichkeit unter Frauen nie groß was erreichen können. Wir müssen solidarisch miteinander sein, wenn wir was erreichen wollen, anders kann es nicht funktionieren. Daher ist es auch so wichtig, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. 

Für Menschen, die jetzt vielleicht neugierig auf das Projekt geworden sind: Wie kann man euch unterstützen?  

Tayla: Zum Beispiel Kreide spenden, die kann man für uns im Klatsch abgeben. Einen Reel-Profi bräuchten wir eigentlich auch mal im Team (lacht). Falls sich jetzt jemand angesprochen fühlt, meldet euch gerne bei uns. 

Letzte Frage: Was sind die drei wichtigsten Eigenschaften, die ein Mensch für euch haben sollte? 

Laura: Humor, weil ohne Spaß geht gar nichts. Ehrlichkeit; Flunkern ist aber okay bei gewissen Zwecken, und das Wichtigste an einer Person ist für mich die Herzensgüte. Damit mein ich nicht es immer sein zu müssen, aber ein grundlegender Wunsch, ein guter Mensch zu sein. 

Tayla: Das Erste, was mir einfällt, ist emphatisch sein und auch ehrlich sein. Wobei man bei empathisch und ehrlich an manchen Stellen auch nicht ehrlich sein sollte, aber halt an den richtigen Stellen. Für mich persönlich ist auch Humor wichtig, dass man sich selber nicht so ernst nimmt. 

 

Wer auf dem neuesten Stand bleiben möchte, findet das Projekt CatCallsOfWiesbaden auf Instagram unter: @catcallsofwiesbaden. 

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CatCallsOfWiesbaden, ein Projekt, welches zu der weltweiten Organisation ”Chalk Back” gehört, beschäftigt sich, wie es der Name schon verrät, mit dem Thema Catcalling. Catcalling bedeutet so viel wie: “Belästigung auf der Straße”. Sinn dieses Projektes ist es, diese Belästigung durch Ankreiden auf der Straße sichtbar zu machen. Anfang dieses Jahres durfte ich Tayla (21) und Laura (22) von dem sonst 6-köpfigen Team CatCallsOfWiesbaden zum Interview treffen. Die zwei haben nämlich für sich entschieden, dass sie Belästigungen ganz schön ätzend finden und etwas dagegen unternehmen wollen, was ich ziemlich cool finde. Nachdem wir erst etwas herum getigert sind – das Klatsch hatte zu, das Café Westend war voll besetzt –  landeten wir letztendlich auf Treppen irgendwo im Westend. Dort unterhielten wir uns über das Projekt CatCallsOfWiesbaden, ob es richtige Wege gibt, auf einen Catcall zu reagieren und generell über das Frausein in einer Gesellschaft wie dieser. Obwohl jede von uns ihre eigenen Erlebnisse mit Belästigung gemacht hat, merkten wir schnell, dass es doch viele Parallelen zwischen unseren Erfahrungen gibt. Am Ende waren wir uns einig: Es muss noch viel getan werden, man muss am Ball bleiben, doch es geht immer mehr in die richtige Richtung.

Foto Credit: Svenja Baum (@s.baum.photography auf Instagram)

Wie würdet ihr die Organisation CatCallsofWiesbaden jemandem erklären, der sie noch nicht kennt? 

Tayla: Als erstes frag ich immer, ob die Person überhaupt den Begriff Catcall kennt. Wenn die Person damit nichts anfangen kann, erkläre ich erstmal diesen Begriff. Meistens mach ich auch ein markantes Beispiel für einen Catcall-Nachruf, danach verstehen meist alle, was damit gemeint ist. Ich erkläre auch, dass CatCallsOfWiesbaden zu einer weltweiten Organisation gehört, welche in vielen Städten vertreten ist. Auch das Prinzip dahinter, dass Betroffene eines Catcalls uns ihre Erfahrung auf Instagram schreiben und wir das dann auf den Boden ankreiden, wo es passiert ist, erkläre ich oft.   

Laura: Es kommt auch oft auf die Umstände an. Wir hatten auch schon Termine, wo es darum ging, uns professionell vorzustellen. Bei diesen Treffen holt man meist etwas weiter aus und erklärt die weltweite Organisation Chalk Back, dass es zum Beispiel auch eine große Jugendbewegung ist. Es Kindern zu erklären ist auch nochmal eine andere Sache. Die meisten Kids können schon mit dem Wort Mobbing was anfangen, über den Ansatz versuche ich ihnen dann zu erklären, was wir machen. Auch das Wort “Ankreiden” und das Wortspiel dahinter verstehen viele am Anfang nicht. Der Begriff Ankreiden hat ja zwei Bedeutungen, einmal das tatsächliche Ankreiden und “jemandem etwas ankreiden”, die Doppeldeutigkeit erkläre ich daher auch mal.

Wie seid ihr darauf gekommen, das Projekt auch in Wiesbaden zu starten? 

Laura: Ich war damals noch in der Ausbildung als Erzieherin und in Mainz auf einer Schule. Einmal als ich nach Hause gelaufen bin, habe ich einen angekreideten Catcall gesehen und dachte mir: “Ach krass, ich verfolge das Projekt in New York jetzt schon seit zwei Jahren auf Instagram. Cool, dass das jetzt auch schon in Mainz angekommen ist!” Ich habe dann eine Arbeitskollegin von mir gefragt, ob sie Bock hätte, das mit mir zu starten und so nahm das Ganze seinen Lauf.

Warum wolltet ihr denn bei CatCallsOfWiesbaden mitmachen bzw. Laura, warum wolltest du das Projekt auch nach Wiesbaden bringen? 

Laura: Bei mir gab es tatsächlich mal einen Vorfall am Mainzer Hauptbahnhof, wo mich ein Mann über längere Zeit belästigt hat und Sachen gesagt hat, wie “Mein Engel bleib stehen” und mich mit sonst was betitelt hat. Ich bin danach zur Polizei und wollte ihn anzeigen. Mir wurde aber schon während ich meine Aussage gemacht habe, gesagt, dass das sehr aussichtslos ist, was ich da gerade versuche. Das war für mich ein sehr prägendes Erlebnis, was mich dazu bewegt hat, selber aktiv zu werden. 

Tayla: Bei mir wurde der Mitmach-Wunsch im Endeffekt auch durch einen Catcall, den ich erfahren habe, ausgelöst. Das waren damals drei Männer, die mich in der Situation auch noch so verarscht haben, dass ich danach einfach nur mega sauer war. Ich war so wütend, weil ich mich so machtlos gefühlt habe und auch so bloßgestellt. Der Catcall passierte damals auf dem Weg zwischen Schlachthof und Hauptbahnhof und ich kann mich noch daran erinnern, dass ich dachte: “Ey, das kann doch nicht sein, dass mir das bei diesem kleinen Weg von fünf Minuten passiert!”. Eine Freundin von mir hat mich dann auf das Projekt CatCallsOfWiesbaden aufmerksam gemacht. Ich fand die Idee mega cool und habe damals direkt über ihr Handy der Instagramseite von  CatCallsOfWiesbaden geschrieben, dass ich gerne mitmachen möchte. 

Bei euch beiden war der Auslöser, um aktiv zu werden, also ein einprägsamer Catcall, den ihr erfahren habt. Was würdet ihr sagen, gibt euch das Projekt beziehungsweise was wollt ihr damit erreichen?  

Laura: Das, was Tayla eben gesagt hat, ist, glaube ich, ein großer Punkt, nämlich das Gefühl, etwas zu machen, beziehungsweise wo mitzumachen. In den Situationen, wo du gecatcalled wirst, bist du ja in der Regel oft unterlegen, sei es in der Gesamtzahl der Personen oder anderweitig. Ich glaube, das Projekt gibt einem auch die Möglichkeit, dass man sich nicht hilflos fühlt. Beim Ankreiden hat man einen klaren Plan, was man macht. Das ist ja auch ein wenig die Idee, indem wir sagen, wir gewinnen durch das Ankreiden diesen Ort zurück. Natürlich muss man auch bedenken, dass wir damit in eine Wiederholung des Ereignisses gehen. Das wird auch oft an unserem Projekt kritisiert, dass wir dieses Negativ-Verhalten nochmal aufschreiben. Jedoch setzen wir damit ja ein klares Statement, nämlich: “Stoppt die Belästigung!”.

