Ein schöner Tag im Westend, Bettwanzen und Kunst.

Fotos:
Chiara Lessing, Enrico Franz
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Mit dem Glockenschlag kündigt er stündlich die (Halb-) Premieren seines Filmes “Bed Bugs Blues” an. Menschen sammeln sich im kleinen engen Raum, der eines der im Film vorkommenden Zimmer nachempfunden ist und machen es sich auf dem Bett gemütlich, um zu betrachten, was Alex und sein Team in den letzten zwei Jahren so auf die Beine gestellt haben.

Credit: Chiara Lessing

Bei Alex Simonov handelt es sich um einen breit aufgestellten Künstler aus Wiesbaden, der im Rahmen der Kleinode im Westend, im Labor seiner “Partnerin in fast allen Lebensbereichen”, Laura Yurtöven, die (Halb-) Premiere des Filmes Bed Bugs Blues (Credits: siehe Videobeschreibung) präsentieren konnte. Chiara, Enrico und ich waren am 09. Juli gemeinsam im Westend unterwegs und durften eine der Premieren mit ansehen sowie ein kurzes Interview mit Alex führen. Darüber, was er zum Thema Kunst und Fortschritt zu sagen hat und darüber was wir an dem Tag sonst noch so erleben durften, berichte ich in diesem Artikel.

Credit: Chiara Lessing

Erst möchte ich jedoch ein paar Worte zum Rahmen, in welchem ich mit Alex sprechen durfte, verlieren. Bei der “Kleinode im Westend” handelt es sich um eine vom Magazin sensor und Wiesbadener Kulturamt unterstützte Kunst- und Kultur-Veranstaltung, welche, wie der Name es schon vermuten lässt, im Wiesbadener Westend stattfindet. An diesem jährlich im Sommer stattfindenden Event ist es Menschen aus dem Westend, die verschiedenste Dinge betreiben, möglich, eben diese Dinge zu präsentieren. Sei es nun das Konzert, das der Musiklehrer Bruno Basil zusammen mit seinen Schüler:innen in der Blücherstraße gegeben hat und die Kaffeeverkostung im “Café wunderbar” oder der “Grüne Tag” der Hochschule RheinMain. Auch fand ein Auftritt des Lesben- und Schwulenchors “Die Uferlosen” am Infoladen Linker Projekte des Kunst- und Kulturwerkstatt e. V. statt, der sich schon vor einer Ewigkeit gegründet hat. An diesem sind einige linke Projekte, wie beispielsweise auch die “Saatgutinitiative Westend” angesiedelt. Diese setzt sich mit dem Erhalt und der Wiederverwendung nicht genmanipulierten Saatguts und der fairen Verteilung und Austausch innerhalb der Gemeinschaft auseinander.  

Auf der Kleinode war alles vertreten, auch wenn auf keinen Fall alles aufgeführt werden kann. Auf der Website lässt sich nachvollziehen, was an den 52 Standorten noch so erlebt werden konnte und natürlich auch außerhalb dieses Tages erlebt werden kann.

Ein kleiner persönlicher Tipp an der Stelle: Ihr solltet den Infoladen unbedingt auschecken, beispielsweise montags um 19:30 Uhr beim Schachspiel mit den lieben Menschen von “Schachfreunde Stiller Zug” oder zu jeder anderen Zeit beim Tausch von Saatgut und allem anderen bei der grandiosen Tauschbox der Saatgutinitiative. Ihr findet den Infoladen und all die dort angesiedelten tollen Projekte im Hinterhof der Blücherstr. 46.   

Credit: Chiara Lessing

Das Westend hat somit eine Menge schöner Dinge zu bieten und ist besiedelt von einem großen Haufen kreativer, ganz individueller und freigeistiger Menschen; ein Besuch lohnt sich! Einer dieser Menschen ist Laura Yurtöven, der das “Labor Westend” und den dazugehörigen Requisitenverleih in der Gneisenaustr. 2 gehört. Der Raum, in welchem das Labor seinen Platz findet, hat schon eine lange Geschichte hinter sich. So war dort einst ein secondhand An- und Verkaufsladen für CDs und DVDs, dann stand der Laden leer bis Alina Böhmer und Monika Braun aka die Fickfackerei kamen, danach wieder Leerstand bis zur Ausstellung und Auktion des kompletten künstlerischen Lebenswerkes des Georg Joachim Schmitt und darauffolgenden die schlussendliche Übergabe an Laura, die mit ihrem vorigen Atelier und all ihren Requisiten dorthin zog. Das Labor diene nicht nur dem Requisitenverleih und der Ausstellung, sondern könne praktisch alles sein; sei es nun eine Konzertlocation, ein Atelier, ein Kino, eine Werkstatt - you name it. Mit ebendieser Devise gehen Laura und Alex damit voran.  

