DJ statt DJane - Als Frau in der elektronischen Musikszene

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Chiara Lessing; @ghostio
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Da sitzen wir zusammen in einem kleinen Café in Wiesbaden, um über die große Leidenschaft „Musik“, das Frau sein in der Szene und die stattfindende Veränderung zu sprechen. Punkte, die uns zwar beide ganz individuell beschäftigen, bei denen wir uns aber doch sehr einig sind. 

Kristina ist 25, in Russland geboren und in der hessischen Landeshauptstadt aufgewachsen. Hier hat sie Kunst für sich entdeckt und lieben gelernt. Wir sprechen über den Weg zum Auflegen, die Hürden in einer misogynen Gesellschaft und das atemberaubende Gefühl, wenn man seine Leidenschaft findet. 

Foto Credit: Chiara Lessing

Du bist DJ im Elektronik-Genre. Welchen Sound spielst du am häufigsten und wie lange machst du das jetzt schon?

Also Auflegen tu ich nun seit zweieinhalb Jahren. Aktuell lege ich Techno auf, aber eher in die Richtung Hard-Techno. Es ist schon schnell, aber ich achte darauf, dass es nicht zu düster wird und nicht zu industriell. Ich finde das auch nice, aber es soll Spaß machen und good vibes vermitteln.

Was denkst du waren bei dir die Schlüsselmomente, mit dem Auflegen anzufangen?

Elektronische Musik höre ich schon lange, so seit der Mittelstufe und hab mit House angefangen. Heißt: Ich hatte schon immer einen Bezug zu der Musikrichtung. Mit 16 war ich auf meinem ersten Rave und fand das alles mega cool. (Überlegt) Aber genau, da gab es einen Moment, als ich 2018 eine Freundin in Argentinien besucht habe. Ich habe mit einem Freund viel über Musik gesprochen und erzählt, wie ich Musik höre. Dass es ganz viele Lieder gibt, bei denen ich kleine Parts interessant finde und ein Instrument oder kleine Dinge voll intensiv höre. Er hat mich dann gefragt, ob ich schon mal darüber nachgedacht habe Produzentin zu werden. Das ist irgendwie hängen geblieben. Das war so vor vier Jahren ungefähr. Ich bin zwar noch keine Musikproduzentin, aber ich glaube, das hat dazu beigetragen, mich so ein bisschen in die Richtung zu begeben. Allgemein habe ich es einfach gefeiert, auf Technomusik feiern zu gehen (lacht). Es fühlt sich so nice an, die Musik zu hören, dazu zu tanzen, da wollte ich mehr. Ich wollte noch mehr von diesem Gefühl und habe mich für das Auflegen entschieden. Mein Freund hat mich auch ein bisschen inspiriert, einfach anzufangen. Ich bin ein sehr verkopfter Mensch, plane alles und er sagt meistens einfach: „Komm, probiere es doch einfach aus und wenn es nichts ist, dann ist es auch nicht schlimm.“ Er hat mich dann überzeugt, einen kleinen Controller zu kaufen und dann habe ich damit angefangen. Ich glaube, das war ein Zusammenspiel aus allen drei Sachen.

Du hast es jetzt zwar schon ein wenig angeschnitten, aber was gibt dir das Auflegen?

Die Frage wird mir ab und zu mal gestellt und meine Antwort ist eigentlich immer die gleiche: Das Gefühl, was ich dabei bekomme, ist ein Gefühl, welches ich vorher noch nie hatte. Das klingt vielleicht übertrieben, wenn ich das so sage, aber das fühlt sich irgendwie so an, wie wenn man verliebt ist. Vielleicht sogar ein bisschen krasser. Ich kann ehrlich gesagt nicht sagen, ob ich jemals so ein Gefühl bei einem Menschen hatte, wie wenn ich auflege. Das ist schon eine krasse Aussage.

Das ist wunderschön, wenn man eine Leidenschaft findet, bei der man so ein Gefühl verspürt. Ich verstehe das total, auch wenn es einem immer schwerfällt, das zu erklären. 

Wenn ich es jetzt auch so sage (grinst). Es ist ein wunderschönes Gefühl! Leidenschaft, Enthusiasmus, Begeisterung, Freude. Einfach alle positiven Gefühle auf einmal würde ich sagen.

Was hoffst du, gibt es den Leuten, die vor dem DJ Pult stehen, wenn du auflegst?

Natürlich, dass sie auch happy sind und es ihnen Spaß macht. Ich habe auch ein bisschen die Hoffnung, dass die Leute das fühlen, was ich fühle und auch verstehen, was ich ihnen rüberbringen will, auch wenn jeder Mensch alles sehr individuell fühlt.

Mit welchen drei Worten würdest du ein Set von dir beschreiben?

Ich habe mir da letztens Gedanken drüber gemacht. Ich glaube, es ist facettenreich, definitiv treibend und ich denke, es ist auch etwas emotional.

Voll schön, dass du das sagst. Glaubst du, dass man mit Beats ohne Vocals und Sprache viele Möglichkeiten hat, Emotionen zu übermitteln? 

Ich lege schon auch ab und zu mit Vocals auf, aber die haben meistens keine emotionale Message. Es geht dabei dann schon weniger um die Sprache als um die Beats. Ich glaube schon, dass man viele Emotionen rüberbringen kann. Man muss da vielleicht unterscheiden, ob es mit oder ohne Melodie ist. Eine Melodie kann happy sein, melancholisch, traurig. Ich lege zwar auch viel ohne Melodien auf und dafür mehr mit Rhythmen und Percussion, aber auch das kann emotional sein. Vielleicht aber eher aktivierende Gefühle wie Wut, Euphorie oder Freude.

Ist die Musik, die du auflegst, auch die Musik, die du selbst gerne zum Feiern hörst?

Ja schon. Manchmal wünschte ich mir, auf einer Party spielt ein DJ genau das, was ich auch mache (lacht). Das ist bisher nie der Fall gewesen!

Was sehr schön ist. Du schaffst einfach was anderes, individuelles. 

Also zumindest im Rhein-Main-Gebiet kenne ich niemanden, der oder die sowas auflegt. Das ist auch ganz gut. Aber zum Feiern würde ich schon am liebsten meine Musik hören, oder etwas, was in die Richtung geht. Ansonsten feiere ich auch 80er, 90er, 2000er oder Neue Deutsche Welle total. Das macht einfach Spaß und ist super witzig.

Wenn du selbst auf Partys gehst, auf denen elektronische Musik läuft, fällt es dir dann schwer, dich fallen zu lassen? Hörst du da genau hin, auf die Übergänge, die Technik?

Ja definitiv! Als ich angefangen habe aufzulegen, hatte ich natürlich noch keine Erfahrung und habe mich teilweise auf Partys richtig weit nach vorne gestellt, um zu gucken, was DJs eigentlich so machen (lacht). Ich konnte mich dann meistens gar nicht richtig auf die Musik konzentrieren. Das mache ich jetzt natürlich nicht mehr (lacht). Aber ja, ich höre auf jeden Fall kritischer.

Wir haben bereits vor dem Interview über Sexismus in der Kultur und den Umgang in der Gesellschaft gesprochen. Es ist kein Geheimnis, dass wir auch 2022 immer noch in einer Gesellschaft leben, die von sexistischen Strukturen durchzogen ist. Kunst und Kultur ist immer auch ein Spiegel der Gesellschaft, sodass wir auch hier nicht frei von misogynen Verhaltensweisen sind. Die unterschiedlichsten Musikrichtungen sind meist männerdominiert, so dass der Weg als FLINTA* Person (Anm. d. Red.: Frauen, Lesben, inter-, nicht-binäre, trans- und agender Personen. Der Stern * steht für alle, die sich nicht mit einer der Bezeichnungen identifizieren können, aber dennoch durch patriarchale Strukturen benachteiligt werden.) meist auf persönlicher, aber vor allem auch auf struktureller Ebene erschwert wird. 

Woran glaubst du, liegt es, dass immer noch kein kompletter Wandel stattgefunden hat und Kunst noch nicht gleichberechtigt ist?

Was ich auf jeden Fall dazu sagen muss ist, dass da aktuell sehr viel passiert und das ist super wichtig. Also sowohl seitens der Männer als auch seitens der FLINTA*-Personen. Es macht mich richtig happy zu sehen, wie viele Frauen ganz grundsätzlich Musik machen, aber sich auch für die Gleichberechtigung einsetzen. Dadurch werden natürlich auch Männer angesteckt und ich glaube, das wäre vor ein paar Jahren noch nicht möglich gewesen. Woran das liegt, ist meiner Meinung nach ganz simpel: Das ist die Rolle, die Männern und Frauen in der Gesellschaft gegeben wird. Männer werden oft als Macher angesehen und bekommen häufig weniger Beurteilung und demnach auch Verurteilung. Frauen müssen sich dem häufiger stellen. Das ist der Punkt, warum immer noch mehr Männer als Frauen am Start sind.

Die fehlende Wertschätzung oder das Ernstnehmen zeigt sich ja zum Beispiel auch in der Bezeichnung. Ich habe dich jetzt immer wieder als „DJ“ bezeichnet und nicht wie bei vielen vielleicht verankert als „DJane“. Was ist an dem namentlichen Unterschied problematisch?

Mir war das ehrlich gesagt auch gar nicht so bewusst, als ich angefangen habe. Teilweise wollen die Leute, glaube ich, etwas Gutes tun, indem sie gendern und das ist auch wichtig. Aber es macht in dem Fall grammatikalisch überhaupt kein Sinn. „DJ“ heißt „Discjockey“, ein englischer Begriff und im Englischen genderst du grundsätzlich nicht. Das ist eine Mischung aus einem englischen Wort mit einer komischen Endung. Wenn man das ausschreibt, würde es ja „Discjockeyane“ heißen und das ist einfach kein Wort (lacht). Es ist halt leider so, dass du dann weniger ernst genommen wirst, allein wenn man den Begriff irgendwo liest. Es wird auf jeden Fall Menschen geben, die das sehen und dann weniger ernst nehmen. Das ist an dieser Stelle wichtiger und vor allem richtiger einfach „DJ“ zu sagen.

Vor allem weil es keine Unterschiede gibt in dem, was ihr macht. Ihr legt beide Musik auf, ob Mann oder Frau. Ihr geht beide eurer Leidenschaft nach, warum muss man da unterscheiden? Wie ist denn dein persönlicher Umgang mit misogynem Verhalten von Kolleg:innen, aber auch Hörer:innen?

Glücklicherweise passiert mir das wenig. Ich hatte natürlich Angst, als ich angefangen habe, dass das sein könnte. In der Umgebung, in der ich unterwegs war, sind die Leute alle sehr open minded, deshalb habe ich die Erfahrungen weniger gemacht. Aber natürlich habe ich mitbekommen, dass da ganz viele andere schlechte Erfahrungen gemacht haben. Vor allem die, die schon länger dabei sind. Ich versuche eigentlich immer ins Gespräch zu gehen, wenn ich das mitbekomme. Ich glaube, dass eine Kommunikation auf Augenhöhe super wichtig ist, um den Leuten auch nahezubringen, was überhaupt problematisch ist. Ich muss aber auch sagen, dass ich das nicht jedes Mal mache, da es sehr viel Energie raubt. Der andere Punkt ist, dass ich mich selbst öffentlich ganz klar positioniere und darauf aufmerksam mache.

Das ist super wichtig! Meiner Meinung nach sollte man den Einfluss nutzen, den man hat. Wie genau können denn Protagonist:innen der DJ-Szene für Veränderung sorgen? Damit meine ich neben DJs auch Booker und Veranstalter:innen. 

Ich glaube man sollte vor allem ins Gespräch gehen. Und man muss offen für neue Anregung sein und nicht immer Schema-F fahren. Einfach den Input zulassen und sich selbst mal reflektieren. Noch ein Schritt wäre, wenn männliche Booker und Veranstalter aktiv gleichberechtigt buchen und ein gleichberechtigtes Line-up schaffen. Ich glaube, das ist schon der nächste Step. Es wäre erst mal wichtig offen zu sein und sich darauf einzulassen, dass Veränderung stattfindet.

Gibt es denn Initiativen, Organisationen oder Kollektive, die sich damit gezielt auseinandersetzen?