Es geht darum den Ort zurückzugewinnen, ein klares Statement zu dem Thema zu setzen und sich auch ein Stück von der Situation zurückzuholen, um diese zu verarbeiten.

Auch zu wissen, da wird nochmal was getan, wenn man sich vielleicht in dem eigentlichen Moment der Belästigung nicht äußern konnte. 

Der Gedanke, sich den Ort dadurch zurückzuholen, gefällt mir total. Auch Wiederholungen, in denen man nun selbst die Kontrolle über die Situation hat, denke ich, können einem ja bei der Verarbeitung helfen. Wie würdet Ihr denn das allgemeine Ziel der Organisation beschreiben?

Laura: Aufklärung. Also, der Hauptfokus ist aktuell tatsächlich, dass die Menschen das Wort “Catcalling” überhaupt kennen. Viele kennen den Begriff nämlich gar nicht und das gehört praktisch auch zu dem Stufenplan von der Gründerin dazu. Also Step eins ist: Alle Menschen sollten das Wort Catcalling oder zumindest den Begriff verbale sexuelle Belästigung kennen und eine Vorstellung haben, was damit gemeint ist. Der nächste Schritt ist dann die Bildungsarbeit und auch Schutzräume schaffen. Also Schutzräume für Frauen, die sich darüber austauschen wollen und Bildungsarbeit, um sowas in der Zukunft zu verhindern.

Tayla: Genau, das Thema einfach wirklich sichtbar machen. Meine weiblichen Freunde können alle was mit dem Thema anfangen, meine männlichen Freunde, die einfach sehr lieb sind und sowas nicht machen, die sind oft super schockiert. Vor allem, wenn ich den Instagram-Account von CatCallsOfWiesbaden herzeige, sind sie meist super fassungslos und ich denke mir dann immer: Das ist meine Realität, crazy, dass du das nicht wusstest. Aber auch hier ist halt Aufklärung wichtig. 

Laura: Auch um klar zu machen, dass das nichts ist, was irgendjemandem mal ab und zu passiert, es ist eine Erfahrung, die jede Frau schon gemacht hat. Im Regelfall wird eine Frau mit 13 Jahren das erste Mal gecatcalled. In einem kindlichen Alter wird man also schon sexualisiert. Da gilt es den Menschen einfach klar zu machen, dass es für viele Mädchen und Frauen Alltag ist und nicht irgendeine Randgeschichte. 

Als ich euch damals die Interviewanfrage geschickt habe, habt ihr auch erwähnt, dass es euch wichtig ist, mit dem Projekt auch etwas gegen den intersektionalen Sexismus zu erreichen, wie steht dieser denn im Zusammenhang mit eurem Projekt? 

Laura: Grundlegend ist es so, dass wir sagen, ein Feminismus, der nicht intersektional ist, ist kein fairer Feminismus. Intersektionalität bedeutet in dem Sinne, dass ich anerkenne, dass sich verschiedene Diskriminierungsformen überschneiden. People of Colour kommen zum Beispiel häufiger mit Belästigungen oder Diskriminierung in Kontakt. Oft überschneidet sich nämlich auch Rassismus und Sexismus. Menschen, welche von verschiedenen Diskriminierungsformen betroffen sind, passiert sowas eben leider viel häufiger. Daher sehen wir es auch als eine unserer Aufgaben, diese Überschneidungen den Menschen durch das Projekt klar zu machen. Was leider auch oft hinten runter fällt, ist, dass Menschen mit Behinderungen eine 20 % höhere Wahrscheinlichkeit haben, Betroffene von Belästigungen zu werden. Auch den Menschen wollen wir durch das Projekt zu mehr Sichtbarkeit verhelfen. Deswegen nutzen wir zum Beispiel auch nochmal andere Hashtags auf Instagram, wenn die Situation einen erkennbaren sexistischen sowie rassistischen Einfluss hatte.  

Ich muss sagen, ich habe auch erst durch euch gelernt, was intersektionaler Sexismus bedeutet. Was würdet ihr euch denn für die Zukunft wünschen, was sich verändert und was bedeutet Feminismus für euch persönlich? 

Tayla: Also simpel gesagt, einfach Gleichberechtigung. Feminismus ist da eine Sparte von vielen, doch alle haben dasselbe Ziel, nämlich dass jeder Mensch gleich behandelt werden soll.   

Laura: Es gibt zwei Bücher, an denen ich mich bei der Frage immer orientiere. Das eine ist von Mahatma Gandhi, in dem Buch hat er geschrieben: “Wenn die Hälfte der Weltbevölkerung unterdrückt ist, können wir nirgendwo von Freiheit sprechen”, da hat er Frauen mitgemeint. 

Das zweite Buch heißt “Untenrum frei” von Margarete Stokowski, da meinte sie nämlich, dass Feminismus nicht nur für die Freiheit der Frau kämpft, sondern auch immer ein Stück für die Freiheit der Männer, da auch Männer von vielen Vorurteilen betroffen sind. Beim Feminismus wollen wir ja nicht nur Vorurteile gegen Feminist:innen oder gegen Frauen und den Sexismus abbauen. Von dem Abbau von Stereotypen kann jede und jeder nur profitieren.

Ich würde sagen Feminismus ist für alle da und er tut allen was Gutes. Feminismus versucht, für alle Menschen Freiheiten zu erkämpfen. Nicht nur für Frauen, natürlich nicht so krass, aber ein Stück weit bezieht das auch Männer mit ein. 

 

Ab wann würdet ihr von einem Catcall sprechen? 

Laura: Jegliche verbale Belästigung im öffentlichen, aber auch im nicht-öffentlichen Raum. An sich ist Catcalling ja schon im öffentlichen Raum definiert, doch auch wenn es am Arbeitsplatz oder innerhalb der Beziehung stattfindet, kann man meiner Meinung nach noch von Catcalling sprechen. Das Prinzip bleibt hierbei ja das gleiche; im Regelfall haben wir entweder eine Sexualisierung oder eine Objektifizierung der Person vorliegen. Auch die Verschiebung von Machtverhältnissen spielt hierbei eine Rolle, meist versucht eine Person mit dem Catcall über die andere Person Macht auszuüben. Was man auch nicht vergessen sollte, ist, dass ein Catcall eine individuelle Komponente hat. Es gibt Situationen, da fühlen sich manche Personen schon gecatcalled und manch andere Personen eben noch nicht.

Foto Credit: Svenja Baum (@s.baum.photography auf Instagram)

Was würdet ihr sagen, ist generell der Unterschied zwischen einem Kompliment und einem Catcall? 

Tayla: Am wichtigsten ist am Anfang immer zu klären: Was ist überhaupt ein Kompliment? Und sich das mal bewusst zu machen. Ein Kompliment ist ja etwas, womit sich der oder die Empfänger:in gut fühlt und wenn das nicht der Fall ist, dann war es kein Kompliment. Es war dann vielleicht als eines gemeint, aber es ist keines, weil es kam nicht so an. Es kommt auch immer auf die Situation an. 

Laura: Um drei Uhr nachts ist ein “Hey, wie gehts?” zum Beispiel einfach nur gruselig. Es kommt auch auf den Kontext an, zum Beispiel Altersunterschiede spielen eine große Rolle. Auch wenn ein 40-Jähriger das zu einer 14-Jährigen sagt, ist es einfach nur unangebracht.

Tayla: Ich finde, man hat aber immer das Recht zu sagen, wenn man etwas nicht als Kompliment empfindet. Wenn mir zum Beispiel jemand sagen würde: “Boah, du hast voll schöne Augen!”, dann finde ich, ich habe auch das Recht zu sagen, dass das gerade ehrlich gesagt kein Kompliment für mich war und ich mich damit nicht wohl fühle. Die andere Person sollte dann auch nicht mit mir rumdiskutieren. Man kann ja sagen, dass es als Kompliment gemeint war, es einem leidtut, dass das gerade nicht so ankam, der Person noch einen schönen Tag wünschen und sie dann in Ruhe lassen. Damit wäre die Situation geklärt. Ein Zitat, was ich auch immer gern verwende, ist das von Antonia Quell, sie hat mal gesagt: “Wenn du es nicht zu deiner Mutter sagen würdest, solltest du es auch nicht zu einer fremden Person auf der Straße sagen”. Ich weiß jetzt nicht mehr den genauen Wortlaut, aber so in dem Sinne.