Und genau dort hat Alex Simonov seinen Film vorgestellt. Das ganze Labor war im Stil der Filmsets sowie mit ausgestellten Original-Requisiten der Produktion geschmückt, was die Besucher:innen direkt in die Atmosphäre des Projekts hineinzieht. Der besagte und bereits gezeigte Showroom mit seiner abgedunkelten Schwarzlicht-Atmosphäre befindet sich im Hinterzimmer des Labors. Im Flur, der in ebendieses Hinterzimmer führt, gibt es auch eine Leiter, von der aus sich die zweite Etage erreichen lässt, welche mit Requisiten für Theater und Film gefüllt ist.  

Credit: Chiara Lessing

Ich möchte gar nicht so sehr darüber ins Detail gehen, was in dem Film geschieht, doch wir können sagen, dass er definitiv einen Besuch Wert ist und möchten empfehlen sich die gesamte Premiere, welche aktuell für Ende Herbst angedacht ist, anzusehen. Es ist ein sehr abstraktes und künstlerisch-ästhetisch anspruchsvolles Stück Filmkunst, welches viele Thematiken und Problematiken einer jungen Generation abbildet. Musik spielt als Erzählmittel eine große Rolle und die Geschichte des Films basiere auf einer wahren Begebenheit, die Alex selbst erlebt hat. Er hat den Film u. a. im Rahmen seines Bachelor-Abschluss Projekts im Studiengang Motion Pictures an der Hochschule Darmstadt produziert. Finanzielle Förderung gab es durch das Coron-Arts Festivals und weitere Unterstützung gab es von Bierstadter Gold und Alex’ ehemaligem Chef.

Durch “glückliche Umstände“ war es Alex und seinem Team dadurch möglich, einen riesigen Bereich einer alten Polizeikaserne als Drehort zu nutzen.

Die Idee für den Film sei ihm bereits im Herbst 2020 gekommen, nachdem er die Ereignisse Anfang 2020 erlebt hat. Nach der Vorproduktion im Winter 2020/Frühjahr 2021 sei es dann gegen Mitte 2021 zu den Dreharbeiten gekommen. Danach haben er und das Team den Sommer über erst mal chillen müssen, um dann im Herbst 2021 mit der Postproduktion zu beginnen. Nach vielen zu bewältigenden Hürden, wie beispielsweise Datenverlust, kam es schlussendlich im Juli 2022 im Rahmen des Coron-Arts Festivals zu der ersten (Halb-) Premiere.

Dabei ist für den Schnitt, neben Alex selbst, vor allem Marlene Schulte-Körne zu danken. Das Drehbuch und ein mindestens genauso großer Anteil der Hauptarbeit sei zudem auf Laura zurückzuführen. Die Musik sei hauptsächlich von Alex und seinen Freunden komponiert und produziert worden; generell hätten hauptsächlich befreundete und bekannte Menschen an dem Projekt mitgewirkt. Ein Blick in die Credits empfiehlt sich.

Credit: Chiara Lessing

Zu Alex als Person gibt es auch einiges zu sagen: Aktuell ist er noch Student, doch befinde sich in der Abschlussphase. Der 23-jährige Filmemacher, Gitarrist, Synthesizer-Liebhaber Fotograf (uvm.) stammt ursprünglich aus der Gegend von Limburg (“Das heißt ich durfte noch in Büschen und im Wald spielen”). Seine Eltern kommen aus dem heute russischen Gebiet der ehemaligen Sowjetunion. Mit ca. 14 Jahren habe der Umzug nach Wiesbaden stattgefunden, ein perfektes Alter dafür, wie er selbst sagt. In dieser Stadt habe er gelernt, sich zu entfalten und vor allem durch das Skaten sehr viele interessante Menschen kennengelernt, durch welche er Brücken zu verschiedensten künstlerischen Lebensbereichen schlagen und sich selbst entdecken konnte. Über die Jahre und Umzüge u. a. nach Frankfurt und Darmstadt, sei es zu einer Skill-Steigerung und Professionalisierung seiner Arbeit gekommen. Mittlerweile lebt er wieder in Wiesbaden und hat inzwischen an unzähligen Projekten mitgewirkt, von denen die meisten jedoch “in der Realität” stattfinden würden. Digital festgehaltene Records über seine bisherigen Projekte finden sich u. a. auf seiner Website, jedoch lohnt es sich auch sehr, ihn einfach mal auf Insta anzuschreiben und sich ein bisschen über seine Arbeit auszutauschen. 

