Liebe Festivals, wir müssen reden!

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Die ersten Schlafsäcke wurden schon längst wieder im Keller verstaut, andere warten noch ungewaschen hinter der Tür, um sich noch einmal auf den Weg zu einem der letzten Festivals des Jahres zu machen. Der Festival-Sommer läuft auf Hochtouren und neigt sich so langsam dem Ende zu. Ob Otto Waalkes' oder Shirin Davids  Gastauftritt auf dem Splash! Festival, Unruhe auf dem Rolling Loud Festival in München oder die neue Moshpit-Kultur – die Festivalsaison 2023 hat wieder einmal überrascht. 

Und doch bleibt auch diesen Sommer so einiges beim Alten! Eskalation auf den Campingplätzen, beeindruckende Live Shows, neue Festival-Freundschaften, musikalische Neuentdeckungen und das gute alte Handbrot. 

Die „Früher war alles besser“-Fraktion würde an dieser Stelle vermutlich die Aufzählung stoppen. Doch – Überraschung – früher war eben nicht alles besser! Denn bei all den uns vertrauten Dingen auf den Festivals unseres Landes bleibt auch eins immer noch beim Alten: die Strukturen. Dass diese in der Festivallandschaft, der Musikindustrie und, nun ja, der ganzen Gesellschaft auch 2023 immer noch männerdominiert, diskriminierend und rassistisch ist, liest sich sicher hart, ist aber keine Neuigkeit, geschweige denn ein Geheimnis. So sprechen wir bereits seit Jahren darüber, dass Festivals eine 50/50 Quote beim Line-up anstreben sollten, geschulte Awareness-Teams nicht mehr nur freiwillig, sondern Pflicht sein sollten und Festivals zu einem safer Space werden müssen – für uns alle. Obwohl das Thema Jahr für Jahr besprochen wird, zeigen die Stimmen der Expert:innen und die Zahlen nur minimale Veränderungen. Anna Groß von der MaLisa Stiftung, die sich dem Thema der Gendergerechtigkeit in der Musikbranche annimmt, sagt: “Die Musikbranche ist insgesamt immer noch sehr weiß und männlich geprägt.” und das spiegelt sich Jahr für Jahr auch auf den Bühnen der Festivals wider, so auch 2023. 