Meint ihr denn, es gibt richtige Arten, um auf Catcalling zu reagieren? 

Tayla: Nein, darauf gibt es keine richtige Reaktion. Ich finde es total wichtig, der Person, der der Catcall widerfährt, klar zu machen, dass sie nichts falsch gemacht hat. Deswegen gibt es auch keine richtigen oder falschen Reaktionen. Du bist in dem Moment ja nicht die Person, die was falsch gemacht hat, sondern die Person, die falsch behandelt wird. Es gibt Tage, wo man vielleicht Bock hat, die Person anzuschnauzen oder es ihr zu erklären, was daran nicht okay ist und es gibt Tage, wo man es vielleicht einfach ignorieren will. Das Wichtigste ist aber immer, dass man sicher ist. Im Zweifelsfall sollte man sogar lieber die Polizei rufen, wenn man Angst hat. 

Laura: Mir sind auch zwei bis drei Sachen eingefallen, die wir immer sehr betonen. Erstens, dass nicht zu reagieren völlig in Ordnung ist. Vor allem Personen, denen das zum ersten Mal passiert, sind meistens total überfordert mit der Situation und können daher gar keine Reaktion hervorbringen. Was wir letztens auch hatten, ist, dass jemand wollte, dass wir zu der Person gehen und diese öffentlich bloßstellen. Das ist auch ein Weg, von dem ich abraten würde, da man sich selbst strafbar macht. Von jeder Reaktion, mit der man sich selbst strafbar macht, würde ich, falls nicht notwendig, eher abraten. Dazu gehört auch, körperlich gegen die Person vorzugehen. Catcalling ist halt leider legal. Unterm Strich würde ich sagen, solange man nichts macht, womit man sich selbst strafbar macht, ist alles im Rahmen der Reaktion. Auch Ausrasten finde ich angemessen. 

Was würdet ihr den Personen raten, was sie machen sollen, wenn sie gecatcalled werden? 

Laura: Letzten Freitag habe ich einen Workshop im Frauengesundheitszentrum angeboten, zu dem Thema “Erfahrungsaustausch Catcalling”. Da ging es genau darum, was man in solchen Situationen machen kann. Ganz wichtig ist, glaube ich, immer seine Stabilität wiederzufinden, wenn man gecatcalled wird. Der Fokus sollte am besten immer darauf liegen, bei sich zu bleiben und mit sich selbst klar zu kommen. Das ist viel wichtiger, als da ne Reaktion zu zeigen. Wir haben auch darüber gesprochen, was man machen oder nicht machen sollte, wenn man mitbekommt, dass jemand gecatcalled wird. Wenn ich zum Beispiel von einem Mann gecatcalled werde und dann kommt ein anderer Mann und greift einfach in die Situation ein und will das für mich “regeln”, ist das irgendwie auch übergriffig. Er sollte mich vorher fragen, ob er mir helfen soll.

Wie würdet ihr denn reagieren, wenn ihr als außenstehende Person einen Catcall mitbekommt? 

Tayla: Das Szenario, was Laura eben beschrieben hat, finde ich zum Beispiel voll schwierig. Wenn ich in einer Situation wäre, in der ich merke, die Frau fühlt sich bedroht und sagt deshalb in einem ängstlichen Ton: “Nein danke, ich brauch keine Hilfe”, dann würde ich wahrscheinlich dennoch eingreifen. 

Laura: Ich glaube, in den Situationen kann man sich aber auch abgrenzen. Es gibt einen Unterschied, ob ich zu der Person hingehe und sage: “Alter, du belästigst gerade diese Frau!”, oder ob ich sage: “Ich finde das gerade nicht in Ordnung was du machst”. Somit bleibe ich bei mir und was mir gerade aufgefallen ist, ohne für den anderen Menschen zu sprechen. Die Person, die belästigt wird, könnte dann z. B. auch sagen, dass sie es okay findet. Wie ich meine Worte wähle und wie ich mit der betroffenen Person umgehe, kann, glaube ich, einen großen Unterschied machen. Mit Ich-Aussagen fährt man meist besser als mit Du-Aussagen. Da schwingt meist eine gewisse Wertung mit. Wenn ich sonst der Meinung bin, die Situation löst sich gerade auch ohne Eingriff von mir, bleibe ich meist einfach in der Nähe und versuche der Person zu vermitteln, dass ich da bin, falls etwas ist. Ich hole mein Handy raus, halte Blickkontakt, bin einfach da, falls es eskaliert. Ich glaube, das sind so Kleinigkeiten, mit denen ich nicht eingreife, aber einer Person schon Sicherheit geben kann. 

Stimmt, anwesend bleiben kann bestimmt schon Sicherheit vermitteln, ohne dass man sich übergriffig verhält. 

Laura: Es gibt ja auch oft Catcall-Situationen und keine:r, der das mitbekommt, reagiert darauf. Wir hatten schon viele Einsendungen auf Instagram, wo uns geschrieben wurde, dass keiner zu denen kam, obwohl es 20 Leute mitbekommen haben. Ich glaube, in solchen Situationen kann man auch immer zu der betroffenen Person gehen und sagen: “Ich kann mir vorstellen, dir geht gerade nicht gut. Ich hab zwei Minuten, wenn du magst, können wir nochmal darüber sprechen.”, oder “Bist du in Ordnung, soll ich dich noch ein Stück begleiten?”. Solche Sachen kann man immer anbieten, ohne dass man damit jemandem auf die Füße tritt.

Catcalls passieren in der Regel überwiegend Frauen. Kamen denn auch schon Personen, die sich als Männer identifizieren, auf euch zu? 

Laura: Wir hatten bisher eine Einsendung von einem Mann. Der war sich auch sehr unsicher und hat uns gesagt wir sollen das nur ankreiden, wenn wir das auch für sinnvoll halten würden. 

Tayla: Ja, aber wir kreiden das natürlich an! Oft wird nur von der Frauenseite geredet, weil Belästigungen überwiegend auch Frauen passieren. Das macht es ja aber nicht weniger schlimm, wenn ein Mann belästigt wird. Es ist genauso schlimm. 

Laura: Es ist auch wichtig zu betonen, dass Catcalling ein menschenverachtendes Verhalten ist. Da geht es zum Großteil zwar um Frauen, aber natürlich auch um alle anderen Personen, denen das widerfährt. Da gibt es bestimmt auch eine gewisse Hemmschwelle als Mann, das zuzugeben, wenn einem eine Belästigung widerfahren ist. Laut der Gesellschaft muss der Mann ja immer das starke, krasse Geschlecht sein. Deshalb bekommen wir vielleicht auch nicht so viele Einsendungen von Männern. Also wenn uns Männer ihre Belästigungserfahrung auf Instagram schreiben, würden wir das natürlich auch ankreiden gehen. 

Foto Credit: Svenja Baum (s.baum.photography auf Instagram)

Wie waren bisher denn die Reaktionen im Netz auf das Projekt, oder auch wenn ihr die Catcalls ankreidet?  

Laura: Internet und auf der Straße ankreiden, muss man auf jeden Fall differenzieren. Die Reaktionen im Internet sind meist sehr positiv, da haben wir nur alle drei Monate mal einen Kommentar, den wir löschen. Zum Beispiel, wenn Leute kommentieren: “Das war doch keine Belästigung, sondern nur ein Icebreaker”. Manchmal diskutieren wir auch mit der Person unter dem Bild darüber. Es gibt aber auch Dinge, die sind so hart, die löschen wir dann einfach, weil wir das der betroffenen Person nicht antun wollen, dass sie sich das nochmal durchlesen muss. Oft sind auch einfach nicht die Kapazitäten da, nochmal ewig lang die Hintergründe zu erklären. Beim eigentlichen Ankreiden hatten wir schon sehr unterschiedliche Reaktionen. 

Tayla: Ja, auf jeden Fall, da gibt es Leute, die einfach vorbeilaufen und sagen “cooles Projekt” oder einfach nen Daumen hoch zeigen. Es gibt aber auch Leute, die direkt einsteigen und über irgendwelche feministischen Themen diskutieren wollen. Letztens zum Beispiel hat eine Frau gesagt, dass sie die MeToo-Bewegung super frech findet. Die Frauen hätten doch bewusst mit den Männern geschlafen, um Karriere zu machen und dass das frei deren Entscheidung war. Sie meinte, die Frauen sollten dann entweder die Karriere sein lassen oder sich halt nicht beschweren. 