Im gemeinsamen Gespräch unterhalten wir uns über Kunst und ihre Bedeutung sowie die verschiedensten Ausprägungen dieser. Doch lest gerne einfach selbst, was Alex zu all dem zu sagen hat:

Bist du zufrieden mit dem Tag heute, würdest du sagen, dass alles so lief, wie du wolltest?

Ehmm, ja! Es läuft niemals so wie geplant, aber es läuft immer gut, wenn man sich Mühe gibt. Wenn man die richtigen Sachen ausstrahlt und nach außen bringt, dann erfährt man auch wiederum diese gute Laune. Das heißt selbst die Leute, die sag ich mal mit dem Film nicht so viel anzufangen wussten, gingen mit mir in nen netten Dialog und hatten dann auch ihren Spaß. Kritik ausüben und darüber sprechen, warum Entscheidungen so getroffen wurden, ist ein Teil von Kunst; Sich darüber austauschen und kommunizieren. Sau wichtig! 

Kunst dient in ihren Grundzügen ja wahrscheinlich auch der Kommunikation und dem Ausdruck; was würdest du denn auf die ganz plumpe Frage antworten, was Kunst für dich auszeichnet? Ist das überhaupt ein messbarer Wert?

Kunst kannst du überall integrieren, wo du lebst. In allen Facetten des Lebens; das nenne ich gerne Lebenskunst und ich würde sagen, das ist gar nicht messbar und gar nicht definierbar. Ich sag mal so: Was ich oft mache… Ich bringe oft plumpe Bemerkungen, für mich ist das schon wieder Kunst. Oder Georg macht zum Beispiel irgendwelchen Quatsch und schreit einfach irgendwie ein random Schimpfwort, das ist dann erst weird. Wenn du aber länger darüber nachdenkst, kannst du selbst das schon als Kunst interpretieren. Deswegen nein, gar nicht messbar. Kunst ist all das, was in Menschen Emotionen hervorruft und sie gegebenenfalls dazu bringt, über diese Information und Emotion nachzudenken. Architektur kann auch Kunst sein, wenn du's schön findest. Wenn du aber bloß blind an den Häusern vorbei gehst und dir nichts dabei denkst, dann sind’s einfach nur Häuser, Gleiches gilt für Autos. Für manche ist Design Kunst, für manche ist Design Design. 

Mir ist bei dem, was ich von dir bisher so mitbekommen hab’ aufgefallen, dass du sehr viel Liebe für analoge Produktionsmittel hast und dich in einer Zeit, in welcher es so viel Fortschritt gibt, sehr viel damit auseinandersetzt, wie die Dinge früher funktioniert haben. 

Wie ist das denn für dich mit der Digitalisierung in der Kunst und der Vermischung analoger und digitaler Medien? 

Eines muss ich erst mal klarstellen. In meinen Augen ist Innovation nicht gleich Fortschritt.

Das ist erstmal wichtig anzumerken. Innovation ist für mich erstmal die Erfindung neuer Gadgets/Werkzeuge, um was auch immer zu erreichen. Ich würde aber nicht sagen, dass jedes neu erfundene Device oder Gadget gleich den Fortschritt der Menschheit im Allgemeinen bedeutet. Ein Beispiel ist das “Smarthome”. Ich glaube die Kosten und alles, was das im Rahmen der Produktion mit sich bringt, wird nicht zu einem Fortschritt der Menschheit und des Lebens allgemein führen. Der Aufwand, den das mit sich bringt, ist eben immens und das damit verbundene Risiko ist auch nicht zu unterschätzen. Siehe Mickey Mouse, der durch sein eigenes Smarthome komplett durchgewirbelt wurde und dadurch in pures Chaos geraten ist, weil es irgendwann nicht mehr so funktioniert hat, wie es sollte und sich gegen ihn gewendet hat (lacht). Das ist jetzt mal das banalste Beispiel, was mir einfällt. 