Grundsätzlich gibt es in der Technoszene ganz viele Kollektive und Veranstaltungsreihen, die vor allem die queere Szene bedienen, um einen „Safer Space“ zu schaffen. Das gibt es aber vor allem in größeren Städten. In anderen Ländern sind sie auch sehr aktiv. Ansonsten gibt es Aufklärungsseiten, wie zum Beispiel „Technometoo“ oder „I AM A DJ“. Es gibt auch etwas, damit bin ich sehr connected: „House of FLINTA*“. Das ist ein Netzwerk von FLINTA* DJs, das sich vor einem Jahr gegründet hat. Da sind ungefähr 300 DJs mit drin. Wir planen damit aktiv Gleichberechtigung zu schaffen. Wir wollen nicht nur aufklären, die wichtige Arbeit machen bereits sehr viele. Wir wollen eine ganze Palette an FLINTA* DJs aufzeigen und die Szene präsentieren. So nach dem Motto:  „Wir sind hier, FLINTA*- DJs aus jedem erdenklichen Genre und ihr könnt uns gerne buchen.

Das ist sehr wichtig, denn das ist immer wieder die typische Ausrede, dass es zu wenige oder gar keine guten geben würde. Das ist nicht wahr. Man kommt trotzdem, egal in welcher Musikrichtung in solche Gespräche. Es ist einfach ein Fakt, dass es sehr viele talentierte FLINTA* Personen gibt, die Musik oder allgemein Kunst machen. Das aufzuzeigen und nicht nur zu aufzuklären ist wirklich eine gute Herangehensweise. 

Ich glaube auch! Ich komme gerne mit Leuten ins Gespräch, aber ich glaube, es ist oft sehr schwierig, Leuten, die die Strukturen ihr Leben lang so kennen, eines Besseren zu belehren. Es ist zwar schwer, nicht direkt dagegen zu argumentieren, aber ich glaube, es ist ein besserer Weg zusammenzuarbeiten. Am Ende des Tages haben wir doch alle die gleiche Vision.

Was glaubst du, können Außenstehende machen, um Veränderung mit anzustoßen?

Das Ganze thematisieren und FLINTA* Künstler:innen unterstützen. Auch kritisch sein und hinterfragen. Die meisten Line-ups sind extrem männlich und man kann aktiv werden. Ich glaube, wenn du als Konsument oder Konsumentin Veranstalter:innen anschreibst und gezielt nachfragst, ob mal ein paar FLINTA* DJs gebucht werden könnten, findet das noch mal anders Anklang. Nachfrage bestimmt schon das Angebot.

Support ist in jeder Kunstform das Wichtigste, egal ob von innen oder außen. Wenn man es nur rein wirtschaftlich betrachtet, bin ich als Zuhörerin und Besucherin einer solchen Veranstaltung und schlicht einfach Kundin. Ich komme da hin und zahle Geld. Die Veranstalter:innen wollen mich bedienen und glücklich machen. Ich finde es einen sehr wichtigen und guten Punkt, das Bewusstsein zu schaffen, dass auch ich als Besucherin oder Konsumentin für Veränderung sorgen kann. 

Vielleicht sogar gleich noch der nächste Step! Vielleicht sogar sagen zu können: „Hey, ich kenne sogar jemanden.“ Dann kann es auch hier gar nicht dazu kommen, dass gesagt wird, es gäbe keine Auswahl oder man kenne niemanden.

Das wäre für Veranstalter:innen auch super bereichernd. Es kann wirklich sein, dass sie gerade niemanden auf dem Schirm haben, und dann kann man noch was Positives aus der Zusammenarbeit ziehen. Im Endeffekt wollt ihr eure Musik machen, Veranstaltungen sollen gut laufen und wir wollen einen guten Abend haben. Das geht einfach am besten Hand in Hand. 

Ich bin mir auf jeden Fall sicher, dass du gerade ein wichtiges Gesicht der Elektroszene darstellst und vor allem für Mädels ein wichtiges Vorbild bist. Was würdest du ihnen raten, wenn sie gerne mit dem Auflegen anfangen würden, aber sich nicht trauen?

Ich glaube, was hilft, ist, wenn man sich zusammenschließt. Zusammen bist du einfach stärker. Ich würde vielleicht erst mal einen „Safer Space“ mit Menschen, mit denen man auf einer Ebene ist, schaffen. Man hat dann schon Leute im Rücken, die feiern, was man macht. Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht mehr, ob ich das so gemacht habe. Ich war immer mit meinen Freunden. Die haben zwar nicht aufgelegt, aber ich wusste, wenn mich jemand dumm anmacht, sind die am Start. Ich glaube, sich mit Leuten zu connecten, die das Gleiche machen und als FLINTA* Person vielleicht auch mit anderen FLINTA* Personen zusammentun ist gut, weil man aus der Erfahrung lernen kann. Ich hatte am Anfang schon Angst, dass die Leute denken, ich möchte nur Aufmerksamkeit. Darum ging es mir aber nie. Im Gegenteil: Ich bin eigentlich alles andere als eine Rampensau und mag das überhaupt nicht im Mittelpunkt zu stehen.

Total lustig, denn ich treffe immer wieder auf Künstler:innen, die genau das empfinden. Die gar nicht unbedingt extrovertiert sind oder gerne im Mittelpunkt stehen. 

Ich glaube es gibt viele Menschen, denen genau das Spaß macht und das ist auch nice. Ich wünschte mir manchmal, ich hätte mehr davon. Dann würde mir das schon leichter fallen. Ich bin immer sehr fokussiert darauf, dass alles perfekt ist und die Leute denken sicher manchmal, ich wäre voll ernst. Ich habe aber total Spaß. Das muss der Person, die auflegen will, schon bewusst sein. Du bist im Mittelpunkt! Vielleicht erst mal im geschützten Raum probieren, einen Track auf SoundCloud hochladen und einfach probieren, ob es Spaß macht. Wenn man ein positives Gefühl hat, würde ich immer in diese Richtung gehen.

Foto Credit: Chiara Lessing

Inwiefern inspiriert dich denn Kunst von anderen Kunstschaffenden für dein eigenes Schaffen?

Wenn es um das Musikalische geht, könnte ich als DJ ja ohne die Musik von anderen gar nichts machen, was ich mache. Dementsprechend inspiriert es mich natürlich komplett bei dem was ich mache. Ich bin auch dabei, meine eigenen Tracks zu produzieren, aber es dauert noch. Ich werde nicht releasen, solange es nicht komplett on Point ist. Aber so ganz allgemein (überlegt). Ich kann gar nicht genau sagen, was mich inspiriert, weil mich jede Art von Kunst anders berührt. Ich gehe zum Beispiel super gerne ins Museum oder auf Kunstausstellungen. Ich glaube aber, was mich neben Musik am meisten inspiriert, ist Text, Sprache allgemein. Mit Sprache kann man einfach noch krassere Dinge ausdrücken. Ist aber immer total individuell.

Ich fühle das total. Es kommt auch immer darauf an, in welchem Rahmen man Kunst konsumiert und wie es einem gerade geht. Welche Person aus dem Raum Wiesbaden bis Mainz findest du denn inspirierend und kommt dir als erstes in den Kopf?

Boah, das sind so viele Leute. Wer mich aber auf mehreren Ebenen beeindruckt, ist definitiv Tantekante. Zum einen ist sie eine gute Freundin, aber darum geht es natürlich weniger. Die Musik, die sie auflegt, ist zwar nicht die Musik, die ich mache, aber es fühlt sich so gut an, zu ihrer Musik zu tanzen. Das ist das eine, aber sie schreibt auch viel. Das, was sie damit ausdrückt, finde ich einfach krass. Sie ist auch optisch einfach so eine Kunstperson und einfach inspirierend.

Super schön! Noch viel schöner natürlich, dass man solche Leute zu seinen Kolleg:innen oder Freund:innen zählen kann. Was wünschst du dir denn für die Zukunft der Kunst- und Kulturszene im Rhein-Main-Gebiet?

Ich finde vor allem in Wiesbaden schade, dass es wenig Angebot gibt, was elektronische Musik betrifft. Es gibt keinen wirklichen Club, nur den Schlachthof oder die Krea. Früher gab es noch das Basement. Da fehlt etwas. Es gibt auf jeden Fall ein paar coole Locations, aber da muss unbedingt aufgestockt werden. Ich finde es so schade, weil ich eigentlich das Gefühl habe, es gibt so viele Leute und die Nachfrage ist da. Wenn es etwas gibt, wird sich in der Regel schnell beschwert. Das ist total schade! Ich habe gehört, dass Wiesbaden in den 80ern total die pulsierende Stadt war und ich frage mich immer, ob die Leute, die damals so am Start waren, heute nicht auch die sind, die uns Dinge ermöglichen könnten, sie aber stattdessen zum Teil verbieten. Ich glaube man sollte einfach öfter versuchen sein Gegenüber zu verstehen. Das fehlt manchmal.

Das ist auch einer unserer Ansätze mit dem Magazin: Einen Einblick schaffen in verschiedene Kunstformen und dadurch zugänglicher werden. Ich glaube, manchmal haben diese einen Stempel und werden negativ dargestellt. Der Mehrwert wird oft nicht gesehen, was das den Kunstschaffenden, aber auch den Konsumierenden gibt. Kunst ist essentiell in unserem Alltag, man kann sich ablenken, neue Energie daraus ziehen. Das muss sichtbarer gemacht werden und seinen Wert erhalten. Innerhalb dieser Szene sind wir uns glaube so gut wie alle einig, aber es muss auch für die sichtbar sein, die sich nicht in dem Ausmaß mit Kunst beschäftigen. Oft sind genau die Menschen auch Menschen in entscheidenden Positionen und könnten uns mehr ermöglichen. 

Genau, es geht über Spaß haben hinaus. Für viele ist Kunst eine Art der Therapie und das ist wertvoll. In der Technoszene ist der Drogenstempel da. Die Leute sind immer nur drauf und so weiter. Klar bildet die Technoszene die Gesellschaft ab und da gibt es natürlich Menschen, die Drogen nehmen. Ich kenne aber auch so viele, die nichts nehmen, denen es nur um den Ausdruck und um die Musik geht. Ich glaube, das ist wichtig, dass die Leute das checken. Natürlich gehören gewisse Substanzen zum Nachtleben dazu. Besser gesagt findet es dort statt, steht aber trotzdem nicht dafür.

Ich verstehe das total. Ich liebe es, auf Technomusik zu feiern und mich treibt diese Musik schon so intensiv, dass ich es auch so schaffe, bis morgens durchzutanzen. Ich glaube, es ist wichtig, wie bei allem, nicht nur oberflächlich den Blick darauf zu werfen. Das sind häufig Argumente gegen Clubs und Räume. Wenn das Klischee ein wenig schwindet, wird es vielleicht auch einfacher, Räume zu finden und Partys anbieten zu können. 

„Ich war im Sommer auf einer Veranstaltung. Klar lagen da am Abend überall Flaschen, aber nach der Veranstaltung sah der Platz fast sauberer aus als davor. Das sind Sachen, darüber spricht keiner. Natürlich gibt es auch das Gegenteil, aber das ist total das gute Beispiel dafür, dass nicht immer alles nur negativ ist. Es gibt viele gute Menschen, die mit gutem Beispiel vorangehen.“

Gerade wenn man sich mit der Kunstszene befasst, findet man ganz viele davon. Die meisten Menschen, die ich kenne, die Kunst machen, sind Leute, die unglaublich bedacht sind. In ihrer Sprache und Wortwahl, in dem Umgang mit der Natur, dem Weltgeschehen, sich für den Klimawandel interessieren und sich größtenteils vegetarisch oder vegan ernähren (lacht). Ganz viele Kunstschaffende sind in vielen Lebenslagen sehr, sehr gute Menschen und haben einfach Bock, sich auszuleben. Man muss diesen Menschen Möglichkeiten bieten und endlich mehr zutrauen. 

Ich denke, das liegt ein bisschen daran, dass Menschen, die Kunst machen, viel Inspiration in anderen Kulturen finden, viel reflektieren und offen sind.

Die Offenheit ist oft mit Kunst und Kultur verankert. Man kann sehr viel Inspiration daraus ziehen, wenn man sich auf der ganzen Welt verbunden fühlt mit seiner Kunst. Das ist einfach ein schöner Raum, der hoffentlich immer weiter wächst. 