Das ist auf jeden Fall eine krasse Meinung. Versucht ihr dann auch mit der Person zu reden, wenn sowas geäußert wird? 

Tayla & Laura: JA!

Laura: Es gibt aber auch Situationen, da sag ich ab einem gewissen Punkt, dass ich mir das jetzt nicht mehr gebe, weil es so menschenfeindlich ist und es so eine Grenze von mir überschreitet. Man muss sich ja auch nicht auf jede Diskussion einlassen. Andererseits gibt es aber auch Diskussionen, die voll positiv verlaufen, wo man merkt, dass man bei dem Menschen wirklich was bewegt hat. 

Aber voll gut, dass man dann auch positive Erfahrungen hat, solche Diskussionen können ja schon kräfteraubend sein, da motiviert es einen sicher, wenn man merkt, man bewirkt auch was beim Gegenüber. 

Laura: Ja, es kommt halt voll drauf an, wie festgefahren die Leute sind. Manche sind halt leider auch so festgefahren, da merkt man schnell, dass man da nichts groß erreichen kann.

Tayla: Sehr spannend ist auch anzukreiden, wenn man danach die Zeit hat, sich daneben zu setzen und zu gucken, wie die Leute darauf reagieren. Da sieht man ganz unterschiedliche Reaktionen, bei manchen merkt man, dass sie darüber nachdenken, die Aktion gut finden und manche laufen auch einfach nur drüber. (Lacht) Einer hat auch mal ärgerlich dagegen getreten, nach dem Motto “was ist das denn?”.  

Laura, du sagtest eben, dass Catcalls in Deutschland leider noch legal sind, kann man denn gar nicht rechtlich gegen einen Catcall vorgehen?

Laura: Das kommt darauf an, was dir passiert ist. Was man immer anzeigen kann, ist, wenn man sich bedroht gefühlt hat, aber dann muss man der Polizei auch genau erklären können, warum man sich so gefühlt hat. Auch Beleidigungen kann man anzeigen und alles, was halt mit Hands-On übergriffig ist. Ansonsten glaube ich auch, dass krasse Aufforderungen zur Sexualität zur Anzeige gebracht werden können, aber die klassischen Catcalls wie zum Beispiel “Hey geiler Arsch!”, da kann man tatsächlich, zumindest in Deutschland, leider nichts machen.  

Vielleicht noch abschließend für Menschen, die sich jetzt noch mehr mit dem Thema auseinandersetzen möchten: Habt ihr da Quellen, die ihr empfehlen könntet?

Laura: Ein Buch, was ich generell empfehlen kann, ist von Margarete Stokowski, das heißt “Untenrum Frei”. In dem Buch geht es hauptsächlich um die Frage, wo Frauen Sexismus ausgeliefert sind, was leider meist schon in der Grundschule anfängt. Ansonsten würde ich auch unser Jugendsachbuch zum Thema Catcalling von Hannah Klümper gerne erwähnen, was im Juni rauskommt. Ich selber habe das Buch noch nicht gelesen, es ist aber das erste Buch, was über das Thema Catcalling erscheint. Es gibt noch eine gute Studie von HollaBack, wo es um das Alter geht, in dem Personen gecatcalled werden. Sonst natürlich uns auf Instagram folgen und unsere Workshopangebote besuchen. Ich glaube, wo man sich auch fast am besten informieren kann, ist, wenn man mal ganz offen auf Freundinnen zu geht und sich mit ihnen über diese Themen unterhält und Erfahrungen austauscht. 

Auch erschreckend, dass es schon in der Grundschule mit dem Sexismus anfängt. 

Laura: Ja voll! Letztens ist uns auch aufgefallen, dass wir fast alle mit 13 ein unangenehmes Erlebnis hatten, was uns so krass geprägt hat. Wir dadurch zum Beispiel jahrelang versucht haben, unsere Weiblichkeit in großen Klamotten zu verstecken. Jahrelang versteckt, bis irgendwann der Punkt kam, an dem wir alt genug waren und realisiert haben, dass das weder was mit unseren Klamotten noch etwas mit unserem Alter zu tun hatte. Es ist egal, ob ich den Rock trage oder die lange Hose, die Belästigungen passieren einem trotzdem. 

Tayla: Oh mein Gott ja. Krass stimmt, das kommt echt erst jetzt bei mir wieder, dass ich Lust habe, was mit Ausschnitt zu tragen oder so. 

Ja voll, ich glaube umso älter man wird, desto mehr hat man vielleicht die mentale Stärke entwickelt, damit umzugehen und ist als Person gefestigt. 

Tayla: Ja genau, weil ich mir jetzt auch klar in meinen Meinungen dazu bin und klar weiß: Wenn jemand sowas sagt, ist das gar nicht meine Schuld. Meine Mum war früher, was das Thema Klamotten in meiner Jugend anging, auch echt cool. Sie meinte immer, als ich ca. 12-13 Jahre alt war, dass ich alles anziehen kann, was ich will, da es mein Körper ist. Sie hat mich aber auch gleichzeitig vor der Realität gewarnt, dass ich vielleicht dumme Sprüche dafür bekomme und sie Angst hat, da ich das noch nicht erfahren habe, noch nicht gut damit umgehen kann.

Aber auch voll schön, dass dir deine Mum das erklärt hat und nicht einfach gesagt hat “ne, das ziehst du jetzt nicht an!”. 

Laura: Die Pubertät ist eh so eine krasse Phase, die einen überfordern kann, da so viel passiert. Am besten sollte die Aufklärungsarbeit über Catcalls im Alter von 11-12 Jahren passieren. Mädchen unter 13 Jahren sollte man auch unbedingt an dieses Thema heranführen, damit sie es einordnen und abschätzen können, was eine Belästigung oder übergriffig ist. In dem Alter kann man das meist ja gar nicht einschätzen und ist überfordert.  

Stimmt, würde man zum Beispiel schon in der Schule dieses Thema besprechen, könnte man bestimmt ein paar Belästigungen verhindern und so auch, dass junge Mädchen versuchen, ihren Körper zu verstecken. 

Tayla: Eine Freundin von mir hat mal K.-o.-Tropfen in ihr Bier bekommen und ihre Mutter meinte damals, dass sie durch ihre Kleidung ja auch Signale ausgesendet hätte. Da wird mir jedes Mal so schlecht, wenn ich das höre, sowas macht mich richtig sauer. 

Laura: Die Schuldfrage ist generell so ein großes Thema. Wenn man zum Beispiel einen Catcall wegen einem Rock bekommt, geht man ja mit dem Gefühl weg, dass es meine Schuld ist. Ich habe den Rock ja angezogen, also muss es ja meine Schuld sein. Es ist aber nicht meine Schuld, sondern der Mann hätte sich einfach mal diesen ekelhaften Kommentar verkneifen können. Auch das Beispiel mit deiner Freundin zeigt, wie internalisiert Sexismus ist und dass es auch frauenfeindliche Frauen gibt. Wie bei der Mutter von deiner Freundin, dass sie das am Ende sogar zu ihren Kindern sagt, weil sie beigebracht bekommen hat: Du als Frau bist sowieso schuld. Schon in der Grundschule fängt es damit an, dass alle Mädchen auf den gleichen Jungen stehen müssen, sonst ist man uncool. Natürlich kann aber nur eine mit ihm zusammenkommen, schon mit diesem Wettbewerb fängt die Frauenfeindlichkeit unter Frauen an. Das ist ein großes Problem, weil wir mit Feindlichkeit unter Frauen nie groß was erreichen können. Wir müssen solidarisch miteinander sein, wenn wir was erreichen wollen, anders kann es nicht funktionieren. Daher ist es auch so wichtig, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. 

Für Menschen, die jetzt vielleicht neugierig auf das Projekt geworden sind: Wie kann man euch unterstützen?  

Tayla: Zum Beispiel Kreide spenden, die kann man für uns im Klatsch abgeben. Einen Reel-Profi bräuchten wir eigentlich auch mal im Team (lacht). Falls sich jetzt jemand angesprochen fühlt, meldet euch gerne bei uns. 

Letzte Frage: Was sind die drei wichtigsten Eigenschaften, die ein Mensch für euch haben sollte? 