Aber weg von diesem Beispiel: Die Kunst erfährt ja immer mehr und mehr Mittel, sich auszudrücken. Die letzten Innovationen gehen ja in Richtung NFTs etc. Gleichzeitig musste ich mich jetzt für die Uni auch mit AR- und VR-Technologien auseinandersetzen und ich muss sagen, dass ich dem Ganzen häufig sehr kritisch gegenübersteh’, weil ich halt selber in mir so nen Naturalismus trage, das heißt, dass ich möglichst einfache und Ressourcen-freundliche Materialien verwende, um meine Kunst auszuüben. 

Zum Beispiel haben wir für das Setdesign im Film Möbel vom Sperrmüll verwendet oder gebrauchte Sachen auf Kleinanzeigen geschnappt. Neu-Kontextualisieren und dem Ganzen nochmal neues Leben zu geben, bevor das dann endgültig auf den Müll kommt, finde ich gut. Das ist für mich nachhaltig und es ist dann auch im Film sichtbar, dass die Sachen schon etwas Leben hinter sich hatten. Ich denke mal, die Ressourcen zu Ende zu nutzen, ist eine Devise, die ich für wichtig erachte. Nehmen wir als Beispiel ein Skateboard; Das ist etwas, was du zwar immer wieder neu kaufst, aber auch immer wieder bis zum geht nicht mehr zerstörst - find ich top! Ich find’s top, wenn die Sachen zu Ende genutzt werden; und bei der Kunst kann man das ja genauso machen. 

Man kann aus allem Kunst machen, aus Sperrmüll, aus Steinen, aus Holz, was auch immer... Hauptsache es erzählt eine Geschichte.

Bei Technologie und Kunst ist es halt so, ich find, das muss immer so an dein Narrativ und deine Story gekoppelt sein; wenn du auf Instagram Bilder teilst und deine Malereien abfotografierst, ohne dass Instagram als Medium selber damit thematisiert wird, weiß ich nicht, ob das wirklich gut ist oder ob das nicht zu ner Flut und einem Überfluss an Inhalten führt. Das tut es ja offensichtlich: Es gibt einen riesigen Überfluss, man findet sich gar nicht zurecht, es ist schwierig, sich zu orientieren und Erfolg ist nicht gleich Talent, sondern Erfolg wird eine messbare Zahl in Form von Views und Likes und Followern. Insofern find’ ich das halt schwierig, das bringt die Kunstwelt durcheinander. 

Credit: Chiara Lessing

Zu dem Thema, das Medium selbst in der Kunst zu thematisieren, empfiehlt uns Alex das Buch “Understanding Media: The Extensions Of Man” von Marshall McLuhan, welches der Kernaussage “The medium is the message” folgt und einen sehr unkonventionellen Blick auf die Medien, mit welchen Kunst ausgeübt wird, werfe.     

Welche Kunstformen betreibst du denn selbst und welcher Medien bedienst du dich dafür? 

Hauptsächlich Film, was sehr viele Medien wie Fotografie, Musik, Set-/Kostümdesign und vieles mehr vereint. Ansonsten mache ich auch sehr gerne Sounds; Musik und auch Soundeffekte finde ich toll. Fotografie finde ich auch toll. Grafik finde ich im privaten Rahmen toll, professionell allerdings eher weniger. Ich mal’ gerne ohne Schaffensdruck, am besten unbewusst, während ich etwas anderes tue. 

Du machst ja dann auch viele Dinge gleichzeitig. Würdest du sagen, das sorgt dafür, dass du einzelne Dinge nicht so machen kannst, wie du vielleicht fähig für wärst?      

    

Absolut. Ich bin eigentlich multitaskingfähig, aber Fan davon, die Projekte klar voneinander zu trennen. Ich als Mensch, der gerade unabhängig voneinander sieben Projekte gleichzeitig fährt, habs schwer, meinen Auftraggeber im Bereich Film glücklich zu machen, gleichzeitig am eigenen Spielfilm weiterzuarbeiten und gleichzeitig die Uni zu handeln und den anderen dort auszuhelfen. 

Also Fotografie, Sound in Form von Musik und Soundeffekten, manchmal Malen und die Lebenskunst an sich, also die Worte selbst und Aktionskunst in der Form. Aktionskunst ist halt wichtig, weil durch deine Handlungen, dadurch wie du auf deine Mitmenschen zu gehst, kannst du auch die Menschen bewegen und beeinflussen.  