Ihr findet Kristina auf Instagram unter @ueberkikz

und hier geht's zu Kristina's Soundcloud.

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Da sitzen wir zusammen in einem kleinen Café in Wiesbaden, um über die große Leidenschaft „Musik“, das Frau sein in der Szene und die stattfindende Veränderung zu sprechen. Punkte, die uns zwar beide ganz individuell beschäftigen, bei denen wir uns aber doch sehr einig sind. 

Kristina ist 25, in Russland geboren und in der hessischen Landeshauptstadt aufgewachsen. Hier hat sie Kunst für sich entdeckt und lieben gelernt. Wir sprechen über den Weg zum Auflegen, die Hürden in einer misogynen Gesellschaft und das atemberaubende Gefühl, wenn man seine Leidenschaft findet. 

Foto Credit: Chiara Lessing

Du bist DJ im Elektronik-Genre. Welchen Sound spielst du am häufigsten und wie lange machst du das jetzt schon?

Also Auflegen tu ich nun seit zweieinhalb Jahren. Aktuell lege ich Techno auf, aber eher in die Richtung Hard-Techno. Es ist schon schnell, aber ich achte darauf, dass es nicht zu düster wird und nicht zu industriell. Ich finde das auch nice, aber es soll Spaß machen und good vibes vermitteln.

Was denkst du waren bei dir die Schlüsselmomente, mit dem Auflegen anzufangen?

Elektronische Musik höre ich schon lange, so seit der Mittelstufe und hab mit House angefangen. Heißt: Ich hatte schon immer einen Bezug zu der Musikrichtung. Mit 16 war ich auf meinem ersten Rave und fand das alles mega cool. (Überlegt) Aber genau, da gab es einen Moment, als ich 2018 eine Freundin in Argentinien besucht habe. Ich habe mit einem Freund viel über Musik gesprochen und erzählt, wie ich Musik höre. Dass es ganz viele Lieder gibt, bei denen ich kleine Parts interessant finde und ein Instrument oder kleine Dinge voll intensiv höre. Er hat mich dann gefragt, ob ich schon mal darüber nachgedacht habe Produzentin zu werden. Das ist irgendwie hängen geblieben. Das war so vor vier Jahren ungefähr. Ich bin zwar noch keine Musikproduzentin, aber ich glaube, das hat dazu beigetragen, mich so ein bisschen in die Richtung zu begeben. Allgemein habe ich es einfach gefeiert, auf Technomusik feiern zu gehen (lacht). Es fühlt sich so nice an, die Musik zu hören, dazu zu tanzen, da wollte ich mehr. Ich wollte noch mehr von diesem Gefühl und habe mich für das Auflegen entschieden. Mein Freund hat mich auch ein bisschen inspiriert, einfach anzufangen. Ich bin ein sehr verkopfter Mensch, plane alles und er sagt meistens einfach: „Komm, probiere es doch einfach aus und wenn es nichts ist, dann ist es auch nicht schlimm.“ Er hat mich dann überzeugt, einen kleinen Controller zu kaufen und dann habe ich damit angefangen. Ich glaube, das war ein Zusammenspiel aus allen drei Sachen.

Du hast es jetzt zwar schon ein wenig angeschnitten, aber was gibt dir das Auflegen?

Die Frage wird mir ab und zu mal gestellt und meine Antwort ist eigentlich immer die gleiche: Das Gefühl, was ich dabei bekomme, ist ein Gefühl, welches ich vorher noch nie hatte. Das klingt vielleicht übertrieben, wenn ich das so sage, aber das fühlt sich irgendwie so an, wie wenn man verliebt ist. Vielleicht sogar ein bisschen krasser. Ich kann ehrlich gesagt nicht sagen, ob ich jemals so ein Gefühl bei einem Menschen hatte, wie wenn ich auflege. Das ist schon eine krasse Aussage.

Das ist wunderschön, wenn man eine Leidenschaft findet, bei der man so ein Gefühl verspürt. Ich verstehe das total, auch wenn es einem immer schwerfällt, das zu erklären. 

Wenn ich es jetzt auch so sage (grinst). Es ist ein wunderschönes Gefühl! Leidenschaft, Enthusiasmus, Begeisterung, Freude. Einfach alle positiven Gefühle auf einmal würde ich sagen.

Was hoffst du, gibt es den Leuten, die vor dem DJ Pult stehen, wenn du auflegst?

Natürlich, dass sie auch happy sind und es ihnen Spaß macht. Ich habe auch ein bisschen die Hoffnung, dass die Leute das fühlen, was ich fühle und auch verstehen, was ich ihnen rüberbringen will, auch wenn jeder Mensch alles sehr individuell fühlt.

Mit welchen drei Worten würdest du ein Set von dir beschreiben?

Ich habe mir da letztens Gedanken drüber gemacht. Ich glaube, es ist facettenreich, definitiv treibend und ich denke, es ist auch etwas emotional.

Voll schön, dass du das sagst. Glaubst du, dass man mit Beats ohne Vocals und Sprache viele Möglichkeiten hat, Emotionen zu übermitteln? 

Ich lege schon auch ab und zu mit Vocals auf, aber die haben meistens keine emotionale Message. Es geht dabei dann schon weniger um die Sprache als um die Beats. Ich glaube schon, dass man viele Emotionen rüberbringen kann. Man muss da vielleicht unterscheiden, ob es mit oder ohne Melodie ist. Eine Melodie kann happy sein, melancholisch, traurig. Ich lege zwar auch viel ohne Melodien auf und dafür mehr mit Rhythmen und Percussion, aber auch das kann emotional sein. Vielleicht aber eher aktivierende Gefühle wie Wut, Euphorie oder Freude.

Ist die Musik, die du auflegst, auch die Musik, die du selbst gerne zum Feiern hörst?

Ja schon. Manchmal wünschte ich mir, auf einer Party spielt ein DJ genau das, was ich auch mache (lacht). Das ist bisher nie der Fall gewesen!

Was sehr schön ist. Du schaffst einfach was anderes, individuelles. 

Also zumindest im Rhein-Main-Gebiet kenne ich niemanden, der oder die sowas auflegt. Das ist auch ganz gut. Aber zum Feiern würde ich schon am liebsten meine Musik hören, oder etwas, was in die Richtung geht. Ansonsten feiere ich auch 80er, 90er, 2000er oder Neue Deutsche Welle total. Das macht einfach Spaß und ist super witzig.

Wenn du selbst auf Partys gehst, auf denen elektronische Musik läuft, fällt es dir dann schwer, dich fallen zu lassen? Hörst du da genau hin, auf die Übergänge, die Technik?

Ja definitiv! Als ich angefangen habe aufzulegen, hatte ich natürlich noch keine Erfahrung und habe mich teilweise auf Partys richtig weit nach vorne gestellt, um zu gucken, was DJs eigentlich so machen (lacht). Ich konnte mich dann meistens gar nicht richtig auf die Musik konzentrieren. Das mache ich jetzt natürlich nicht mehr (lacht). Aber ja, ich höre auf jeden Fall kritischer.

Wir haben bereits vor dem Interview über Sexismus in der Kultur und den Umgang in der Gesellschaft gesprochen. Es ist kein Geheimnis, dass wir auch 2022 immer noch in einer Gesellschaft leben, die von sexistischen Strukturen durchzogen ist. Kunst und Kultur ist immer auch ein Spiegel der Gesellschaft, sodass wir auch hier nicht frei von misogynen Verhaltensweisen sind. Die unterschiedlichsten Musikrichtungen sind meist männerdominiert, so dass der Weg als FLINTA* Person (Anm. d. Red.: Frauen, Lesben, inter-, nicht-binäre, trans- und agender Personen. Der Stern * steht für alle, die sich nicht mit einer der Bezeichnungen identifizieren können, aber dennoch durch patriarchale Strukturen benachteiligt werden.) meist auf persönlicher, aber vor allem auch auf struktureller Ebene erschwert wird. 

Woran glaubst du, liegt es, dass immer noch kein kompletter Wandel stattgefunden hat und Kunst noch nicht gleichberechtigt ist?

Was ich auf jeden Fall dazu sagen muss ist, dass da aktuell sehr viel passiert und das ist super wichtig. Also sowohl seitens der Männer als auch seitens der FLINTA*-Personen. Es macht mich richtig happy zu sehen, wie viele Frauen ganz grundsätzlich Musik machen, aber sich auch für die Gleichberechtigung einsetzen. Dadurch werden natürlich auch Männer angesteckt und ich glaube, das wäre vor ein paar Jahren noch nicht möglich gewesen. Woran das liegt, ist meiner Meinung nach ganz simpel: Das ist die Rolle, die Männern und Frauen in der Gesellschaft gegeben wird. Männer werden oft als Macher angesehen und bekommen häufig weniger Beurteilung und demnach auch Verurteilung. Frauen müssen sich dem häufiger stellen. Das ist der Punkt, warum immer noch mehr Männer als Frauen am Start sind.

Die fehlende Wertschätzung oder das Ernstnehmen zeigt sich ja zum Beispiel auch in der Bezeichnung. Ich habe dich jetzt immer wieder als „DJ“ bezeichnet und nicht wie bei vielen vielleicht verankert als „DJane“. Was ist an dem namentlichen Unterschied problematisch?

Mir war das ehrlich gesagt auch gar nicht so bewusst, als ich angefangen habe. Teilweise wollen die Leute, glaube ich, etwas Gutes tun, indem sie gendern und das ist auch wichtig. Aber es macht in dem Fall grammatikalisch überhaupt kein Sinn. „DJ“ heißt „Discjockey“, ein englischer Begriff und im Englischen genderst du grundsätzlich nicht. Das ist eine Mischung aus einem englischen Wort mit einer komischen Endung. Wenn man das ausschreibt, würde es ja „Discjockeyane“ heißen und das ist einfach kein Wort (lacht). Es ist halt leider so, dass du dann weniger ernst genommen wirst, allein wenn man den Begriff irgendwo liest. Es wird auf jeden Fall Menschen geben, die das sehen und dann weniger ernst nehmen. Das ist an dieser Stelle wichtiger und vor allem richtiger einfach „DJ“ zu sagen.

Vor allem weil es keine Unterschiede gibt in dem, was ihr macht. Ihr legt beide Musik auf, ob Mann oder Frau. Ihr geht beide eurer Leidenschaft nach, warum muss man da unterscheiden? Wie ist denn dein persönlicher Umgang mit misogynem Verhalten von Kolleg:innen, aber auch Hörer:innen?

Glücklicherweise passiert mir das wenig. Ich hatte natürlich Angst, als ich angefangen habe, dass das sein könnte. In der Umgebung, in der ich unterwegs war, sind die Leute alle sehr open minded, deshalb habe ich die Erfahrungen weniger gemacht. Aber natürlich habe ich mitbekommen, dass da ganz viele andere schlechte Erfahrungen gemacht haben. Vor allem die, die schon länger dabei sind. Ich versuche eigentlich immer ins Gespräch zu gehen, wenn ich das mitbekomme. Ich glaube, dass eine Kommunikation auf Augenhöhe super wichtig ist, um den Leuten auch nahezubringen, was überhaupt problematisch ist. Ich muss aber auch sagen, dass ich das nicht jedes Mal mache, da es sehr viel Energie raubt. Der andere Punkt ist, dass ich mich selbst öffentlich ganz klar positioniere und darauf aufmerksam mache.

Das ist super wichtig! Meiner Meinung nach sollte man den Einfluss nutzen, den man hat. Wie genau können denn Protagonist:innen der DJ-Szene für Veränderung sorgen? Damit meine ich neben DJs auch Booker und Veranstalter:innen. 

Ich glaube man sollte vor allem ins Gespräch gehen. Und man muss offen für neue Anregung sein und nicht immer Schema-F fahren. Einfach den Input zulassen und sich selbst mal reflektieren. Noch ein Schritt wäre, wenn männliche Booker und Veranstalter aktiv gleichberechtigt buchen und ein gleichberechtigtes Line-up schaffen. Ich glaube, das ist schon der nächste Step. Es wäre erst mal wichtig offen zu sein und sich darauf einzulassen, dass Veränderung stattfindet.

Gibt es denn Initiativen, Organisationen oder Kollektive, die sich damit gezielt auseinandersetzen?