Laura: Humor, weil ohne Spaß geht gar nichts. Ehrlichkeit; Flunkern ist aber okay bei gewissen Zwecken, und das Wichtigste an einer Person ist für mich die Herzensgüte. Damit mein ich nicht es immer sein zu müssen, aber ein grundlegender Wunsch, ein guter Mensch zu sein. 

Tayla: Das Erste, was mir einfällt, ist emphatisch sein und auch ehrlich sein. Wobei man bei empathisch und ehrlich an manchen Stellen auch nicht ehrlich sein sollte, aber halt an den richtigen Stellen. Für mich persönlich ist auch Humor wichtig, dass man sich selber nicht so ernst nimmt. 

 

Wer auf dem neuesten Stand bleiben möchte, findet das Projekt CatCallsOfWiesbaden auf Instagram unter: @catcallsofwiesbaden. 

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CatCallsOfWiesbaden, ein Projekt, welches zu der weltweiten Organisation ”Chalk Back” gehört, beschäftigt sich, wie es der Name schon verrät, mit dem Thema Catcalling. Catcalling bedeutet so viel wie: “Belästigung auf der Straße”. Sinn dieses Projektes ist es, diese Belästigung durch Ankreiden auf der Straße sichtbar zu machen. Anfang dieses Jahres durfte ich Tayla (21) und Laura (22) von dem sonst 6-köpfigen Team CatCallsOfWiesbaden zum Interview treffen. Die zwei haben nämlich für sich entschieden, dass sie Belästigungen ganz schön ätzend finden und etwas dagegen unternehmen wollen, was ich ziemlich cool finde. Nachdem wir erst etwas herum getigert sind – das Klatsch hatte zu, das Café Westend war voll besetzt –  landeten wir letztendlich auf Treppen irgendwo im Westend. Dort unterhielten wir uns über das Projekt CatCallsOfWiesbaden, ob es richtige Wege gibt, auf einen Catcall zu reagieren und generell über das Frausein in einer Gesellschaft wie dieser. Obwohl jede von uns ihre eigenen Erlebnisse mit Belästigung gemacht hat, merkten wir schnell, dass es doch viele Parallelen zwischen unseren Erfahrungen gibt. Am Ende waren wir uns einig: Es muss noch viel getan werden, man muss am Ball bleiben, doch es geht immer mehr in die richtige Richtung.

Foto Credit: Svenja Baum (@s.baum.photography auf Instagram)

Wie würdet ihr die Organisation CatCallsofWiesbaden jemandem erklären, der sie noch nicht kennt? 

Tayla: Als erstes frag ich immer, ob die Person überhaupt den Begriff Catcall kennt. Wenn die Person damit nichts anfangen kann, erkläre ich erstmal diesen Begriff. Meistens mach ich auch ein markantes Beispiel für einen Catcall-Nachruf, danach verstehen meist alle, was damit gemeint ist. Ich erkläre auch, dass CatCallsOfWiesbaden zu einer weltweiten Organisation gehört, welche in vielen Städten vertreten ist. Auch das Prinzip dahinter, dass Betroffene eines Catcalls uns ihre Erfahrung auf Instagram schreiben und wir das dann auf den Boden ankreiden, wo es passiert ist, erkläre ich oft.   

Laura: Es kommt auch oft auf die Umstände an. Wir hatten auch schon Termine, wo es darum ging, uns professionell vorzustellen. Bei diesen Treffen holt man meist etwas weiter aus und erklärt die weltweite Organisation Chalk Back, dass es zum Beispiel auch eine große Jugendbewegung ist. Es Kindern zu erklären ist auch nochmal eine andere Sache. Die meisten Kids können schon mit dem Wort Mobbing was anfangen, über den Ansatz versuche ich ihnen dann zu erklären, was wir machen. Auch das Wort “Ankreiden” und das Wortspiel dahinter verstehen viele am Anfang nicht. Der Begriff Ankreiden hat ja zwei Bedeutungen, einmal das tatsächliche Ankreiden und “jemandem etwas ankreiden”, die Doppeldeutigkeit erkläre ich daher auch mal.

Wie seid ihr darauf gekommen, das Projekt auch in Wiesbaden zu starten? 

Laura: Ich war damals noch in der Ausbildung als Erzieherin und in Mainz auf einer Schule. Einmal als ich nach Hause gelaufen bin, habe ich einen angekreideten Catcall gesehen und dachte mir: “Ach krass, ich verfolge das Projekt in New York jetzt schon seit zwei Jahren auf Instagram. Cool, dass das jetzt auch schon in Mainz angekommen ist!” Ich habe dann eine Arbeitskollegin von mir gefragt, ob sie Bock hätte, das mit mir zu starten und so nahm das Ganze seinen Lauf.

Warum wolltet ihr denn bei CatCallsOfWiesbaden mitmachen bzw. Laura, warum wolltest du das Projekt auch nach Wiesbaden bringen? 

Laura: Bei mir gab es tatsächlich mal einen Vorfall am Mainzer Hauptbahnhof, wo mich ein Mann über längere Zeit belästigt hat und Sachen gesagt hat, wie “Mein Engel bleib stehen” und mich mit sonst was betitelt hat. Ich bin danach zur Polizei und wollte ihn anzeigen. Mir wurde aber schon während ich meine Aussage gemacht habe, gesagt, dass das sehr aussichtslos ist, was ich da gerade versuche. Das war für mich ein sehr prägendes Erlebnis, was mich dazu bewegt hat, selber aktiv zu werden. 

Tayla: Bei mir wurde der Mitmach-Wunsch im Endeffekt auch durch einen Catcall, den ich erfahren habe, ausgelöst. Das waren damals drei Männer, die mich in der Situation auch noch so verarscht haben, dass ich danach einfach nur mega sauer war. Ich war so wütend, weil ich mich so machtlos gefühlt habe und auch so bloßgestellt. Der Catcall passierte damals auf dem Weg zwischen Schlachthof und Hauptbahnhof und ich kann mich noch daran erinnern, dass ich dachte: “Ey, das kann doch nicht sein, dass mir das bei diesem kleinen Weg von fünf Minuten passiert!”. Eine Freundin von mir hat mich dann auf das Projekt CatCallsOfWiesbaden aufmerksam gemacht. Ich fand die Idee mega cool und habe damals direkt über ihr Handy der Instagramseite von  CatCallsOfWiesbaden geschrieben, dass ich gerne mitmachen möchte. 

Bei euch beiden war der Auslöser, um aktiv zu werden, also ein einprägsamer Catcall, den ihr erfahren habt. Was würdet ihr sagen, gibt euch das Projekt beziehungsweise was wollt ihr damit erreichen?  

Laura: Das, was Tayla eben gesagt hat, ist, glaube ich, ein großer Punkt, nämlich das Gefühl, etwas zu machen, beziehungsweise wo mitzumachen. In den Situationen, wo du gecatcalled wirst, bist du ja in der Regel oft unterlegen, sei es in der Gesamtzahl der Personen oder anderweitig. Ich glaube, das Projekt gibt einem auch die Möglichkeit, dass man sich nicht hilflos fühlt. Beim Ankreiden hat man einen klaren Plan, was man macht. Das ist ja auch ein wenig die Idee, indem wir sagen, wir gewinnen durch das Ankreiden diesen Ort zurück. Natürlich muss man auch bedenken, dass wir damit in eine Wiederholung des Ereignisses gehen. Das wird auch oft an unserem Projekt kritisiert, dass wir dieses Negativ-Verhalten nochmal aufschreiben. Jedoch setzen wir damit ja ein klares Statement, nämlich: “Stoppt die Belästigung!”.

Es geht darum den Ort zurückzugewinnen, ein klares Statement zu dem Thema zu setzen und sich auch ein Stück von der Situation zurückzuholen, um diese zu verarbeiten.

Auch zu wissen, da wird nochmal was getan, wenn man sich vielleicht in dem eigentlichen Moment der Belästigung nicht äußern konnte. 

Der Gedanke, sich den Ort dadurch zurückzuholen, gefällt mir total. Auch Wiederholungen, in denen man nun selbst die Kontrolle über die Situation hat, denke ich, können einem ja bei der Verarbeitung helfen. Wie würdet Ihr denn das allgemeine Ziel der Organisation beschreiben?