Aber genau das führt mich auch wieder zu einem Problem. Nämlich: Was ist meine Nische?
Die kapitalistische Welt oder das kapitalistische System, vor allem im Bereich der Kunst, oder sagen wir mal spezifisch bei Film, zwingt dich dazu, dich auf eine Nische zu fokussieren; Zum Beispiel: “Du bist jetzt Kameramann, du bist jetzt Sounddesigner, du bist jetzt dies und das”. Ich bin alles, aber ich bin auch gleichzeitig nichts von dem, was die monetären Ansprüche von mir abfordern. Nämlich ein Portfolio, was klar auf eine Nische ausgelegt ist. Hab ich nicht, ich mach nämlich alles. 

Und kommst du damit in dem kapitalistischen System zurecht?

Naja, ich bin Student (lacht). Ich ziehe mich aktuell etwas vom kapitalistischen System zurück. 

Hast du Angst vor dem, was danach kommt?

Nein, ich bin sehr selbstsicher. Mit den vielen Talenten, die ich mir über die Zeit aufgebaut hab’, kann ich mir vorstellen, immer meinen Platz irgendwo zu finden. Aber das basiert auch auf Vertrauen, ehrlicherweise. In mich selbst und in die Welt. Dass mir die Sachen entgegenkommen, auf die ich warte, ohne das wirklich zu äußern. Das klingt vielleicht ein bisschen esoterisch, ist aber gar nicht so gemeint. Wenn man auf irgendwas wartet und mit ner guten Energie auf Sachen zu geht, dann kommen diese mit ner guten Energie auf einen zurück. 

Das Gesetz der Resonanz! (lache)

Genau, ja! Schön gesagt! Kleines Beispiel: Ich such nen Schauspieler und unerwartet kommen die Zufälle so, dass ich in meinem Freundeskreis eigentlich alle hab’, die ich brauchte.        

Alex erzählt mir die Background-Geschichte des Films und zeigt mir Parallelen zur visuellen und audiovisuellen Umsetzung und letztendlichen Handlung auf. Diesen Teil des Interviews möchte ich gerne weglassen, da die Auflösung der Bedeutung und Geschichte eines Werkes, bevor es betrachtet wurde, die Magie verschwinden lassen kann. 

Daher nochmal: Film bei der (Voll-) Premiere, hoffentlich noch Ende Herbst diesen Jahres, anschauen!!

Die Arbeit am Film beschreibt er aus der Perspektive des Regisseurs und Kameramanns als sehr aufregend und eine der besten Zeiten seines Lebens, er sei jedoch zeitgleich nicht der größte Fan von digitalem Videoschnitt, weshalb sich das Projekt auch über einen so großen Zeitraum ziehe. Allerdings läge dem auch die Unmöglichkeit zugrunde, Beteiligte wie beispielsweise Marlene ausreichend zu bezahlen, weshalb alle nebenher noch schauen müssten, wie sie Geld verdienen können. Auch von seiner Beziehung zu Laura und den gemeinsamen Synergien, der gegenseitigen Ergänzung/Inspiration sowie dem gegenseitigen Pushen ist die Rede. 

Der Film ziele auf eine junge, verlorene Generation als Hauptzielgruppe ab. Eine Generation, die nicht mehr wisse, was sie und ob sie irgendetwas nach ihrem Studium oder ihrer Ausbildung arbeiten kann und zudem den Folgen jahrhundertelangem ignoranten Verhalten gegenüber der Umwelt ausgesetzt sei. Diese Generation werde thematisiert und angesprochen.  

Credit: Chiara Lessing

Zuletzt habe ich typische Abschlussfragen, die sich mit der Umgebung und ihrer Kunst- und Kulturszene auseinandersetzen. 

Wir sind ja heute auf der Kleinode unterwegs, haben zwar bei Weitem nicht alles gesehen, aber wenn wir mal nur betrachten, dass es 52 Spots gibt, wird erkennbar, dass das Westend wirklich einiges zu bieten hat. Du bist mit Sicherheit auch großer Fan dieser Sache, nicht wahr?

Ja, auf jeden Fall. Ich hab tatsächlich den ersten Berührungspunkt gehabt, als ein Bekannter von mir im Rahmen der Kleinode ein Hinterhofkonzert veranstaltete. Das war für mich damals das erste Mal, dass ich mit Live-Musik aufgetreten bin. Ich bin absoluter Fan davon und auch davon, dass Wiesbaden seit dem Coronavirus so viel Geld in die Hand genommen hat, um Künstler und Künstlerinnen sowie die Szene zu unterstützen. Durch das Coron-Arts Festival, durch sowas wie die Kleinode, durch die Maifestspiele und durch ganz viele andere Sachen. Die nehmen halt wirklich viel Geld in die Hand und ich merke das ehrlicherweise auch selbst; Die Besucherzahlen sind jetzt nicht so rosig, wie sie sein könnten und trotzdem macht die Stadt immer weiter damit, die lokale Kunst- und Kulturszene zu fördern.    