Grundsätzlich gibt es in der Technoszene ganz viele Kollektive und Veranstaltungsreihen, die vor allem die queere Szene bedienen, um einen „Safer Space“ zu schaffen. Das gibt es aber vor allem in größeren Städten. In anderen Ländern sind sie auch sehr aktiv. Ansonsten gibt es Aufklärungsseiten, wie zum Beispiel „Technometoo“ oder „I AM A DJ“. Es gibt auch etwas, damit bin ich sehr connected: „House of FLINTA*“. Das ist ein Netzwerk von FLINTA* DJs, das sich vor einem Jahr gegründet hat. Da sind ungefähr 300 DJs mit drin. Wir planen damit aktiv Gleichberechtigung zu schaffen. Wir wollen nicht nur aufklären, die wichtige Arbeit machen bereits sehr viele. Wir wollen eine ganze Palette an FLINTA* DJs aufzeigen und die Szene präsentieren. So nach dem Motto:  „Wir sind hier, FLINTA*- DJs aus jedem erdenklichen Genre und ihr könnt uns gerne buchen.

Das ist sehr wichtig, denn das ist immer wieder die typische Ausrede, dass es zu wenige oder gar keine guten geben würde. Das ist nicht wahr. Man kommt trotzdem, egal in welcher Musikrichtung in solche Gespräche. Es ist einfach ein Fakt, dass es sehr viele talentierte FLINTA* Personen gibt, die Musik oder allgemein Kunst machen. Das aufzuzeigen und nicht nur zu aufzuklären ist wirklich eine gute Herangehensweise. 

Ich glaube auch! Ich komme gerne mit Leuten ins Gespräch, aber ich glaube, es ist oft sehr schwierig, Leuten, die die Strukturen ihr Leben lang so kennen, eines Besseren zu belehren. Es ist zwar schwer, nicht direkt dagegen zu argumentieren, aber ich glaube, es ist ein besserer Weg zusammenzuarbeiten. Am Ende des Tages haben wir doch alle die gleiche Vision.

Was glaubst du, können Außenstehende machen, um Veränderung mit anzustoßen?

Das Ganze thematisieren und FLINTA* Künstler:innen unterstützen. Auch kritisch sein und hinterfragen. Die meisten Line-ups sind extrem männlich und man kann aktiv werden. Ich glaube, wenn du als Konsument oder Konsumentin Veranstalter:innen anschreibst und gezielt nachfragst, ob mal ein paar FLINTA* DJs gebucht werden könnten, findet das noch mal anders Anklang. Nachfrage bestimmt schon das Angebot.

Support ist in jeder Kunstform das Wichtigste, egal ob von innen oder außen. Wenn man es nur rein wirtschaftlich betrachtet, bin ich als Zuhörerin und Besucherin einer solchen Veranstaltung und schlicht einfach Kundin. Ich komme da hin und zahle Geld. Die Veranstalter:innen wollen mich bedienen und glücklich machen. Ich finde es einen sehr wichtigen und guten Punkt, das Bewusstsein zu schaffen, dass auch ich als Besucherin oder Konsumentin für Veränderung sorgen kann. 

Vielleicht sogar gleich noch der nächste Step! Vielleicht sogar sagen zu können: „Hey, ich kenne sogar jemanden.“ Dann kann es auch hier gar nicht dazu kommen, dass gesagt wird, es gäbe keine Auswahl oder man kenne niemanden.

Das wäre für Veranstalter:innen auch super bereichernd. Es kann wirklich sein, dass sie gerade niemanden auf dem Schirm haben, und dann kann man noch was Positives aus der Zusammenarbeit ziehen. Im Endeffekt wollt ihr eure Musik machen, Veranstaltungen sollen gut laufen und wir wollen einen guten Abend haben. Das geht einfach am besten Hand in Hand. 

Ich bin mir auf jeden Fall sicher, dass du gerade ein wichtiges Gesicht der Elektroszene darstellst und vor allem für Mädels ein wichtiges Vorbild bist. Was würdest du ihnen raten, wenn sie gerne mit dem Auflegen anfangen würden, aber sich nicht trauen?

Ich glaube, was hilft, ist, wenn man sich zusammenschließt. Zusammen bist du einfach stärker. Ich würde vielleicht erst mal einen „Safer Space“ mit Menschen, mit denen man auf einer Ebene ist, schaffen. Man hat dann schon Leute im Rücken, die feiern, was man macht. Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht mehr, ob ich das so gemacht habe. Ich war immer mit meinen Freunden. Die haben zwar nicht aufgelegt, aber ich wusste, wenn mich jemand dumm anmacht, sind die am Start. Ich glaube, sich mit Leuten zu connecten, die das Gleiche machen und als FLINTA* Person vielleicht auch mit anderen FLINTA* Personen zusammentun ist gut, weil man aus der Erfahrung lernen kann. Ich hatte am Anfang schon Angst, dass die Leute denken, ich möchte nur Aufmerksamkeit. Darum ging es mir aber nie. Im Gegenteil: Ich bin eigentlich alles andere als eine Rampensau und mag das überhaupt nicht im Mittelpunkt zu stehen.

Total lustig, denn ich treffe immer wieder auf Künstler:innen, die genau das empfinden. Die gar nicht unbedingt extrovertiert sind oder gerne im Mittelpunkt stehen. 

Ich glaube es gibt viele Menschen, denen genau das Spaß macht und das ist auch nice. Ich wünschte mir manchmal, ich hätte mehr davon. Dann würde mir das schon leichter fallen. Ich bin immer sehr fokussiert darauf, dass alles perfekt ist und die Leute denken sicher manchmal, ich wäre voll ernst. Ich habe aber total Spaß. Das muss der Person, die auflegen will, schon bewusst sein. Du bist im Mittelpunkt! Vielleicht erst mal im geschützten Raum probieren, einen Track auf SoundCloud hochladen und einfach probieren, ob es Spaß macht. Wenn man ein positives Gefühl hat, würde ich immer in diese Richtung gehen.

Foto Credit: Chiara Lessing

Inwiefern inspiriert dich denn Kunst von anderen Kunstschaffenden für dein eigenes Schaffen?

Wenn es um das Musikalische geht, könnte ich als DJ ja ohne die Musik von anderen gar nichts machen, was ich mache. Dementsprechend inspiriert es mich natürlich komplett bei dem was ich mache. Ich bin auch dabei, meine eigenen Tracks zu produzieren, aber es dauert noch. Ich werde nicht releasen, solange es nicht komplett on Point ist. Aber so ganz allgemein (überlegt). Ich kann gar nicht genau sagen, was mich inspiriert, weil mich jede Art von Kunst anders berührt. Ich gehe zum Beispiel super gerne ins Museum oder auf Kunstausstellungen. Ich glaube aber, was mich neben Musik am meisten inspiriert, ist Text, Sprache allgemein. Mit Sprache kann man einfach noch krassere Dinge ausdrücken. Ist aber immer total individuell.

Ich fühle das total. Es kommt auch immer darauf an, in welchem Rahmen man Kunst konsumiert und wie es einem gerade geht. Welche Person aus dem Raum Wiesbaden bis Mainz findest du denn inspirierend und kommt dir als erstes in den Kopf?

Boah, das sind so viele Leute. Wer mich aber auf mehreren Ebenen beeindruckt, ist definitiv Tantekante. Zum einen ist sie eine gute Freundin, aber darum geht es natürlich weniger. Die Musik, die sie auflegt, ist zwar nicht die Musik, die ich mache, aber es fühlt sich so gut an, zu ihrer Musik zu tanzen. Das ist das eine, aber sie schreibt auch viel. Das, was sie damit ausdrückt, finde ich einfach krass. Sie ist auch optisch einfach so eine Kunstperson und einfach inspirierend.

Super schön! Noch viel schöner natürlich, dass man solche Leute zu seinen Kolleg:innen oder Freund:innen zählen kann. Was wünschst du dir denn für die Zukunft der Kunst- und Kulturszene im Rhein-Main-Gebiet?

Ich finde vor allem in Wiesbaden schade, dass es wenig Angebot gibt, was elektronische Musik betrifft. Es gibt keinen wirklichen Club, nur den Schlachthof oder die Krea. Früher gab es noch das Basement. Da fehlt etwas. Es gibt auf jeden Fall ein paar coole Locations, aber da muss unbedingt aufgestockt werden. Ich finde es so schade, weil ich eigentlich das Gefühl habe, es gibt so viele Leute und die Nachfrage ist da. Wenn es etwas gibt, wird sich in der Regel schnell beschwert. Das ist total schade! Ich habe gehört, dass Wiesbaden in den 80ern total die pulsierende Stadt war und ich frage mich immer, ob die Leute, die damals so am Start waren, heute nicht auch die sind, die uns Dinge ermöglichen könnten, sie aber stattdessen zum Teil verbieten. Ich glaube man sollte einfach öfter versuchen sein Gegenüber zu verstehen. Das fehlt manchmal.

Das ist auch einer unserer Ansätze mit dem Magazin: Einen Einblick schaffen in verschiedene Kunstformen und dadurch zugänglicher werden. Ich glaube, manchmal haben diese einen Stempel und werden negativ dargestellt. Der Mehrwert wird oft nicht gesehen, was das den Kunstschaffenden, aber auch den Konsumierenden gibt. Kunst ist essentiell in unserem Alltag, man kann sich ablenken, neue Energie daraus ziehen. Das muss sichtbarer gemacht werden und seinen Wert erhalten. Innerhalb dieser Szene sind wir uns glaube so gut wie alle einig, aber es muss auch für die sichtbar sein, die sich nicht in dem Ausmaß mit Kunst beschäftigen. Oft sind genau die Menschen auch Menschen in entscheidenden Positionen und könnten uns mehr ermöglichen. 

Genau, es geht über Spaß haben hinaus. Für viele ist Kunst eine Art der Therapie und das ist wertvoll. In der Technoszene ist der Drogenstempel da. Die Leute sind immer nur drauf und so weiter. Klar bildet die Technoszene die Gesellschaft ab und da gibt es natürlich Menschen, die Drogen nehmen. Ich kenne aber auch so viele, die nichts nehmen, denen es nur um den Ausdruck und um die Musik geht. Ich glaube, das ist wichtig, dass die Leute das checken. Natürlich gehören gewisse Substanzen zum Nachtleben dazu. Besser gesagt findet es dort statt, steht aber trotzdem nicht dafür.

Ich verstehe das total. Ich liebe es, auf Technomusik zu feiern und mich treibt diese Musik schon so intensiv, dass ich es auch so schaffe, bis morgens durchzutanzen. Ich glaube, es ist wichtig, wie bei allem, nicht nur oberflächlich den Blick darauf zu werfen. Das sind häufig Argumente gegen Clubs und Räume. Wenn das Klischee ein wenig schwindet, wird es vielleicht auch einfacher, Räume zu finden und Partys anbieten zu können. 

„Ich war im Sommer auf einer Veranstaltung. Klar lagen da am Abend überall Flaschen, aber nach der Veranstaltung sah der Platz fast sauberer aus als davor. Das sind Sachen, darüber spricht keiner. Natürlich gibt es auch das Gegenteil, aber das ist total das gute Beispiel dafür, dass nicht immer alles nur negativ ist. Es gibt viele gute Menschen, die mit gutem Beispiel vorangehen.“

Gerade wenn man sich mit der Kunstszene befasst, findet man ganz viele davon. Die meisten Menschen, die ich kenne, die Kunst machen, sind Leute, die unglaublich bedacht sind. In ihrer Sprache und Wortwahl, in dem Umgang mit der Natur, dem Weltgeschehen, sich für den Klimawandel interessieren und sich größtenteils vegetarisch oder vegan ernähren (lacht). Ganz viele Kunstschaffende sind in vielen Lebenslagen sehr, sehr gute Menschen und haben einfach Bock, sich auszuleben. Man muss diesen Menschen Möglichkeiten bieten und endlich mehr zutrauen. 

Ich denke, das liegt ein bisschen daran, dass Menschen, die Kunst machen, viel Inspiration in anderen Kulturen finden, viel reflektieren und offen sind.

Die Offenheit ist oft mit Kunst und Kultur verankert. Man kann sehr viel Inspiration daraus ziehen, wenn man sich auf der ganzen Welt verbunden fühlt mit seiner Kunst. Das ist einfach ein schöner Raum, der hoffentlich immer weiter wächst. 