Laura: Aufklärung. Also, der Hauptfokus ist aktuell tatsächlich, dass die Menschen das Wort “Catcalling” überhaupt kennen. Viele kennen den Begriff nämlich gar nicht und das gehört praktisch auch zu dem Stufenplan von der Gründerin dazu. Also Step eins ist: Alle Menschen sollten das Wort Catcalling oder zumindest den Begriff verbale sexuelle Belästigung kennen und eine Vorstellung haben, was damit gemeint ist. Der nächste Schritt ist dann die Bildungsarbeit und auch Schutzräume schaffen. Also Schutzräume für Frauen, die sich darüber austauschen wollen und Bildungsarbeit, um sowas in der Zukunft zu verhindern.

Tayla: Genau, das Thema einfach wirklich sichtbar machen. Meine weiblichen Freunde können alle was mit dem Thema anfangen, meine männlichen Freunde, die einfach sehr lieb sind und sowas nicht machen, die sind oft super schockiert. Vor allem, wenn ich den Instagram-Account von CatCallsOfWiesbaden herzeige, sind sie meist super fassungslos und ich denke mir dann immer: Das ist meine Realität, crazy, dass du das nicht wusstest. Aber auch hier ist halt Aufklärung wichtig. 

Laura: Auch um klar zu machen, dass das nichts ist, was irgendjemandem mal ab und zu passiert, es ist eine Erfahrung, die jede Frau schon gemacht hat. Im Regelfall wird eine Frau mit 13 Jahren das erste Mal gecatcalled. In einem kindlichen Alter wird man also schon sexualisiert. Da gilt es den Menschen einfach klar zu machen, dass es für viele Mädchen und Frauen Alltag ist und nicht irgendeine Randgeschichte. 

Als ich euch damals die Interviewanfrage geschickt habe, habt ihr auch erwähnt, dass es euch wichtig ist, mit dem Projekt auch etwas gegen den intersektionalen Sexismus zu erreichen, wie steht dieser denn im Zusammenhang mit eurem Projekt? 

Laura: Grundlegend ist es so, dass wir sagen, ein Feminismus, der nicht intersektional ist, ist kein fairer Feminismus. Intersektionalität bedeutet in dem Sinne, dass ich anerkenne, dass sich verschiedene Diskriminierungsformen überschneiden. People of Colour kommen zum Beispiel häufiger mit Belästigungen oder Diskriminierung in Kontakt. Oft überschneidet sich nämlich auch Rassismus und Sexismus. Menschen, welche von verschiedenen Diskriminierungsformen betroffen sind, passiert sowas eben leider viel häufiger. Daher sehen wir es auch als eine unserer Aufgaben, diese Überschneidungen den Menschen durch das Projekt klar zu machen. Was leider auch oft hinten runter fällt, ist, dass Menschen mit Behinderungen eine 20 % höhere Wahrscheinlichkeit haben, Betroffene von Belästigungen zu werden. Auch den Menschen wollen wir durch das Projekt zu mehr Sichtbarkeit verhelfen. Deswegen nutzen wir zum Beispiel auch nochmal andere Hashtags auf Instagram, wenn die Situation einen erkennbaren sexistischen sowie rassistischen Einfluss hatte.  

Ich muss sagen, ich habe auch erst durch euch gelernt, was intersektionaler Sexismus bedeutet. Was würdet ihr euch denn für die Zukunft wünschen, was sich verändert und was bedeutet Feminismus für euch persönlich? 

Tayla: Also simpel gesagt, einfach Gleichberechtigung. Feminismus ist da eine Sparte von vielen, doch alle haben dasselbe Ziel, nämlich dass jeder Mensch gleich behandelt werden soll.   

Laura: Es gibt zwei Bücher, an denen ich mich bei der Frage immer orientiere. Das eine ist von Mahatma Gandhi, in dem Buch hat er geschrieben: “Wenn die Hälfte der Weltbevölkerung unterdrückt ist, können wir nirgendwo von Freiheit sprechen”, da hat er Frauen mitgemeint. 

Das zweite Buch heißt “Untenrum frei” von Margarete Stokowski, da meinte sie nämlich, dass Feminismus nicht nur für die Freiheit der Frau kämpft, sondern auch immer ein Stück für die Freiheit der Männer, da auch Männer von vielen Vorurteilen betroffen sind. Beim Feminismus wollen wir ja nicht nur Vorurteile gegen Feminist:innen oder gegen Frauen und den Sexismus abbauen. Von dem Abbau von Stereotypen kann jede und jeder nur profitieren.

Ich würde sagen Feminismus ist für alle da und er tut allen was Gutes. Feminismus versucht, für alle Menschen Freiheiten zu erkämpfen. Nicht nur für Frauen, natürlich nicht so krass, aber ein Stück weit bezieht das auch Männer mit ein. 

 

Ab wann würdet ihr von einem Catcall sprechen? 

Laura: Jegliche verbale Belästigung im öffentlichen, aber auch im nicht-öffentlichen Raum. An sich ist Catcalling ja schon im öffentlichen Raum definiert, doch auch wenn es am Arbeitsplatz oder innerhalb der Beziehung stattfindet, kann man meiner Meinung nach noch von Catcalling sprechen. Das Prinzip bleibt hierbei ja das gleiche; im Regelfall haben wir entweder eine Sexualisierung oder eine Objektifizierung der Person vorliegen. Auch die Verschiebung von Machtverhältnissen spielt hierbei eine Rolle, meist versucht eine Person mit dem Catcall über die andere Person Macht auszuüben. Was man auch nicht vergessen sollte, ist, dass ein Catcall eine individuelle Komponente hat. Es gibt Situationen, da fühlen sich manche Personen schon gecatcalled und manch andere Personen eben noch nicht.

Foto Credit: Svenja Baum (@s.baum.photography auf Instagram)

Was würdet ihr sagen, ist generell der Unterschied zwischen einem Kompliment und einem Catcall? 

Tayla: Am wichtigsten ist am Anfang immer zu klären: Was ist überhaupt ein Kompliment? Und sich das mal bewusst zu machen. Ein Kompliment ist ja etwas, womit sich der oder die Empfänger:in gut fühlt und wenn das nicht der Fall ist, dann war es kein Kompliment. Es war dann vielleicht als eines gemeint, aber es ist keines, weil es kam nicht so an. Es kommt auch immer auf die Situation an. 

Laura: Um drei Uhr nachts ist ein “Hey, wie gehts?” zum Beispiel einfach nur gruselig. Es kommt auch auf den Kontext an, zum Beispiel Altersunterschiede spielen eine große Rolle. Auch wenn ein 40-Jähriger das zu einer 14-Jährigen sagt, ist es einfach nur unangebracht.

Tayla: Ich finde, man hat aber immer das Recht zu sagen, wenn man etwas nicht als Kompliment empfindet. Wenn mir zum Beispiel jemand sagen würde: “Boah, du hast voll schöne Augen!”, dann finde ich, ich habe auch das Recht zu sagen, dass das gerade ehrlich gesagt kein Kompliment für mich war und ich mich damit nicht wohl fühle. Die andere Person sollte dann auch nicht mit mir rumdiskutieren. Man kann ja sagen, dass es als Kompliment gemeint war, es einem leidtut, dass das gerade nicht so ankam, der Person noch einen schönen Tag wünschen und sie dann in Ruhe lassen. Damit wäre die Situation geklärt. Ein Zitat, was ich auch immer gern verwende, ist das von Antonia Quell, sie hat mal gesagt: “Wenn du es nicht zu deiner Mutter sagen würdest, solltest du es auch nicht zu einer fremden Person auf der Straße sagen”. Ich weiß jetzt nicht mehr den genauen Wortlaut, aber so in dem Sinne.

Meint ihr denn, es gibt richtige Arten, um auf Catcalling zu reagieren? 

Tayla: Nein, darauf gibt es keine richtige Reaktion. Ich finde es total wichtig, der Person, der der Catcall widerfährt, klar zu machen, dass sie nichts falsch gemacht hat. Deswegen gibt es auch keine richtigen oder falschen Reaktionen. Du bist in dem Moment ja nicht die Person, die was falsch gemacht hat, sondern die Person, die falsch behandelt wird. Es gibt Tage, wo man vielleicht Bock hat, die Person anzuschnauzen oder es ihr zu erklären, was daran nicht okay ist und es gibt Tage, wo man es vielleicht einfach ignorieren will. Das Wichtigste ist aber immer, dass man sicher ist. Im Zweifelsfall sollte man sogar lieber die Polizei rufen, wenn man Angst hat. 