Und das ist das Allerwichtigste: Die Kunst- und Kulturszene darf nichts liefern müssen, damit sie Geld bekommt, weil Kunst nicht ergebnisorientiert funktionieren kann. Nicht messbar, wie wir es ja schon hatten…

Wenn wir schon bei der lokalen Kunst- und Kulturszene sind, was würdest du dir für diese wünschen?

Mehr Connectedness zwischen den Akteuren, die eigentlich zusammen gehören. Zum Beispiel: Wiesbaden, Darmstadt, Mainz, Frankfurt, Offenbach – überall gibt es so viele talentierte Leute. Ich hab inzwischen so viele von ihnen kennengelernt und wünsche mir, dass die Connection mehr und mehr wächst. Ich möchte, dass die Leute immer mehr zusammenarbeiten, um zusammen auf neue Ideen zu kommen. Ich wünsche mir auch, dass die Stadt immer mehr solcher Projekte fördert. 

Mit dem ganzen Überfluss heutzutage ist es recht schwierig ist, von Kunst- und Kulturprojekten zu leben. Insofern ist es in meinen Augen fast schon notwendig, dass die Stadt, generell die Städte, da mithelfen, vor allem Raum zu schaffen. Siehe die Citypassage, damals 2018 das mit der Biennale, das war ein riesen Ding und jeder Raum konnte von Künstlern genutzt werden. Das wünsche ich mir von der lokalen Szene. 

Vom gesamten künstlerischen und kulturellen Spektrum wünsch’ ich mir einen Ansporn zur Nachhaltigkeit, denn wir leben ja in ‘ner Zeit des Überfluss, da ist die logische Gegenbewegung “Awareness, Achtsamkeit und Nachhaltigkeit”. Nicht nur im komplett ökologischen Sinne, sondern auch im philosophischen Sinne.     

Was wäre denn dein Tipp für aufstrebende Künstler:innen?

Macht das Beste aus dem, was ihr habt und versucht nicht so nen hohen (monetären) Anspruch, sondern Spaß an der Sache, zu haben. Macht euren Scheiß, connected euch und seid offen, neue Wege zu gehen. Denn was ich gelernt hab, zum Beispiel: Du kannst Kommunikationsdesign so viel studieren wie du willst und so viel in deiner Uni-Bubble unternehmen und ausprobieren, aber am Ende lernst du’s nur, wenn du’s im echten Leben anwendest und dort machst. Denn da triffst du die Leute, die dich weiterbringen. Die Uni gibt nen okayen Rahmen, simuliert jedoch nur eine Situation. Macht die Sachen, sonst steht ihr am Ende des Studiums mit ‘nem Abschluss und sonst nichts da, wenn du ihr euch außerhalb der Uni nicht sonst weiterbildet.

Wenn ihr Kunst machen wollt, dann macht das einfach und denkt nicht direkt daran, das zu studieren oder damit Geld zu verdienen, sondern macht es einfach und wenn ihr Geld braucht, sucht euch nen Job.       

Danke für die Beantwortung der Fragen und für das tolle Gespräch! 

Als aller-allerletztes würde sich Hamit von muvin records freuen, die Frage 

“Für immer nur in Schuhen schlafen oder nur noch barfuß gehen können?” beantwortet zu bekommen. 

Natürlich barfuß! Atmungsaktiv und robust!

Und damit war es das auch schon mit diesem Porträt-/Interview-Artikel über diesen sehr vielseitigen und liebenswerten Menschen. Checkt gerne die bereits genannten Kanäle und Credits aller erwähnten und beteiligten Menschen aus und kommt in den Austausch mit ihnen. Die Möglichkeit, sich mit einer derartigen Offenheit über Kunst, die Gesellschaft und das künstlerische Schaffen auszutauschen, sollte man nicht missen! 

Ein großer Dank gilt der Kleinode im Westend, die es vielen (auch kleineren) Künstler:innen und auch anders Schaffenden die Möglichkeit bot, sich zu zeigen und in Interaktion zu treten. Dieses Event findet jährlich statt und sollte nicht verpasst werden!