Beim diesjährigen Splash! Festival spielten 114 Artists, zerlegt man alle Crews in die einzelnen Künstler:innen, zählen wir noch einige mehr. 26 Slots davon wurden von weiblichen Künstlerinnen gespielt. Das sind rund 22,81 %. Man muss kein Mathe-Genie sein, um zu verstehen, dass wir damit noch weit von der 50/50-Quote entfernt sind. Auffällig waren außerdem die Zeitslots der größten Hip-Hop-Party des Landes. Nur 8 der weiblichen Artists und Crews spielten nach 21 Uhr. Damit wurde die Primetime des Festivals von rund 92,98 % männlichen Artists dominiert. Berechtigterweise wurde das vorab sowohl von diesen als auch von den Fans in den Kommentarspalten auf Instagram kritisiert. Blickt man auf die Zahlen anderer Festivals, wird klar, dass das Splash! Festival mit seinen Zahlen sogar noch ganz gut dasteht. Das Rock am Ring Festival schaffte im letzten Jahr gerade Mal 5,62 % weiblich gelesene Künstlerinnen auf ihren Bühnen zu platzieren, was genau genommen 8 Acts waren. In diesem Jahr waren zumindest 21 Acts, bei denen mindestens eine Frau vertreten war, im Programm zu finden. Doch auch diese verteilten sich eher auf die “Support”-Slots des Festivals. Wäre das nicht bereits frustrierend genug, tummeln sich in den Festival Line-ups auch immer wieder problematische Artists, die von den Festivals mit einer Selbstverständlichkeit angekündigt werden, bei der man sich nicht ganz sicher ist, ob man soeben auf den Joke eines eher schlechten Satirikers reingefallen ist. So kündigte das Southside Festival ihren letzten großen Headliner an, bei dem sie scheinbar vergessen hatten, dass dieser kurz zuvor in den USA der Körperverletzung seiner Partnerin beschuldigt wurde. Kann ja mal passieren (Ironie off). Währenddessen erntete das Rock am Ring Festival heftige Kritik nach der Ankündigung der Band Pantera, dessen Sänger bei einem Konzert 2016 nicht nur “White Power” ins Mic schrie, sondern das Ganze auch noch mit einem Hitlergruß auf die Spitze trieb. Glücklicherweise entschied sich das Festival gegen einen Auftritt der Band, was vermutlich mehr auf das Feedback von Kolleg:innen, Partner:innen und Fans zurückzuführen ist, als auf die eigene, bewusste Haltung. Das Festival 100 the Challenge hielt es hingegen für eine gute Idee, gleich einem ganzen rechten Label eine Bühne zu bieten, von dem sie selbst nach Absagen anderer gebuchter Artists nicht absahen. Es sollte also lieber DJs mit Wehrmachtsbezug im Namen und antisemitischen Parolen in Sets ein ganzer Floor geboten werden, als dass Kollektive wie Teuterekordz oder PA69, die für ihre klare Haltung stehen, ihren Festival-Gig antreten. Die Beweggründe für diese Entscheidungen sind oft eindeutig: Verträge wurden geschlossen, aus denen man nur aufgrund von Rechtsbruch wieder austreten kann (das oben genannte Fehlverhalten einiger Artists wäre in den meisten Fällen ein solcher Grund). Auch die Größe der Artists und die entsprechende Fanbase spielen beim Booking eine große, wenn nicht die größte Rolle. Dabei steht der monetäre Wert im Regelfall über dem moralischen und das ist nicht nur schädlich für das Image eines Festivals, sondern verhindert vor allem die Repräsentation einzelner Gruppen. Dabei sind gerade Festivals für viele Artists eine Chance, ihre Kunst nach außen zu tragen und damit nicht mehr nur die eigene Fanbase zu erreichen. Vielfalt bereichert uns alle und so auch unseren Musikgeschmack. Die Musik- und Festivalbranche sollte sich also in Zukunft lieber die Frage stellen, wie die Diversität auf Festivals beeinflusst werden kann, bevor Aussagen fallen wie “Die Fans wollen die großen, männlichen Artists.” oder “Es gibt eben nicht genug gute weibliche Artists.” Ganz abgesehen von der Tatsache, dass ich mit Leichtigkeit eine Auflistung von talentierten, weiblich gelesenen Artists in die Tastatur hauen könnte – würde sich eine Vielfalt im Line-up, sowie in der Organisation und in Booking-Teams nicht auch im Geschmack der breiten Masse, Vielfalt im Publikum, im langfristigen Erfolg der Artists und (weil es darum am Ende immer auch geht) im Umsatz von Festivals widerspiegeln? Vielleicht mag das eine steile These sein, die sich auch nur auf meine eigene Bubble beziehen lässt, aber bleiben wir bei diesen Strukturen, schaffen wir auf lange Sicht eine Distanz zu Besucher:innen, die ihren Sommer eigentlich liebend gerne zwischen Zeltplatz und staubigem Festivalgelände verbracht hätten. 

Splash! Festival 2022 (C: Johanna Kaatz)

Wie so oft gibt es natürlich auch beim Thema Festivalkultur kein Schwarz und Weiß, kein Gut oder Böse. Es verändert sich etwas und der Festivalsommer ist in den meisten Fällen mit vielen guten Erinnerungen verbunden. Immer mehr, besonders kleinere Veranstaltungen gehen mit gutem Beispiel voran. Vor allem Artists der jungen Generation zeigen sich solidarisch und positionieren sich. So wird man mittlerweile bei vielen Auftritten daran erinnert, dass in immer aufgeladeneren Moshpits aufeinander Acht gegeben werden sollte. Es wird daran appelliert, keine Grenzen zu überschreiten, T-Shirts anzubehalten und sich respektvoll zu verhalten. Dem Rechtsruck wird sich mit Ansagen auf der Bühne entgegengestellt oder wie im Fall Teuterekordz und PA69 durch Handeln und Absagen ein klares Statement gesetzt. Und auch die männlichen Artists fordern mehr weiblich gelesene Kolleginnen auf den Bühnen. Doch für nachhaltige Veränderung brauchen wir vor allem die Big Player - die großen Artists, die renommierten Festivals des Landes, laute Stimmen aus der Musikindustrie und nicht zu vergessen: die Fans, denn auch wir haben Einfluss. Ihr erinnert euch vielleicht dunkel an den Politikunterricht? Angebot und Nachfrage! Wer weiß, vielleicht schaffen wir es ja gemeinsam dafür zu sorgen, dass der Blick auf all die kommenden Festival Line-ups nicht zum wiederholten Mal bei problematischen oder größtenteils männlichen Artists stehen bleibt. Das geht (noch) besser!