Laura: Mir sind auch zwei bis drei Sachen eingefallen, die wir immer sehr betonen. Erstens, dass nicht zu reagieren völlig in Ordnung ist. Vor allem Personen, denen das zum ersten Mal passiert, sind meistens total überfordert mit der Situation und können daher gar keine Reaktion hervorbringen. Was wir letztens auch hatten, ist, dass jemand wollte, dass wir zu der Person gehen und diese öffentlich bloßstellen. Das ist auch ein Weg, von dem ich abraten würde, da man sich selbst strafbar macht. Von jeder Reaktion, mit der man sich selbst strafbar macht, würde ich, falls nicht notwendig, eher abraten. Dazu gehört auch, körperlich gegen die Person vorzugehen. Catcalling ist halt leider legal. Unterm Strich würde ich sagen, solange man nichts macht, womit man sich selbst strafbar macht, ist alles im Rahmen der Reaktion. Auch Ausrasten finde ich angemessen. 

Was würdet ihr den Personen raten, was sie machen sollen, wenn sie gecatcalled werden? 

Laura: Letzten Freitag habe ich einen Workshop im Frauengesundheitszentrum angeboten, zu dem Thema “Erfahrungsaustausch Catcalling”. Da ging es genau darum, was man in solchen Situationen machen kann. Ganz wichtig ist, glaube ich, immer seine Stabilität wiederzufinden, wenn man gecatcalled wird. Der Fokus sollte am besten immer darauf liegen, bei sich zu bleiben und mit sich selbst klar zu kommen. Das ist viel wichtiger, als da ne Reaktion zu zeigen. Wir haben auch darüber gesprochen, was man machen oder nicht machen sollte, wenn man mitbekommt, dass jemand gecatcalled wird. Wenn ich zum Beispiel von einem Mann gecatcalled werde und dann kommt ein anderer Mann und greift einfach in die Situation ein und will das für mich “regeln”, ist das irgendwie auch übergriffig. Er sollte mich vorher fragen, ob er mir helfen soll.

Wie würdet ihr denn reagieren, wenn ihr als außenstehende Person einen Catcall mitbekommt? 

Tayla: Das Szenario, was Laura eben beschrieben hat, finde ich zum Beispiel voll schwierig. Wenn ich in einer Situation wäre, in der ich merke, die Frau fühlt sich bedroht und sagt deshalb in einem ängstlichen Ton: “Nein danke, ich brauch keine Hilfe”, dann würde ich wahrscheinlich dennoch eingreifen. 

Laura: Ich glaube, in den Situationen kann man sich aber auch abgrenzen. Es gibt einen Unterschied, ob ich zu der Person hingehe und sage: “Alter, du belästigst gerade diese Frau!”, oder ob ich sage: “Ich finde das gerade nicht in Ordnung was du machst”. Somit bleibe ich bei mir und was mir gerade aufgefallen ist, ohne für den anderen Menschen zu sprechen. Die Person, die belästigt wird, könnte dann z. B. auch sagen, dass sie es okay findet. Wie ich meine Worte wähle und wie ich mit der betroffenen Person umgehe, kann, glaube ich, einen großen Unterschied machen. Mit Ich-Aussagen fährt man meist besser als mit Du-Aussagen. Da schwingt meist eine gewisse Wertung mit. Wenn ich sonst der Meinung bin, die Situation löst sich gerade auch ohne Eingriff von mir, bleibe ich meist einfach in der Nähe und versuche der Person zu vermitteln, dass ich da bin, falls etwas ist. Ich hole mein Handy raus, halte Blickkontakt, bin einfach da, falls es eskaliert. Ich glaube, das sind so Kleinigkeiten, mit denen ich nicht eingreife, aber einer Person schon Sicherheit geben kann. 

Stimmt, anwesend bleiben kann bestimmt schon Sicherheit vermitteln, ohne dass man sich übergriffig verhält. 

Laura: Es gibt ja auch oft Catcall-Situationen und keine:r, der das mitbekommt, reagiert darauf. Wir hatten schon viele Einsendungen auf Instagram, wo uns geschrieben wurde, dass keiner zu denen kam, obwohl es 20 Leute mitbekommen haben. Ich glaube, in solchen Situationen kann man auch immer zu der betroffenen Person gehen und sagen: “Ich kann mir vorstellen, dir geht gerade nicht gut. Ich hab zwei Minuten, wenn du magst, können wir nochmal darüber sprechen.”, oder “Bist du in Ordnung, soll ich dich noch ein Stück begleiten?”. Solche Sachen kann man immer anbieten, ohne dass man damit jemandem auf die Füße tritt.

Catcalls passieren in der Regel überwiegend Frauen. Kamen denn auch schon Personen, die sich als Männer identifizieren, auf euch zu? 

Laura: Wir hatten bisher eine Einsendung von einem Mann. Der war sich auch sehr unsicher und hat uns gesagt wir sollen das nur ankreiden, wenn wir das auch für sinnvoll halten würden. 

Tayla: Ja, aber wir kreiden das natürlich an! Oft wird nur von der Frauenseite geredet, weil Belästigungen überwiegend auch Frauen passieren. Das macht es ja aber nicht weniger schlimm, wenn ein Mann belästigt wird. Es ist genauso schlimm. 

Laura: Es ist auch wichtig zu betonen, dass Catcalling ein menschenverachtendes Verhalten ist. Da geht es zum Großteil zwar um Frauen, aber natürlich auch um alle anderen Personen, denen das widerfährt. Da gibt es bestimmt auch eine gewisse Hemmschwelle als Mann, das zuzugeben, wenn einem eine Belästigung widerfahren ist. Laut der Gesellschaft muss der Mann ja immer das starke, krasse Geschlecht sein. Deshalb bekommen wir vielleicht auch nicht so viele Einsendungen von Männern. Also wenn uns Männer ihre Belästigungserfahrung auf Instagram schreiben, würden wir das natürlich auch ankreiden gehen. 

Foto Credit: Svenja Baum (s.baum.photography auf Instagram)

Wie waren bisher denn die Reaktionen im Netz auf das Projekt, oder auch wenn ihr die Catcalls ankreidet?  

Laura: Internet und auf der Straße ankreiden, muss man auf jeden Fall differenzieren. Die Reaktionen im Internet sind meist sehr positiv, da haben wir nur alle drei Monate mal einen Kommentar, den wir löschen. Zum Beispiel, wenn Leute kommentieren: “Das war doch keine Belästigung, sondern nur ein Icebreaker”. Manchmal diskutieren wir auch mit der Person unter dem Bild darüber. Es gibt aber auch Dinge, die sind so hart, die löschen wir dann einfach, weil wir das der betroffenen Person nicht antun wollen, dass sie sich das nochmal durchlesen muss. Oft sind auch einfach nicht die Kapazitäten da, nochmal ewig lang die Hintergründe zu erklären. Beim eigentlichen Ankreiden hatten wir schon sehr unterschiedliche Reaktionen. 

Tayla: Ja, auf jeden Fall, da gibt es Leute, die einfach vorbeilaufen und sagen “cooles Projekt” oder einfach nen Daumen hoch zeigen. Es gibt aber auch Leute, die direkt einsteigen und über irgendwelche feministischen Themen diskutieren wollen. Letztens zum Beispiel hat eine Frau gesagt, dass sie die MeToo-Bewegung super frech findet. Die Frauen hätten doch bewusst mit den Männern geschlafen, um Karriere zu machen und dass das frei deren Entscheidung war. Sie meinte, die Frauen sollten dann entweder die Karriere sein lassen oder sich halt nicht beschweren. 

Das ist auf jeden Fall eine krasse Meinung. Versucht ihr dann auch mit der Person zu reden, wenn sowas geäußert wird? 

Tayla & Laura: JA!

Laura: Es gibt aber auch Situationen, da sag ich ab einem gewissen Punkt, dass ich mir das jetzt nicht mehr gebe, weil es so menschenfeindlich ist und es so eine Grenze von mir überschreitet. Man muss sich ja auch nicht auf jede Diskussion einlassen. Andererseits gibt es aber auch Diskussionen, die voll positiv verlaufen, wo man merkt, dass man bei dem Menschen wirklich was bewegt hat. 