Ihr findet Kristina auf Instagram unter @ueberkikz

und hier geht's zu Kristina's Soundcloud.

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Da sitzen wir zusammen in einem kleinen Café in Wiesbaden, um über die große Leidenschaft „Musik“, das Frau sein in der Szene und die stattfindende Veränderung zu sprechen. Punkte, die uns zwar beide ganz individuell beschäftigen, bei denen wir uns aber doch sehr einig sind. 

Kristina ist 25, in Russland geboren und in der hessischen Landeshauptstadt aufgewachsen. Hier hat sie Kunst für sich entdeckt und lieben gelernt. Wir sprechen über den Weg zum Auflegen, die Hürden in einer misogynen Gesellschaft und das atemberaubende Gefühl, wenn man seine Leidenschaft findet. 

Foto Credit: Chiara Lessing

Du bist DJ im Elektronik-Genre. Welchen Sound spielst du am häufigsten und wie lange machst du das jetzt schon?

Also Auflegen tu ich nun seit zweieinhalb Jahren. Aktuell lege ich Techno auf, aber eher in die Richtung Hard-Techno. Es ist schon schnell, aber ich achte darauf, dass es nicht zu düster wird und nicht zu industriell. Ich finde das auch nice, aber es soll Spaß machen und good vibes vermitteln.

Was denkst du waren bei dir die Schlüsselmomente, mit dem Auflegen anzufangen?

Elektronische Musik höre ich schon lange, so seit der Mittelstufe und hab mit House angefangen. Heißt: Ich hatte schon immer einen Bezug zu der Musikrichtung. Mit 16 war ich auf meinem ersten Rave und fand das alles mega cool. (Überlegt) Aber genau, da gab es einen Moment, als ich 2018 eine Freundin in Argentinien besucht habe. Ich habe mit einem Freund viel über Musik gesprochen und erzählt, wie ich Musik höre. Dass es ganz viele Lieder gibt, bei denen ich kleine Parts interessant finde und ein Instrument oder kleine Dinge voll intensiv höre. Er hat mich dann gefragt, ob ich schon mal darüber nachgedacht habe Produzentin zu werden. Das ist irgendwie hängen geblieben. Das war so vor vier Jahren ungefähr. Ich bin zwar noch keine Musikproduzentin, aber ich glaube, das hat dazu beigetragen, mich so ein bisschen in die Richtung zu begeben. Allgemein habe ich es einfach gefeiert, auf Technomusik feiern zu gehen (lacht). Es fühlt sich so nice an, die Musik zu hören, dazu zu tanzen, da wollte ich mehr. Ich wollte noch mehr von diesem Gefühl und habe mich für das Auflegen entschieden. Mein Freund hat mich auch ein bisschen inspiriert, einfach anzufangen. Ich bin ein sehr verkopfter Mensch, plane alles und er sagt meistens einfach: „Komm, probiere es doch einfach aus und wenn es nichts ist, dann ist es auch nicht schlimm.“ Er hat mich dann überzeugt, einen kleinen Controller zu kaufen und dann habe ich damit angefangen. Ich glaube, das war ein Zusammenspiel aus allen drei Sachen.

Du hast es jetzt zwar schon ein wenig angeschnitten, aber was gibt dir das Auflegen?

Die Frage wird mir ab und zu mal gestellt und meine Antwort ist eigentlich immer die gleiche: Das Gefühl, was ich dabei bekomme, ist ein Gefühl, welches ich vorher noch nie hatte. Das klingt vielleicht übertrieben, wenn ich das so sage, aber das fühlt sich irgendwie so an, wie wenn man verliebt ist. Vielleicht sogar ein bisschen krasser. Ich kann ehrlich gesagt nicht sagen, ob ich jemals so ein Gefühl bei einem Menschen hatte, wie wenn ich auflege. Das ist schon eine krasse Aussage.

Das ist wunderschön, wenn man eine Leidenschaft findet, bei der man so ein Gefühl verspürt. Ich verstehe das total, auch wenn es einem immer schwerfällt, das zu erklären. 

Wenn ich es jetzt auch so sage (grinst). Es ist ein wunderschönes Gefühl! Leidenschaft, Enthusiasmus, Begeisterung, Freude. Einfach alle positiven Gefühle auf einmal würde ich sagen.

Was hoffst du, gibt es den Leuten, die vor dem DJ Pult stehen, wenn du auflegst?

Natürlich, dass sie auch happy sind und es ihnen Spaß macht. Ich habe auch ein bisschen die Hoffnung, dass die Leute das fühlen, was ich fühle und auch verstehen, was ich ihnen rüberbringen will, auch wenn jeder Mensch alles sehr individuell fühlt.

Mit welchen drei Worten würdest du ein Set von dir beschreiben?

Ich habe mir da letztens Gedanken drüber gemacht. Ich glaube, es ist facettenreich, definitiv treibend und ich denke, es ist auch etwas emotional.

Voll schön, dass du das sagst. Glaubst du, dass man mit Beats ohne Vocals und Sprache viele Möglichkeiten hat, Emotionen zu übermitteln? 

Ich lege schon auch ab und zu mit Vocals auf, aber die haben meistens keine emotionale Message. Es geht dabei dann schon weniger um die Sprache als um die Beats. Ich glaube schon, dass man viele Emotionen rüberbringen kann. Man muss da vielleicht unterscheiden, ob es mit oder ohne Melodie ist. Eine Melodie kann happy sein, melancholisch, traurig. Ich lege zwar auch viel ohne Melodien auf und dafür mehr mit Rhythmen und Percussion, aber auch das kann emotional sein. Vielleicht aber eher aktivierende Gefühle wie Wut, Euphorie oder Freude.

Ist die Musik, die du auflegst, auch die Musik, die du selbst gerne zum Feiern hörst?

Ja schon. Manchmal wünschte ich mir, auf einer Party spielt ein DJ genau das, was ich auch mache (lacht). Das ist bisher nie der Fall gewesen!

Was sehr schön ist. Du schaffst einfach was anderes, individuelles. 

Also zumindest im Rhein-Main-Gebiet kenne ich niemanden, der oder die sowas auflegt. Das ist auch ganz gut. Aber zum Feiern würde ich schon am liebsten meine Musik hören, oder etwas, was in die Richtung geht. Ansonsten feiere ich auch 80er, 90er, 2000er oder Neue Deutsche Welle total. Das macht einfach Spaß und ist super witzig.

Wenn du selbst auf Partys gehst, auf denen elektronische Musik läuft, fällt es dir dann schwer, dich fallen zu lassen? Hörst du da genau hin, auf die Übergänge, die Technik?

Ja definitiv! Als ich angefangen habe aufzulegen, hatte ich natürlich noch keine Erfahrung und habe mich teilweise auf Partys richtig weit nach vorne gestellt, um zu gucken, was DJs eigentlich so machen (lacht). Ich konnte mich dann meistens gar nicht richtig auf die Musik konzentrieren. Das mache ich jetzt natürlich nicht mehr (lacht). Aber ja, ich höre auf jeden Fall kritischer.

Wir haben bereits vor dem Interview über Sexismus in der Kultur und den Umgang in der Gesellschaft gesprochen. Es ist kein Geheimnis, dass wir auch 2022 immer noch in einer Gesellschaft leben, die von sexistischen Strukturen durchzogen ist. Kunst und Kultur ist immer auch ein Spiegel der Gesellschaft, sodass wir auch hier nicht frei von misogynen Verhaltensweisen sind. Die unterschiedlichsten Musikrichtungen sind meist männerdominiert, so dass der Weg als FLINTA* Person (Anm. d. Red.: Frauen, Lesben, inter-, nicht-binäre, trans- und agender Personen. Der Stern * steht für alle, die sich nicht mit einer der Bezeichnungen identifizieren können, aber dennoch durch patriarchale Strukturen benachteiligt werden.) meist auf persönlicher, aber vor allem auch auf struktureller Ebene erschwert wird. 

Woran glaubst du, liegt es, dass immer noch kein kompletter Wandel stattgefunden hat und Kunst noch nicht gleichberechtigt ist?

Was ich auf jeden Fall dazu sagen muss ist, dass da aktuell sehr viel passiert und das ist super wichtig. Also sowohl seitens der Männer als auch seitens der FLINTA*-Personen. Es macht mich richtig happy zu sehen, wie viele Frauen ganz grundsätzlich Musik machen, aber sich auch für die Gleichberechtigung einsetzen. Dadurch werden natürlich auch Männer angesteckt und ich glaube, das wäre vor ein paar Jahren noch nicht möglich gewesen. Woran das liegt, ist meiner Meinung nach ganz simpel: Das ist die Rolle, die Männern und Frauen in der Gesellschaft gegeben wird. Männer werden oft als Macher angesehen und bekommen häufig weniger Beurteilung und demnach auch Verurteilung. Frauen müssen sich dem häufiger stellen. Das ist der Punkt, warum immer noch mehr Männer als Frauen am Start sind.

Die fehlende Wertschätzung oder das Ernstnehmen zeigt sich ja zum Beispiel auch in der Bezeichnung. Ich habe dich jetzt immer wieder als „DJ“ bezeichnet und nicht wie bei vielen vielleicht verankert als „DJane“. Was ist an dem namentlichen Unterschied problematisch?

Mir war das ehrlich gesagt auch gar nicht so bewusst, als ich angefangen habe. Teilweise wollen die Leute, glaube ich, etwas Gutes tun, indem sie gendern und das ist auch wichtig. Aber es macht in dem Fall grammatikalisch überhaupt kein Sinn. „DJ“ heißt „Discjockey“, ein englischer Begriff und im Englischen genderst du grundsätzlich nicht. Das ist eine Mischung aus einem englischen Wort mit einer komischen Endung. Wenn man das ausschreibt, würde es ja „Discjockeyane“ heißen und das ist einfach kein Wort (lacht). Es ist halt leider so, dass du dann weniger ernst genommen wirst, allein wenn man den Begriff irgendwo liest. Es wird auf jeden Fall Menschen geben, die das sehen und dann weniger ernst nehmen. Das ist an dieser Stelle wichtiger und vor allem richtiger einfach „DJ“ zu sagen.

Vor allem weil es keine Unterschiede gibt in dem, was ihr macht. Ihr legt beide Musik auf, ob Mann oder Frau. Ihr geht beide eurer Leidenschaft nach, warum muss man da unterscheiden? Wie ist denn dein persönlicher Umgang mit misogynem Verhalten von Kolleg:innen, aber auch Hörer:innen?

Glücklicherweise passiert mir das wenig. Ich hatte natürlich Angst, als ich angefangen habe, dass das sein könnte. In der Umgebung, in der ich unterwegs war, sind die Leute alle sehr open minded, deshalb habe ich die Erfahrungen weniger gemacht. Aber natürlich habe ich mitbekommen, dass da ganz viele andere schlechte Erfahrungen gemacht haben. Vor allem die, die schon länger dabei sind. Ich versuche eigentlich immer ins Gespräch zu gehen, wenn ich das mitbekomme. Ich glaube, dass eine Kommunikation auf Augenhöhe super wichtig ist, um den Leuten auch nahezubringen, was überhaupt problematisch ist. Ich muss aber auch sagen, dass ich das nicht jedes Mal mache, da es sehr viel Energie raubt. Der andere Punkt ist, dass ich mich selbst öffentlich ganz klar positioniere und darauf aufmerksam mache.

Das ist super wichtig! Meiner Meinung nach sollte man den Einfluss nutzen, den man hat. Wie genau können denn Protagonist:innen der DJ-Szene für Veränderung sorgen? Damit meine ich neben DJs auch Booker und Veranstalter:innen. 

Ich glaube man sollte vor allem ins Gespräch gehen. Und man muss offen für neue Anregung sein und nicht immer Schema-F fahren. Einfach den Input zulassen und sich selbst mal reflektieren. Noch ein Schritt wäre, wenn männliche Booker und Veranstalter aktiv gleichberechtigt buchen und ein gleichberechtigtes Line-up schaffen. Ich glaube, das ist schon der nächste Step. Es wäre erst mal wichtig offen zu sein und sich darauf einzulassen, dass Veränderung stattfindet.

Gibt es denn Initiativen, Organisationen oder Kollektive, die sich damit gezielt auseinandersetzen?