Quellen:

https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/musik-festivals-frauen-100.html 

https://musicswomen.de/rock-am-ring-co-auch-2022-mit-wenig-weiblicher-beteiligung-auf-der-buehne

https://www.keychange.eu/

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Die ersten Schlafsäcke wurden schon längst wieder im Keller verstaut, andere warten noch ungewaschen hinter der Tür, um sich noch einmal auf den Weg zu einem der letzten Festivals des Jahres zu machen. Der Festival-Sommer läuft auf Hochtouren und neigt sich so langsam dem Ende zu. Ob Otto Waalkes' oder Shirin Davids  Gastauftritt auf dem Splash! Festival, Unruhe auf dem Rolling Loud Festival in München oder die neue Moshpit-Kultur – die Festivalsaison 2023 hat wieder einmal überrascht. 

Und doch bleibt auch diesen Sommer so einiges beim Alten! Eskalation auf den Campingplätzen, beeindruckende Live Shows, neue Festival-Freundschaften, musikalische Neuentdeckungen und das gute alte Handbrot. 

Die „Früher war alles besser“-Fraktion würde an dieser Stelle vermutlich die Aufzählung stoppen. Doch – Überraschung – früher war eben nicht alles besser! Denn bei all den uns vertrauten Dingen auf den Festivals unseres Landes bleibt auch eins immer noch beim Alten: die Strukturen. Dass diese in der Festivallandschaft, der Musikindustrie und, nun ja, der ganzen Gesellschaft auch 2023 immer noch männerdominiert, diskriminierend und rassistisch ist, liest sich sicher hart, ist aber keine Neuigkeit, geschweige denn ein Geheimnis. So sprechen wir bereits seit Jahren darüber, dass Festivals eine 50/50 Quote beim Line-up anstreben sollten, geschulte Awareness-Teams nicht mehr nur freiwillig, sondern Pflicht sein sollten und Festivals zu einem safer Space werden müssen – für uns alle. Obwohl das Thema Jahr für Jahr besprochen wird, zeigen die Stimmen der Expert:innen und die Zahlen nur minimale Veränderungen. Anna Groß von der MaLisa Stiftung, die sich dem Thema der Gendergerechtigkeit in der Musikbranche annimmt, sagt: “Die Musikbranche ist insgesamt immer noch sehr weiß und männlich geprägt.” und das spiegelt sich Jahr für Jahr auch auf den Bühnen der Festivals wider, so auch 2023. 