Aber voll gut, dass man dann auch positive Erfahrungen hat, solche Diskussionen können ja schon kräfteraubend sein, da motiviert es einen sicher, wenn man merkt, man bewirkt auch was beim Gegenüber. 

Laura: Ja, es kommt halt voll drauf an, wie festgefahren die Leute sind. Manche sind halt leider auch so festgefahren, da merkt man schnell, dass man da nichts groß erreichen kann.

Tayla: Sehr spannend ist auch anzukreiden, wenn man danach die Zeit hat, sich daneben zu setzen und zu gucken, wie die Leute darauf reagieren. Da sieht man ganz unterschiedliche Reaktionen, bei manchen merkt man, dass sie darüber nachdenken, die Aktion gut finden und manche laufen auch einfach nur drüber. (Lacht) Einer hat auch mal ärgerlich dagegen getreten, nach dem Motto “was ist das denn?”.  

Laura, du sagtest eben, dass Catcalls in Deutschland leider noch legal sind, kann man denn gar nicht rechtlich gegen einen Catcall vorgehen?

Laura: Das kommt darauf an, was dir passiert ist. Was man immer anzeigen kann, ist, wenn man sich bedroht gefühlt hat, aber dann muss man der Polizei auch genau erklären können, warum man sich so gefühlt hat. Auch Beleidigungen kann man anzeigen und alles, was halt mit Hands-On übergriffig ist. Ansonsten glaube ich auch, dass krasse Aufforderungen zur Sexualität zur Anzeige gebracht werden können, aber die klassischen Catcalls wie zum Beispiel “Hey geiler Arsch!”, da kann man tatsächlich, zumindest in Deutschland, leider nichts machen.  

Vielleicht noch abschließend für Menschen, die sich jetzt noch mehr mit dem Thema auseinandersetzen möchten: Habt ihr da Quellen, die ihr empfehlen könntet?

Laura: Ein Buch, was ich generell empfehlen kann, ist von Margarete Stokowski, das heißt “Untenrum Frei”. In dem Buch geht es hauptsächlich um die Frage, wo Frauen Sexismus ausgeliefert sind, was leider meist schon in der Grundschule anfängt. Ansonsten würde ich auch unser Jugendsachbuch zum Thema Catcalling von Hannah Klümper gerne erwähnen, was im Juni rauskommt. Ich selber habe das Buch noch nicht gelesen, es ist aber das erste Buch, was über das Thema Catcalling erscheint. Es gibt noch eine gute Studie von HollaBack, wo es um das Alter geht, in dem Personen gecatcalled werden. Sonst natürlich uns auf Instagram folgen und unsere Workshopangebote besuchen. Ich glaube, wo man sich auch fast am besten informieren kann, ist, wenn man mal ganz offen auf Freundinnen zu geht und sich mit ihnen über diese Themen unterhält und Erfahrungen austauscht. 

Auch erschreckend, dass es schon in der Grundschule mit dem Sexismus anfängt. 

Laura: Ja voll! Letztens ist uns auch aufgefallen, dass wir fast alle mit 13 ein unangenehmes Erlebnis hatten, was uns so krass geprägt hat. Wir dadurch zum Beispiel jahrelang versucht haben, unsere Weiblichkeit in großen Klamotten zu verstecken. Jahrelang versteckt, bis irgendwann der Punkt kam, an dem wir alt genug waren und realisiert haben, dass das weder was mit unseren Klamotten noch etwas mit unserem Alter zu tun hatte. Es ist egal, ob ich den Rock trage oder die lange Hose, die Belästigungen passieren einem trotzdem. 

Tayla: Oh mein Gott ja. Krass stimmt, das kommt echt erst jetzt bei mir wieder, dass ich Lust habe, was mit Ausschnitt zu tragen oder so. 

Ja voll, ich glaube umso älter man wird, desto mehr hat man vielleicht die mentale Stärke entwickelt, damit umzugehen und ist als Person gefestigt. 

Tayla: Ja genau, weil ich mir jetzt auch klar in meinen Meinungen dazu bin und klar weiß: Wenn jemand sowas sagt, ist das gar nicht meine Schuld. Meine Mum war früher, was das Thema Klamotten in meiner Jugend anging, auch echt cool. Sie meinte immer, als ich ca. 12-13 Jahre alt war, dass ich alles anziehen kann, was ich will, da es mein Körper ist. Sie hat mich aber auch gleichzeitig vor der Realität gewarnt, dass ich vielleicht dumme Sprüche dafür bekomme und sie Angst hat, da ich das noch nicht erfahren habe, noch nicht gut damit umgehen kann.

Aber auch voll schön, dass dir deine Mum das erklärt hat und nicht einfach gesagt hat “ne, das ziehst du jetzt nicht an!”. 

Laura: Die Pubertät ist eh so eine krasse Phase, die einen überfordern kann, da so viel passiert. Am besten sollte die Aufklärungsarbeit über Catcalls im Alter von 11-12 Jahren passieren. Mädchen unter 13 Jahren sollte man auch unbedingt an dieses Thema heranführen, damit sie es einordnen und abschätzen können, was eine Belästigung oder übergriffig ist. In dem Alter kann man das meist ja gar nicht einschätzen und ist überfordert.  

Stimmt, würde man zum Beispiel schon in der Schule dieses Thema besprechen, könnte man bestimmt ein paar Belästigungen verhindern und so auch, dass junge Mädchen versuchen, ihren Körper zu verstecken. 

Tayla: Eine Freundin von mir hat mal K.-o.-Tropfen in ihr Bier bekommen und ihre Mutter meinte damals, dass sie durch ihre Kleidung ja auch Signale ausgesendet hätte. Da wird mir jedes Mal so schlecht, wenn ich das höre, sowas macht mich richtig sauer. 

Laura: Die Schuldfrage ist generell so ein großes Thema. Wenn man zum Beispiel einen Catcall wegen einem Rock bekommt, geht man ja mit dem Gefühl weg, dass es meine Schuld ist. Ich habe den Rock ja angezogen, also muss es ja meine Schuld sein. Es ist aber nicht meine Schuld, sondern der Mann hätte sich einfach mal diesen ekelhaften Kommentar verkneifen können. Auch das Beispiel mit deiner Freundin zeigt, wie internalisiert Sexismus ist und dass es auch frauenfeindliche Frauen gibt. Wie bei der Mutter von deiner Freundin, dass sie das am Ende sogar zu ihren Kindern sagt, weil sie beigebracht bekommen hat: Du als Frau bist sowieso schuld. Schon in der Grundschule fängt es damit an, dass alle Mädchen auf den gleichen Jungen stehen müssen, sonst ist man uncool. Natürlich kann aber nur eine mit ihm zusammenkommen, schon mit diesem Wettbewerb fängt die Frauenfeindlichkeit unter Frauen an. Das ist ein großes Problem, weil wir mit Feindlichkeit unter Frauen nie groß was erreichen können. Wir müssen solidarisch miteinander sein, wenn wir was erreichen wollen, anders kann es nicht funktionieren. Daher ist es auch so wichtig, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. 

Für Menschen, die jetzt vielleicht neugierig auf das Projekt geworden sind: Wie kann man euch unterstützen?  

Tayla: Zum Beispiel Kreide spenden, die kann man für uns im Klatsch abgeben. Einen Reel-Profi bräuchten wir eigentlich auch mal im Team (lacht). Falls sich jetzt jemand angesprochen fühlt, meldet euch gerne bei uns. 

Letzte Frage: Was sind die drei wichtigsten Eigenschaften, die ein Mensch für euch haben sollte? 

Laura: Humor, weil ohne Spaß geht gar nichts. Ehrlichkeit; Flunkern ist aber okay bei gewissen Zwecken, und das Wichtigste an einer Person ist für mich die Herzensgüte. Damit mein ich nicht es immer sein zu müssen, aber ein grundlegender Wunsch, ein guter Mensch zu sein. 

Tayla: Das Erste, was mir einfällt, ist emphatisch sein und auch ehrlich sein. Wobei man bei empathisch und ehrlich an manchen Stellen auch nicht ehrlich sein sollte, aber halt an den richtigen Stellen. Für mich persönlich ist auch Humor wichtig, dass man sich selber nicht so ernst nimmt. 

 

Wer auf dem neuesten Stand bleiben möchte, findet das Projekt CatCallsOfWiesbaden auf Instagram unter: @catcallsofwiesbaden. 

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