Grundsätzlich gibt es in der Technoszene ganz viele Kollektive und Veranstaltungsreihen, die vor allem die queere Szene bedienen, um einen „Safer Space“ zu schaffen. Das gibt es aber vor allem in größeren Städten. In anderen Ländern sind sie auch sehr aktiv. Ansonsten gibt es Aufklärungsseiten, wie zum Beispiel „Technometoo“ oder „I AM A DJ“. Es gibt auch etwas, damit bin ich sehr connected: „House of FLINTA*“. Das ist ein Netzwerk von FLINTA* DJs, das sich vor einem Jahr gegründet hat. Da sind ungefähr 300 DJs mit drin. Wir planen damit aktiv Gleichberechtigung zu schaffen. Wir wollen nicht nur aufklären, die wichtige Arbeit machen bereits sehr viele. Wir wollen eine ganze Palette an FLINTA* DJs aufzeigen und die Szene präsentieren. So nach dem Motto:  „Wir sind hier, FLINTA*- DJs aus jedem erdenklichen Genre und ihr könnt uns gerne buchen.

Das ist sehr wichtig, denn das ist immer wieder die typische Ausrede, dass es zu wenige oder gar keine guten geben würde. Das ist nicht wahr. Man kommt trotzdem, egal in welcher Musikrichtung in solche Gespräche. Es ist einfach ein Fakt, dass es sehr viele talentierte FLINTA* Personen gibt, die Musik oder allgemein Kunst machen. Das aufzuzeigen und nicht nur zu aufzuklären ist wirklich eine gute Herangehensweise. 

Ich glaube auch! Ich komme gerne mit Leuten ins Gespräch, aber ich glaube, es ist oft sehr schwierig, Leuten, die die Strukturen ihr Leben lang so kennen, eines Besseren zu belehren. Es ist zwar schwer, nicht direkt dagegen zu argumentieren, aber ich glaube, es ist ein besserer Weg zusammenzuarbeiten. Am Ende des Tages haben wir doch alle die gleiche Vision.

Was glaubst du, können Außenstehende machen, um Veränderung mit anzustoßen?

Das Ganze thematisieren und FLINTA* Künstler:innen unterstützen. Auch kritisch sein und hinterfragen. Die meisten Line-ups sind extrem männlich und man kann aktiv werden. Ich glaube, wenn du als Konsument oder Konsumentin Veranstalter:innen anschreibst und gezielt nachfragst, ob mal ein paar FLINTA* DJs gebucht werden könnten, findet das noch mal anders Anklang. Nachfrage bestimmt schon das Angebot.

Support ist in jeder Kunstform das Wichtigste, egal ob von innen oder außen. Wenn man es nur rein wirtschaftlich betrachtet, bin ich als Zuhörerin und Besucherin einer solchen Veranstaltung und schlicht einfach Kundin. Ich komme da hin und zahle Geld. Die Veranstalter:innen wollen mich bedienen und glücklich machen. Ich finde es einen sehr wichtigen und guten Punkt, das Bewusstsein zu schaffen, dass auch ich als Besucherin oder Konsumentin für Veränderung sorgen kann. 

Vielleicht sogar gleich noch der nächste Step! Vielleicht sogar sagen zu können: „Hey, ich kenne sogar jemanden.“ Dann kann es auch hier gar nicht dazu kommen, dass gesagt wird, es gäbe keine Auswahl oder man kenne niemanden.

Das wäre für Veranstalter:innen auch super bereichernd. Es kann wirklich sein, dass sie gerade niemanden auf dem Schirm haben, und dann kann man noch was Positives aus der Zusammenarbeit ziehen. Im Endeffekt wollt ihr eure Musik machen, Veranstaltungen sollen gut laufen und wir wollen einen guten Abend haben. Das geht einfach am besten Hand in Hand. 

Ich bin mir auf jeden Fall sicher, dass du gerade ein wichtiges Gesicht der Elektroszene darstellst und vor allem für Mädels ein wichtiges Vorbild bist. Was würdest du ihnen raten, wenn sie gerne mit dem Auflegen anfangen würden, aber sich nicht trauen?

Ich glaube, was hilft, ist, wenn man sich zusammenschließt. Zusammen bist du einfach stärker. Ich würde vielleicht erst mal einen „Safer Space“ mit Menschen, mit denen man auf einer Ebene ist, schaffen. Man hat dann schon Leute im Rücken, die feiern, was man macht. Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht mehr, ob ich das so gemacht habe. Ich war immer mit meinen Freunden. Die haben zwar nicht aufgelegt, aber ich wusste, wenn mich jemand dumm anmacht, sind die am Start. Ich glaube, sich mit Leuten zu connecten, die das Gleiche machen und als FLINTA* Person vielleicht auch mit anderen FLINTA* Personen zusammentun ist gut, weil man aus der Erfahrung lernen kann. Ich hatte am Anfang schon Angst, dass die Leute denken, ich möchte nur Aufmerksamkeit. Darum ging es mir aber nie. Im Gegenteil: Ich bin eigentlich alles andere als eine Rampensau und mag das überhaupt nicht im Mittelpunkt zu stehen.

Total lustig, denn ich treffe immer wieder auf Künstler:innen, die genau das empfinden. Die gar nicht unbedingt extrovertiert sind oder gerne im Mittelpunkt stehen. 

Ich glaube es gibt viele Menschen, denen genau das Spaß macht und das ist auch nice. Ich wünschte mir manchmal, ich hätte mehr davon. Dann würde mir das schon leichter fallen. Ich bin immer sehr fokussiert darauf, dass alles perfekt ist und die Leute denken sicher manchmal, ich wäre voll ernst. Ich habe aber total Spaß. Das muss der Person, die auflegen will, schon bewusst sein. Du bist im Mittelpunkt! Vielleicht erst mal im geschützten Raum probieren, einen Track auf SoundCloud hochladen und einfach probieren, ob es Spaß macht. Wenn man ein positives Gefühl hat, würde ich immer in diese Richtung gehen.

Foto Credit: Chiara Lessing

Inwiefern inspiriert dich denn Kunst von anderen Kunstschaffenden für dein eigenes Schaffen?

Wenn es um das Musikalische geht, könnte ich als DJ ja ohne die Musik von anderen gar nichts machen, was ich mache. Dementsprechend inspiriert es mich natürlich komplett bei dem was ich mache. Ich bin auch dabei, meine eigenen Tracks zu produzieren, aber es dauert noch. Ich werde nicht releasen, solange es nicht komplett on Point ist. Aber so ganz allgemein (überlegt). Ich kann gar nicht genau sagen, was mich inspiriert, weil mich jede Art von Kunst anders berührt. Ich gehe zum Beispiel super gerne ins Museum oder auf Kunstausstellungen. Ich glaube aber, was mich neben Musik am meisten inspiriert, ist Text, Sprache allgemein. Mit Sprache kann man einfach noch krassere Dinge ausdrücken. Ist aber immer total individuell.

Ich fühle das total. Es kommt auch immer darauf an, in welchem Rahmen man Kunst konsumiert und wie es einem gerade geht. Welche Person aus dem Raum Wiesbaden bis Mainz findest du denn inspirierend und kommt dir als erstes in den Kopf?

Boah, das sind so viele Leute. Wer mich aber auf mehreren Ebenen beeindruckt, ist definitiv Tantekante. Zum einen ist sie eine gute Freundin, aber darum geht es natürlich weniger. Die Musik, die sie auflegt, ist zwar nicht die Musik, die ich mache, aber es fühlt sich so gut an, zu ihrer Musik zu tanzen. Das ist das eine, aber sie schreibt auch viel. Das, was sie damit ausdrückt, finde ich einfach krass. Sie ist auch optisch einfach so eine Kunstperson und einfach inspirierend.

Super schön! Noch viel schöner natürlich, dass man solche Leute zu seinen Kolleg:innen oder Freund:innen zählen kann. Was wünschst du dir denn für die Zukunft der Kunst- und Kulturszene im Rhein-Main-Gebiet?

Ich finde vor allem in Wiesbaden schade, dass es wenig Angebot gibt, was elektronische Musik betrifft. Es gibt keinen wirklichen Club, nur den Schlachthof oder die Krea. Früher gab es noch das Basement. Da fehlt etwas. Es gibt auf jeden Fall ein paar coole Locations, aber da muss unbedingt aufgestockt werden. Ich finde es so schade, weil ich eigentlich das Gefühl habe, es gibt so viele Leute und die Nachfrage ist da. Wenn es etwas gibt, wird sich in der Regel schnell beschwert. Das ist total schade! Ich habe gehört, dass Wiesbaden in den 80ern total die pulsierende Stadt war und ich frage mich immer, ob die Leute, die damals so am Start waren, heute nicht auch die sind, die uns Dinge ermöglichen könnten, sie aber stattdessen zum Teil verbieten. Ich glaube man sollte einfach öfter versuchen sein Gegenüber zu verstehen. Das fehlt manchmal.

Das ist auch einer unserer Ansätze mit dem Magazin: Einen Einblick schaffen in verschiedene Kunstformen und dadurch zugänglicher werden. Ich glaube, manchmal haben diese einen Stempel und werden negativ dargestellt. Der Mehrwert wird oft nicht gesehen, was das den Kunstschaffenden, aber auch den Konsumierenden gibt. Kunst ist essentiell in unserem Alltag, man kann sich ablenken, neue Energie daraus ziehen. Das muss sichtbarer gemacht werden und seinen Wert erhalten. Innerhalb dieser Szene sind wir uns glaube so gut wie alle einig, aber es muss auch für die sichtbar sein, die sich nicht in dem Ausmaß mit Kunst beschäftigen. Oft sind genau die Menschen auch Menschen in entscheidenden Positionen und könnten uns mehr ermöglichen. 

Genau, es geht über Spaß haben hinaus. Für viele ist Kunst eine Art der Therapie und das ist wertvoll. In der Technoszene ist der Drogenstempel da. Die Leute sind immer nur drauf und so weiter. Klar bildet die Technoszene die Gesellschaft ab und da gibt es natürlich Menschen, die Drogen nehmen. Ich kenne aber auch so viele, die nichts nehmen, denen es nur um den Ausdruck und um die Musik geht. Ich glaube, das ist wichtig, dass die Leute das checken. Natürlich gehören gewisse Substanzen zum Nachtleben dazu. Besser gesagt findet es dort statt, steht aber trotzdem nicht dafür.

Ich verstehe das total. Ich liebe es, auf Technomusik zu feiern und mich treibt diese Musik schon so intensiv, dass ich es auch so schaffe, bis morgens durchzutanzen. Ich glaube, es ist wichtig, wie bei allem, nicht nur oberflächlich den Blick darauf zu werfen. Das sind häufig Argumente gegen Clubs und Räume. Wenn das Klischee ein wenig schwindet, wird es vielleicht auch einfacher, Räume zu finden und Partys anbieten zu können. 

„Ich war im Sommer auf einer Veranstaltung. Klar lagen da am Abend überall Flaschen, aber nach der Veranstaltung sah der Platz fast sauberer aus als davor. Das sind Sachen, darüber spricht keiner. Natürlich gibt es auch das Gegenteil, aber das ist total das gute Beispiel dafür, dass nicht immer alles nur negativ ist. Es gibt viele gute Menschen, die mit gutem Beispiel vorangehen.“

Gerade wenn man sich mit der Kunstszene befasst, findet man ganz viele davon. Die meisten Menschen, die ich kenne, die Kunst machen, sind Leute, die unglaublich bedacht sind. In ihrer Sprache und Wortwahl, in dem Umgang mit der Natur, dem Weltgeschehen, sich für den Klimawandel interessieren und sich größtenteils vegetarisch oder vegan ernähren (lacht). Ganz viele Kunstschaffende sind in vielen Lebenslagen sehr, sehr gute Menschen und haben einfach Bock, sich auszuleben. Man muss diesen Menschen Möglichkeiten bieten und endlich mehr zutrauen. 

Ich denke, das liegt ein bisschen daran, dass Menschen, die Kunst machen, viel Inspiration in anderen Kulturen finden, viel reflektieren und offen sind.

Die Offenheit ist oft mit Kunst und Kultur verankert. Man kann sehr viel Inspiration daraus ziehen, wenn man sich auf der ganzen Welt verbunden fühlt mit seiner Kunst. Das ist einfach ein schöner Raum, der hoffentlich immer weiter wächst. 