In diesem Sinne wünsche ich euch allen eine schöne Zeit. Genießt die Sommertage und versucht ein wenig abzuschalten, auch wenn viel los ist. Es wird immer viel los sein und es ist wichtig, dass wir lernen, damit umzugehen und füreinander da zu sein. 

Much Love
Edwin 

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Mit dem Glockenschlag kündigt er stündlich die (Halb-) Premieren seines Filmes “Bed Bugs Blues” an. Menschen sammeln sich im kleinen engen Raum, der eines der im Film vorkommenden Zimmer nachempfunden ist und machen es sich auf dem Bett gemütlich, um zu betrachten, was Alex und sein Team in den letzten zwei Jahren so auf die Beine gestellt haben.

Credit: Chiara Lessing

Bei Alex Simonov handelt es sich um einen breit aufgestellten Künstler aus Wiesbaden, der im Rahmen der Kleinode im Westend, im Labor seiner “Partnerin in fast allen Lebensbereichen”, Laura Yurtöven, die (Halb-) Premiere des Filmes Bed Bugs Blues (Credits: siehe Videobeschreibung) präsentieren konnte. Chiara, Enrico und ich waren am 09. Juli gemeinsam im Westend unterwegs und durften eine der Premieren mit ansehen sowie ein kurzes Interview mit Alex führen. Darüber, was er zum Thema Kunst und Fortschritt zu sagen hat und darüber was wir an dem Tag sonst noch so erleben durften, berichte ich in diesem Artikel.

Credit: Chiara Lessing

Erst möchte ich jedoch ein paar Worte zum Rahmen, in welchem ich mit Alex sprechen durfte, verlieren. Bei der “Kleinode im Westend” handelt es sich um eine vom Magazin sensor und Wiesbadener Kulturamt unterstützte Kunst- und Kultur-Veranstaltung, welche, wie der Name es schon vermuten lässt, im Wiesbadener Westend stattfindet. An diesem jährlich im Sommer stattfindenden Event ist es Menschen aus dem Westend, die verschiedenste Dinge betreiben, möglich, eben diese Dinge zu präsentieren. Sei es nun das Konzert, das der Musiklehrer Bruno Basil zusammen mit seinen Schüler:innen in der Blücherstraße gegeben hat und die Kaffeeverkostung im “Café wunderbar” oder der “Grüne Tag” der Hochschule RheinMain. Auch fand ein Auftritt des Lesben- und Schwulenchors “Die Uferlosen” am Infoladen Linker Projekte des Kunst- und Kulturwerkstatt e. V. statt, der sich schon vor einer Ewigkeit gegründet hat. An diesem sind einige linke Projekte, wie beispielsweise auch die “Saatgutinitiative Westend” angesiedelt. Diese setzt sich mit dem Erhalt und der Wiederverwendung nicht genmanipulierten Saatguts und der fairen Verteilung und Austausch innerhalb der Gemeinschaft auseinander.  

Auf der Kleinode war alles vertreten, auch wenn auf keinen Fall alles aufgeführt werden kann. Auf der Website lässt sich nachvollziehen, was an den 52 Standorten noch so erlebt werden konnte und natürlich auch außerhalb dieses Tages erlebt werden kann.

Ein kleiner persönlicher Tipp an der Stelle: Ihr solltet den Infoladen unbedingt auschecken, beispielsweise montags um 19:30 Uhr beim Schachspiel mit den lieben Menschen von “Schachfreunde Stiller Zug” oder zu jeder anderen Zeit beim Tausch von Saatgut und allem anderen bei der grandiosen Tauschbox der Saatgutinitiative. Ihr findet den Infoladen und all die dort angesiedelten tollen Projekte im Hinterhof der Blücherstr. 46.   