Beim diesjährigen Splash! Festival spielten 114 Artists, zerlegt man alle Crews in die einzelnen Künstler:innen, zählen wir noch einige mehr. 26 Slots davon wurden von weiblichen Künstlerinnen gespielt. Das sind rund 22,81 %. Man muss kein Mathe-Genie sein, um zu verstehen, dass wir damit noch weit von der 50/50-Quote entfernt sind. Auffällig waren außerdem die Zeitslots der größten Hip-Hop-Party des Landes. Nur 8 der weiblichen Artists und Crews spielten nach 21 Uhr. Damit wurde die Primetime des Festivals von rund 92,98 % männlichen Artists dominiert. Berechtigterweise wurde das vorab sowohl von diesen als auch von den Fans in den Kommentarspalten auf Instagram kritisiert. Blickt man auf die Zahlen anderer Festivals, wird klar, dass das Splash! Festival mit seinen Zahlen sogar noch ganz gut dasteht. Das Rock am Ring Festival schaffte im letzten Jahr gerade Mal 5,62 % weiblich gelesene Künstlerinnen auf ihren Bühnen zu platzieren, was genau genommen 8 Acts waren. In diesem Jahr waren zumindest 21 Acts, bei denen mindestens eine Frau vertreten war, im Programm zu finden. Doch auch diese verteilten sich eher auf die “Support”-Slots des Festivals. Wäre das nicht bereits frustrierend genug, tummeln sich in den Festival Line-ups auch immer wieder problematische Artists, die von den Festivals mit einer Selbstverständlichkeit angekündigt werden, bei der man sich nicht ganz sicher ist, ob man soeben auf den Joke eines eher schlechten Satirikers reingefallen ist. So kündigte das Southside Festival ihren letzten großen Headliner an, bei dem sie scheinbar vergessen hatten, dass dieser kurz zuvor in den USA der Körperverletzung seiner Partnerin beschuldigt wurde. Kann ja mal passieren (Ironie off). Währenddessen erntete das Rock am Ring Festival heftige Kritik nach der Ankündigung der Band Pantera, dessen Sänger bei einem Konzert 2016 nicht nur “White Power” ins Mic schrie, sondern das Ganze auch noch mit einem Hitlergruß auf die Spitze trieb. Glücklicherweise entschied sich das Festival gegen einen Auftritt der Band, was vermutlich mehr auf das Feedback von Kolleg:innen, Partner:innen und Fans zurückzuführen ist, als auf die eigene, bewusste Haltung. Das Festival 100 the Challenge hielt es hingegen für eine gute Idee, gleich einem ganzen rechten Label eine Bühne zu bieten, von dem sie selbst nach Absagen anderer gebuchter Artists nicht absahen. Es sollte also lieber DJs mit Wehrmachtsbezug im Namen und antisemitischen Parolen in Sets ein ganzer Floor geboten werden, als dass Kollektive wie Teuterekordz oder PA69, die für ihre klare Haltung stehen, ihren Festival-Gig antreten. Die Beweggründe für diese Entscheidungen sind oft eindeutig: Verträge wurden geschlossen, aus denen man nur aufgrund von Rechtsbruch wieder austreten kann (das oben genannte Fehlverhalten einiger Artists wäre in den meisten Fällen ein solcher Grund). Auch die Größe der Artists und die entsprechende Fanbase spielen beim Booking eine große, wenn nicht die größte Rolle. Dabei steht der monetäre Wert im Regelfall über dem moralischen und das ist nicht nur schädlich für das Image eines Festivals, sondern verhindert vor allem die Repräsentation einzelner Gruppen. Dabei sind gerade Festivals für viele Artists eine Chance, ihre Kunst nach außen zu tragen und damit nicht mehr nur die eigene Fanbase zu erreichen. Vielfalt bereichert uns alle und so auch unseren Musikgeschmack. Die Musik- und Festivalbranche sollte sich also in Zukunft lieber die Frage stellen, wie die Diversität auf Festivals beeinflusst werden kann, bevor Aussagen fallen wie “Die Fans wollen die großen, männlichen Artists.” oder “Es gibt eben nicht genug gute weibliche Artists.” Ganz abgesehen von der Tatsache, dass ich mit Leichtigkeit eine Auflistung von talentierten, weiblich gelesenen Artists in die Tastatur hauen könnte – würde sich eine Vielfalt im Line-up, sowie in der Organisation und in Booking-Teams nicht auch im Geschmack der breiten Masse, Vielfalt im Publikum, im langfristigen Erfolg der Artists und (weil es darum am Ende immer auch geht) im Umsatz von Festivals widerspiegeln? Vielleicht mag das eine steile These sein, die sich auch nur auf meine eigene Bubble beziehen lässt, aber bleiben wir bei diesen Strukturen, schaffen wir auf lange Sicht eine Distanz zu Besucher:innen, die ihren Sommer eigentlich liebend gerne zwischen Zeltplatz und staubigem Festivalgelände verbracht hätten. 

Splash! Festival 2022 (C: Johanna Kaatz)

Wie so oft gibt es natürlich auch beim Thema Festivalkultur kein Schwarz und Weiß, kein Gut oder Böse. Es verändert sich etwas und der Festivalsommer ist in den meisten Fällen mit vielen guten Erinnerungen verbunden. Immer mehr, besonders kleinere Veranstaltungen gehen mit gutem Beispiel voran. Vor allem Artists der jungen Generation zeigen sich solidarisch und positionieren sich. So wird man mittlerweile bei vielen Auftritten daran erinnert, dass in immer aufgeladeneren Moshpits aufeinander Acht gegeben werden sollte. Es wird daran appelliert, keine Grenzen zu überschreiten, T-Shirts anzubehalten und sich respektvoll zu verhalten. Dem Rechtsruck wird sich mit Ansagen auf der Bühne entgegengestellt oder wie im Fall Teuterekordz und PA69 durch Handeln und Absagen ein klares Statement gesetzt. Und auch die männlichen Artists fordern mehr weiblich gelesene Kolleginnen auf den Bühnen. Doch für nachhaltige Veränderung brauchen wir vor allem die Big Player - die großen Artists, die renommierten Festivals des Landes, laute Stimmen aus der Musikindustrie und nicht zu vergessen: die Fans, denn auch wir haben Einfluss. Ihr erinnert euch vielleicht dunkel an den Politikunterricht? Angebot und Nachfrage! Wer weiß, vielleicht schaffen wir es ja gemeinsam dafür zu sorgen, dass der Blick auf all die kommenden Festival Line-ups nicht zum wiederholten Mal bei problematischen oder größtenteils männlichen Artists stehen bleibt. Das geht (noch) besser!

Quellen:

https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/musik-festivals-frauen-100.html 

https://musicswomen.de/rock-am-ring-co-auch-2022-mit-wenig-weiblicher-beteiligung-auf-der-buehne

https://www.keychange.eu/

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