Ihr findet Kristina auf Instagram unter @ueberkikz

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Da sitzen wir zusammen in einem kleinen Café in Wiesbaden, um über die große Leidenschaft „Musik“, das Frau sein in der Szene und die stattfindende Veränderung zu sprechen. Punkte, die uns zwar beide ganz individuell beschäftigen, bei denen wir uns aber doch sehr einig sind. 

Kristina ist 25, in Russland geboren und in der hessischen Landeshauptstadt aufgewachsen. Hier hat sie Kunst für sich entdeckt und lieben gelernt. Wir sprechen über den Weg zum Auflegen, die Hürden in einer misogynen Gesellschaft und das atemberaubende Gefühl, wenn man seine Leidenschaft findet. 

Foto Credit: Chiara Lessing

Du bist DJ im Elektronik-Genre. Welchen Sound spielst du am häufigsten und wie lange machst du das jetzt schon?

Also Auflegen tu ich nun seit zweieinhalb Jahren. Aktuell lege ich Techno auf, aber eher in die Richtung Hard-Techno. Es ist schon schnell, aber ich achte darauf, dass es nicht zu düster wird und nicht zu industriell. Ich finde das auch nice, aber es soll Spaß machen und good vibes vermitteln.

Was denkst du waren bei dir die Schlüsselmomente, mit dem Auflegen anzufangen?

Elektronische Musik höre ich schon lange, so seit der Mittelstufe und hab mit House angefangen. Heißt: Ich hatte schon immer einen Bezug zu der Musikrichtung. Mit 16 war ich auf meinem ersten Rave und fand das alles mega cool. (Überlegt) Aber genau, da gab es einen Moment, als ich 2018 eine Freundin in Argentinien besucht habe. Ich habe mit einem Freund viel über Musik gesprochen und erzählt, wie ich Musik höre. Dass es ganz viele Lieder gibt, bei denen ich kleine Parts interessant finde und ein Instrument oder kleine Dinge voll intensiv höre. Er hat mich dann gefragt, ob ich schon mal darüber nachgedacht habe Produzentin zu werden. Das ist irgendwie hängen geblieben. Das war so vor vier Jahren ungefähr. Ich bin zwar noch keine Musikproduzentin, aber ich glaube, das hat dazu beigetragen, mich so ein bisschen in die Richtung zu begeben. Allgemein habe ich es einfach gefeiert, auf Technomusik feiern zu gehen (lacht). Es fühlt sich so nice an, die Musik zu hören, dazu zu tanzen, da wollte ich mehr. Ich wollte noch mehr von diesem Gefühl und habe mich für das Auflegen entschieden. Mein Freund hat mich auch ein bisschen inspiriert, einfach anzufangen. Ich bin ein sehr verkopfter Mensch, plane alles und er sagt meistens einfach: „Komm, probiere es doch einfach aus und wenn es nichts ist, dann ist es auch nicht schlimm.“ Er hat mich dann überzeugt, einen kleinen Controller zu kaufen und dann habe ich damit angefangen. Ich glaube, das war ein Zusammenspiel aus allen drei Sachen.

Du hast es jetzt zwar schon ein wenig angeschnitten, aber was gibt dir das Auflegen?

Die Frage wird mir ab und zu mal gestellt und meine Antwort ist eigentlich immer die gleiche: Das Gefühl, was ich dabei bekomme, ist ein Gefühl, welches ich vorher noch nie hatte. Das klingt vielleicht übertrieben, wenn ich das so sage, aber das fühlt sich irgendwie so an, wie wenn man verliebt ist. Vielleicht sogar ein bisschen krasser. Ich kann ehrlich gesagt nicht sagen, ob ich jemals so ein Gefühl bei einem Menschen hatte, wie wenn ich auflege. Das ist schon eine krasse Aussage.

Das ist wunderschön, wenn man eine Leidenschaft findet, bei der man so ein Gefühl verspürt. Ich verstehe das total, auch wenn es einem immer schwerfällt, das zu erklären. 

Wenn ich es jetzt auch so sage (grinst). Es ist ein wunderschönes Gefühl! Leidenschaft, Enthusiasmus, Begeisterung, Freude. Einfach alle positiven Gefühle auf einmal würde ich sagen.

Was hoffst du, gibt es den Leuten, die vor dem DJ Pult stehen, wenn du auflegst?

Natürlich, dass sie auch happy sind und es ihnen Spaß macht. Ich habe auch ein bisschen die Hoffnung, dass die Leute das fühlen, was ich fühle und auch verstehen, was ich ihnen rüberbringen will, auch wenn jeder Mensch alles sehr individuell fühlt.

Mit welchen drei Worten würdest du ein Set von dir beschreiben?

Ich habe mir da letztens Gedanken drüber gemacht. Ich glaube, es ist facettenreich, definitiv treibend und ich denke, es ist auch etwas emotional.

Voll schön, dass du das sagst. Glaubst du, dass man mit Beats ohne Vocals und Sprache viele Möglichkeiten hat, Emotionen zu übermitteln? 

Ich lege schon auch ab und zu mit Vocals auf, aber die haben meistens keine emotionale Message. Es geht dabei dann schon weniger um die Sprache als um die Beats. Ich glaube schon, dass man viele Emotionen rüberbringen kann. Man muss da vielleicht unterscheiden, ob es mit oder ohne Melodie ist. Eine Melodie kann happy sein, melancholisch, traurig. Ich lege zwar auch viel ohne Melodien auf und dafür mehr mit Rhythmen und Percussion, aber auch das kann emotional sein. Vielleicht aber eher aktivierende Gefühle wie Wut, Euphorie oder Freude.

Ist die Musik, die du auflegst, auch die Musik, die du selbst gerne zum Feiern hörst?

Ja schon. Manchmal wünschte ich mir, auf einer Party spielt ein DJ genau das, was ich auch mache (lacht). Das ist bisher nie der Fall gewesen!

Was sehr schön ist. Du schaffst einfach was anderes, individuelles. 

Also zumindest im Rhein-Main-Gebiet kenne ich niemanden, der oder die sowas auflegt. Das ist auch ganz gut. Aber zum Feiern würde ich schon am liebsten meine Musik hören, oder etwas, was in die Richtung geht. Ansonsten feiere ich auch 80er, 90er, 2000er oder Neue Deutsche Welle total. Das macht einfach Spaß und ist super witzig.

Wenn du selbst auf Partys gehst, auf denen elektronische Musik läuft, fällt es dir dann schwer, dich fallen zu lassen? Hörst du da genau hin, auf die Übergänge, die Technik?

Ja definitiv! Als ich angefangen habe aufzulegen, hatte ich natürlich noch keine Erfahrung und habe mich teilweise auf Partys richtig weit nach vorne gestellt, um zu gucken, was DJs eigentlich so machen (lacht). Ich konnte mich dann meistens gar nicht richtig auf die Musik konzentrieren. Das mache ich jetzt natürlich nicht mehr (lacht). Aber ja, ich höre auf jeden Fall kritischer.

Wir haben bereits vor dem Interview über Sexismus in der Kultur und den Umgang in der Gesellschaft gesprochen. Es ist kein Geheimnis, dass wir auch 2022 immer noch in einer Gesellschaft leben, die von sexistischen Strukturen durchzogen ist. Kunst und Kultur ist immer auch ein Spiegel der Gesellschaft, sodass wir auch hier nicht frei von misogynen Verhaltensweisen sind. Die unterschiedlichsten Musikrichtungen sind meist männerdominiert, so dass der Weg als FLINTA* Person (Anm. d. Red.: Frauen, Lesben, inter-, nicht-binäre, trans- und agender Personen. Der Stern * steht für alle, die sich nicht mit einer der Bezeichnungen identifizieren können, aber dennoch durch patriarchale Strukturen benachteiligt werden.) meist auf persönlicher, aber vor allem auch auf struktureller Ebene erschwert wird. 

Woran glaubst du, liegt es, dass immer noch kein kompletter Wandel stattgefunden hat und Kunst noch nicht gleichberechtigt ist?

Was ich auf jeden Fall dazu sagen muss ist, dass da aktuell sehr viel passiert und das ist super wichtig. Also sowohl seitens der Männer als auch seitens der FLINTA*-Personen. Es macht mich richtig happy zu sehen, wie viele Frauen ganz grundsätzlich Musik machen, aber sich auch für die Gleichberechtigung einsetzen. Dadurch werden natürlich auch Männer angesteckt und ich glaube, das wäre vor ein paar Jahren noch nicht möglich gewesen. Woran das liegt, ist meiner Meinung nach ganz simpel: Das ist die Rolle, die Männern und Frauen in der Gesellschaft gegeben wird. Männer werden oft als Macher angesehen und bekommen häufig weniger Beurteilung und demnach auch Verurteilung. Frauen müssen sich dem häufiger stellen. Das ist der Punkt, warum immer noch mehr Männer als Frauen am Start sind.

Die fehlende Wertschätzung oder das Ernstnehmen zeigt sich ja zum Beispiel auch in der Bezeichnung. Ich habe dich jetzt immer wieder als „DJ“ bezeichnet und nicht wie bei vielen vielleicht verankert als „DJane“. Was ist an dem namentlichen Unterschied problematisch?

Mir war das ehrlich gesagt auch gar nicht so bewusst, als ich angefangen habe. Teilweise wollen die Leute, glaube ich, etwas Gutes tun, indem sie gendern und das ist auch wichtig. Aber es macht in dem Fall grammatikalisch überhaupt kein Sinn. „DJ“ heißt „Discjockey“, ein englischer Begriff und im Englischen genderst du grundsätzlich nicht. Das ist eine Mischung aus einem englischen Wort mit einer komischen Endung. Wenn man das ausschreibt, würde es ja „Discjockeyane“ heißen und das ist einfach kein Wort (lacht). Es ist halt leider so, dass du dann weniger ernst genommen wirst, allein wenn man den Begriff irgendwo liest. Es wird auf jeden Fall Menschen geben, die das sehen und dann weniger ernst nehmen. Das ist an dieser Stelle wichtiger und vor allem richtiger einfach „DJ“ zu sagen.

Vor allem weil es keine Unterschiede gibt in dem, was ihr macht. Ihr legt beide Musik auf, ob Mann oder Frau. Ihr geht beide eurer Leidenschaft nach, warum muss man da unterscheiden? Wie ist denn dein persönlicher Umgang mit misogynem Verhalten von Kolleg:innen, aber auch Hörer:innen?

Glücklicherweise passiert mir das wenig. Ich hatte natürlich Angst, als ich angefangen habe, dass das sein könnte. In der Umgebung, in der ich unterwegs war, sind die Leute alle sehr open minded, deshalb habe ich die Erfahrungen weniger gemacht. Aber natürlich habe ich mitbekommen, dass da ganz viele andere schlechte Erfahrungen gemacht haben. Vor allem die, die schon länger dabei sind. Ich versuche eigentlich immer ins Gespräch zu gehen, wenn ich das mitbekomme. Ich glaube, dass eine Kommunikation auf Augenhöhe super wichtig ist, um den Leuten auch nahezubringen, was überhaupt problematisch ist. Ich muss aber auch sagen, dass ich das nicht jedes Mal mache, da es sehr viel Energie raubt. Der andere Punkt ist, dass ich mich selbst öffentlich ganz klar positioniere und darauf aufmerksam mache.

Das ist super wichtig! Meiner Meinung nach sollte man den Einfluss nutzen, den man hat. Wie genau können denn Protagonist:innen der DJ-Szene für Veränderung sorgen? Damit meine ich neben DJs auch Booker und Veranstalter:innen. 

Ich glaube man sollte vor allem ins Gespräch gehen. Und man muss offen für neue Anregung sein und nicht immer Schema-F fahren. Einfach den Input zulassen und sich selbst mal reflektieren. Noch ein Schritt wäre, wenn männliche Booker und Veranstalter aktiv gleichberechtigt buchen und ein gleichberechtigtes Line-up schaffen. Ich glaube, das ist schon der nächste Step. Es wäre erst mal wichtig offen zu sein und sich darauf einzulassen, dass Veränderung stattfindet.

Gibt es denn Initiativen, Organisationen oder Kollektive, die sich damit gezielt auseinandersetzen?

Grundsätzlich gibt es in der Technoszene ganz viele Kollektive und Veranstaltungsreihen, die vor allem die queere Szene bedienen, um einen „Safer Space“ zu schaffen. Das gibt es aber vor allem in größeren Städten. In anderen Ländern sind sie auch sehr aktiv. Ansonsten gibt es Aufklärungsseiten, wie zum Beispiel „Technometoo“ oder „I AM A DJ“. Es gibt auch etwas, damit bin ich sehr connected: „House of FLINTA*“. Das ist ein Netzwerk von FLINTA* DJs, das sich vor einem Jahr gegründet hat. Da sind ungefähr 300 DJs mit drin. Wir planen damit aktiv Gleichberechtigung zu schaffen. Wir wollen nicht nur aufklären, die wichtige Arbeit machen bereits sehr viele. Wir wollen eine ganze Palette an FLINTA* DJs aufzeigen und die Szene präsentieren. So nach dem Motto:  „Wir sind hier, FLINTA*- DJs aus jedem erdenklichen Genre und ihr könnt uns gerne buchen.

Das ist sehr wichtig, denn das ist immer wieder die typische Ausrede, dass es zu wenige oder gar keine guten geben würde. Das ist nicht wahr. Man kommt trotzdem, egal in welcher Musikrichtung in solche Gespräche. Es ist einfach ein Fakt, dass es sehr viele talentierte FLINTA* Personen gibt, die Musik oder allgemein Kunst machen. Das aufzuzeigen und nicht nur zu aufzuklären ist wirklich eine gute Herangehensweise. 

Ich glaube auch! Ich komme gerne mit Leuten ins Gespräch, aber ich glaube, es ist oft sehr schwierig, Leuten, die die Strukturen ihr Leben lang so kennen, eines Besseren zu belehren. Es ist zwar schwer, nicht direkt dagegen zu argumentieren, aber ich glaube, es ist ein besserer Weg zusammenzuarbeiten. Am Ende des Tages haben wir doch alle die gleiche Vision.

Was glaubst du, können Außenstehende machen, um Veränderung mit anzustoßen?

Das Ganze thematisieren und FLINTA* Künstler:innen unterstützen. Auch kritisch sein und hinterfragen. Die meisten Line-ups sind extrem männlich und man kann aktiv werden. Ich glaube, wenn du als Konsument oder Konsumentin Veranstalter:innen anschreibst und gezielt nachfragst, ob mal ein paar FLINTA* DJs gebucht werden könnten, findet das noch mal anders Anklang. Nachfrage bestimmt schon das Angebot.

Support ist in jeder Kunstform das Wichtigste, egal ob von innen oder außen. Wenn man es nur rein wirtschaftlich betrachtet, bin ich als Zuhörerin und Besucherin einer solchen Veranstaltung und schlicht einfach Kundin. Ich komme da hin und zahle Geld. Die Veranstalter:innen wollen mich bedienen und glücklich machen. Ich finde es einen sehr wichtigen und guten Punkt, das Bewusstsein zu schaffen, dass auch ich als Besucherin oder Konsumentin für Veränderung sorgen kann. 

Vielleicht sogar gleich noch der nächste Step! Vielleicht sogar sagen zu können: „Hey, ich kenne sogar jemanden.“ Dann kann es auch hier gar nicht dazu kommen, dass gesagt wird, es gäbe keine Auswahl oder man kenne niemanden.

Das wäre für Veranstalter:innen auch super bereichernd. Es kann wirklich sein, dass sie gerade niemanden auf dem Schirm haben, und dann kann man noch was Positives aus der Zusammenarbeit ziehen. Im Endeffekt wollt ihr eure Musik machen, Veranstaltungen sollen gut laufen und wir wollen einen guten Abend haben. Das geht einfach am besten Hand in Hand. 

Ich bin mir auf jeden Fall sicher, dass du gerade ein wichtiges Gesicht der Elektroszene darstellst und vor allem für Mädels ein wichtiges Vorbild bist. Was würdest du ihnen raten, wenn sie gerne mit dem Auflegen anfangen würden, aber sich nicht trauen?

Ich glaube, was hilft, ist, wenn man sich zusammenschließt. Zusammen bist du einfach stärker. Ich würde vielleicht erst mal einen „Safer Space“ mit Menschen, mit denen man auf einer Ebene ist, schaffen. Man hat dann schon Leute im Rücken, die feiern, was man macht. Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht mehr, ob ich das so gemacht habe. Ich war immer mit meinen Freunden. Die haben zwar nicht aufgelegt, aber ich wusste, wenn mich jemand dumm anmacht, sind die am Start. Ich glaube, sich mit Leuten zu connecten, die das Gleiche machen und als FLINTA* Person vielleicht auch mit anderen FLINTA* Personen zusammentun ist gut, weil man aus der Erfahrung lernen kann. Ich hatte am Anfang schon Angst, dass die Leute denken, ich möchte nur Aufmerksamkeit. Darum ging es mir aber nie. Im Gegenteil: Ich bin eigentlich alles andere als eine Rampensau und mag das überhaupt nicht im Mittelpunkt zu stehen.

Total lustig, denn ich treffe immer wieder auf Künstler:innen, die genau das empfinden. Die gar nicht unbedingt extrovertiert sind oder gerne im Mittelpunkt stehen. 

Ich glaube es gibt viele Menschen, denen genau das Spaß macht und das ist auch nice. Ich wünschte mir manchmal, ich hätte mehr davon. Dann würde mir das schon leichter fallen. Ich bin immer sehr fokussiert darauf, dass alles perfekt ist und die Leute denken sicher manchmal, ich wäre voll ernst. Ich habe aber total Spaß. Das muss der Person, die auflegen will, schon bewusst sein. Du bist im Mittelpunkt! Vielleicht erst mal im geschützten Raum probieren, einen Track auf SoundCloud hochladen und einfach probieren, ob es Spaß macht. Wenn man ein positives Gefühl hat, würde ich immer in diese Richtung gehen.

Foto Credit: Chiara Lessing

Inwiefern inspiriert dich denn Kunst von anderen Kunstschaffenden für dein eigenes Schaffen?

Wenn es um das Musikalische geht, könnte ich als DJ ja ohne die Musik von anderen gar nichts machen, was ich mache. Dementsprechend inspiriert es mich natürlich komplett bei dem was ich mache. Ich bin auch dabei, meine eigenen Tracks zu produzieren, aber es dauert noch. Ich werde nicht releasen, solange es nicht komplett on Point ist. Aber so ganz allgemein (überlegt). Ich kann gar nicht genau sagen, was mich inspiriert, weil mich jede Art von Kunst anders berührt. Ich gehe zum Beispiel super gerne ins Museum oder auf Kunstausstellungen. Ich glaube aber, was mich neben Musik am meisten inspiriert, ist Text, Sprache allgemein. Mit Sprache kann man einfach noch krassere Dinge ausdrücken. Ist aber immer total individuell.

Ich fühle das total. Es kommt auch immer darauf an, in welchem Rahmen man Kunst konsumiert und wie es einem gerade geht. Welche Person aus dem Raum Wiesbaden bis Mainz findest du denn inspirierend und kommt dir als erstes in den Kopf?

Boah, das sind so viele Leute. Wer mich aber auf mehreren Ebenen beeindruckt, ist definitiv Tantekante. Zum einen ist sie eine gute Freundin, aber darum geht es natürlich weniger. Die Musik, die sie auflegt, ist zwar nicht die Musik, die ich mache, aber es fühlt sich so gut an, zu ihrer Musik zu tanzen. Das ist das eine, aber sie schreibt auch viel. Das, was sie damit ausdrückt, finde ich einfach krass. Sie ist auch optisch einfach so eine Kunstperson und einfach inspirierend.

Super schön! Noch viel schöner natürlich, dass man solche Leute zu seinen Kolleg:innen oder Freund:innen zählen kann. Was wünschst du dir denn für die Zukunft der Kunst- und Kulturszene im Rhein-Main-Gebiet?

Ich finde vor allem in Wiesbaden schade, dass es wenig Angebot gibt, was elektronische Musik betrifft. Es gibt keinen wirklichen Club, nur den Schlachthof oder die Krea. Früher gab es noch das Basement. Da fehlt etwas. Es gibt auf jeden Fall ein paar coole Locations, aber da muss unbedingt aufgestockt werden. Ich finde es so schade, weil ich eigentlich das Gefühl habe, es gibt so viele Leute und die Nachfrage ist da. Wenn es etwas gibt, wird sich in der Regel schnell beschwert. Das ist total schade! Ich habe gehört, dass Wiesbaden in den 80ern total die pulsierende Stadt war und ich frage mich immer, ob die Leute, die damals so am Start waren, heute nicht auch die sind, die uns Dinge ermöglichen könnten, sie aber stattdessen zum Teil verbieten. Ich glaube man sollte einfach öfter versuchen sein Gegenüber zu verstehen. Das fehlt manchmal.

Das ist auch einer unserer Ansätze mit dem Magazin: Einen Einblick schaffen in verschiedene Kunstformen und dadurch zugänglicher werden. Ich glaube, manchmal haben diese einen Stempel und werden negativ dargestellt. Der Mehrwert wird oft nicht gesehen, was das den Kunstschaffenden, aber auch den Konsumierenden gibt. Kunst ist essentiell in unserem Alltag, man kann sich ablenken, neue Energie daraus ziehen. Das muss sichtbarer gemacht werden und seinen Wert erhalten. Innerhalb dieser Szene sind wir uns glaube so gut wie alle einig, aber es muss auch für die sichtbar sein, die sich nicht in dem Ausmaß mit Kunst beschäftigen. Oft sind genau die Menschen auch Menschen in entscheidenden Positionen und könnten uns mehr ermöglichen. 

Genau, es geht über Spaß haben hinaus. Für viele ist Kunst eine Art der Therapie und das ist wertvoll. In der Technoszene ist der Drogenstempel da. Die Leute sind immer nur drauf und so weiter. Klar bildet die Technoszene die Gesellschaft ab und da gibt es natürlich Menschen, die Drogen nehmen. Ich kenne aber auch so viele, die nichts nehmen, denen es nur um den Ausdruck und um die Musik geht. Ich glaube, das ist wichtig, dass die Leute das checken. Natürlich gehören gewisse Substanzen zum Nachtleben dazu. Besser gesagt findet es dort statt, steht aber trotzdem nicht dafür.

Ich verstehe das total. Ich liebe es, auf Technomusik zu feiern und mich treibt diese Musik schon so intensiv, dass ich es auch so schaffe, bis morgens durchzutanzen. Ich glaube, es ist wichtig, wie bei allem, nicht nur oberflächlich den Blick darauf zu werfen. Das sind häufig Argumente gegen Clubs und Räume. Wenn das Klischee ein wenig schwindet, wird es vielleicht auch einfacher, Räume zu finden und Partys anbieten zu können. 

„Ich war im Sommer auf einer Veranstaltung. Klar lagen da am Abend überall Flaschen, aber nach der Veranstaltung sah der Platz fast sauberer aus als davor. Das sind Sachen, darüber spricht keiner. Natürlich gibt es auch das Gegenteil, aber das ist total das gute Beispiel dafür, dass nicht immer alles nur negativ ist. Es gibt viele gute Menschen, die mit gutem Beispiel vorangehen.“

Gerade wenn man sich mit der Kunstszene befasst, findet man ganz viele davon. Die meisten Menschen, die ich kenne, die Kunst machen, sind Leute, die unglaublich bedacht sind. In ihrer Sprache und Wortwahl, in dem Umgang mit der Natur, dem Weltgeschehen, sich für den Klimawandel interessieren und sich größtenteils vegetarisch oder vegan ernähren (lacht). Ganz viele Kunstschaffende sind in vielen Lebenslagen sehr, sehr gute Menschen und haben einfach Bock, sich auszuleben. Man muss diesen Menschen Möglichkeiten bieten und endlich mehr zutrauen. 

Ich denke, das liegt ein bisschen daran, dass Menschen, die Kunst machen, viel Inspiration in anderen Kulturen finden, viel reflektieren und offen sind.

Die Offenheit ist oft mit Kunst und Kultur verankert. Man kann sehr viel Inspiration daraus ziehen, wenn man sich auf der ganzen Welt verbunden fühlt mit seiner Kunst. Das ist einfach ein schöner Raum, der hoffentlich immer weiter wächst. 

Ihr findet Kristina auf Instagram unter @ueberkikz

und hier geht's zu Kristina's Soundcloud.

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