Credit: Chiara Lessing

Das Westend hat somit eine Menge schöner Dinge zu bieten und ist besiedelt von einem großen Haufen kreativer, ganz individueller und freigeistiger Menschen; ein Besuch lohnt sich! Einer dieser Menschen ist Laura Yurtöven, der das “Labor Westend” und den dazugehörigen Requisitenverleih in der Gneisenaustr. 2 gehört. Der Raum, in welchem das Labor seinen Platz findet, hat schon eine lange Geschichte hinter sich. So war dort einst ein secondhand An- und Verkaufsladen für CDs und DVDs, dann stand der Laden leer bis Alina Böhmer und Monika Braun aka die Fickfackerei kamen, danach wieder Leerstand bis zur Ausstellung und Auktion des kompletten künstlerischen Lebenswerkes des Georg Joachim Schmitt und darauffolgenden die schlussendliche Übergabe an Laura, die mit ihrem vorigen Atelier und all ihren Requisiten dorthin zog. Das Labor diene nicht nur dem Requisitenverleih und der Ausstellung, sondern könne praktisch alles sein; sei es nun eine Konzertlocation, ein Atelier, ein Kino, eine Werkstatt - you name it. Mit ebendieser Devise gehen Laura und Alex damit voran.  

Und genau dort hat Alex Simonov seinen Film vorgestellt. Das ganze Labor war im Stil der Filmsets sowie mit ausgestellten Original-Requisiten der Produktion geschmückt, was die Besucher:innen direkt in die Atmosphäre des Projekts hineinzieht. Der besagte und bereits gezeigte Showroom mit seiner abgedunkelten Schwarzlicht-Atmosphäre befindet sich im Hinterzimmer des Labors. Im Flur, der in ebendieses Hinterzimmer führt, gibt es auch eine Leiter, von der aus sich die zweite Etage erreichen lässt, welche mit Requisiten für Theater und Film gefüllt ist.  

Credit: Chiara Lessing

Ich möchte gar nicht so sehr darüber ins Detail gehen, was in dem Film geschieht, doch wir können sagen, dass er definitiv einen Besuch Wert ist und möchten empfehlen sich die gesamte Premiere, welche aktuell für Ende Herbst angedacht ist, anzusehen. Es ist ein sehr abstraktes und künstlerisch-ästhetisch anspruchsvolles Stück Filmkunst, welches viele Thematiken und Problematiken einer jungen Generation abbildet. Musik spielt als Erzählmittel eine große Rolle und die Geschichte des Films basiere auf einer wahren Begebenheit, die Alex selbst erlebt hat. Er hat den Film u. a. im Rahmen seines Bachelor-Abschluss Projekts im Studiengang Motion Pictures an der Hochschule Darmstadt produziert. Finanzielle Förderung gab es durch das Coron-Arts Festivals und weitere Unterstützung gab es von Bierstadter Gold und Alex’ ehemaligem Chef.

Durch “glückliche Umstände“ war es Alex und seinem Team dadurch möglich, einen riesigen Bereich einer alten Polizeikaserne als Drehort zu nutzen.

Die Idee für den Film sei ihm bereits im Herbst 2020 gekommen, nachdem er die Ereignisse Anfang 2020 erlebt hat. Nach der Vorproduktion im Winter 2020/Frühjahr 2021 sei es dann gegen Mitte 2021 zu den Dreharbeiten gekommen. Danach haben er und das Team den Sommer über erst mal chillen müssen, um dann im Herbst 2021 mit der Postproduktion zu beginnen. Nach vielen zu bewältigenden Hürden, wie beispielsweise Datenverlust, kam es schlussendlich im Juli 2022 im Rahmen des Coron-Arts Festivals zu der ersten (Halb-) Premiere.

Dabei ist für den Schnitt, neben Alex selbst, vor allem Marlene Schulte-Körne zu danken. Das Drehbuch und ein mindestens genauso großer Anteil der Hauptarbeit sei zudem auf Laura zurückzuführen. Die Musik sei hauptsächlich von Alex und seinen Freunden komponiert und produziert worden; generell hätten hauptsächlich befreundete und bekannte Menschen an dem Projekt mitgewirkt. Ein Blick in die Credits empfiehlt sich.

Credit: Chiara Lessing

Zu Alex als Person gibt es auch einiges zu sagen: Aktuell ist er noch Student, doch befinde sich in der Abschlussphase. Der 23-jährige Filmemacher, Gitarrist, Synthesizer-Liebhaber Fotograf (uvm.) stammt ursprünglich aus der Gegend von Limburg (“Das heißt ich durfte noch in Büschen und im Wald spielen”). Seine Eltern kommen aus dem heute russischen Gebiet der ehemaligen Sowjetunion. Mit ca. 14 Jahren habe der Umzug nach Wiesbaden stattgefunden, ein perfektes Alter dafür, wie er selbst sagt. In dieser Stadt habe er gelernt, sich zu entfalten und vor allem durch das Skaten sehr viele interessante Menschen kennengelernt, durch welche er Brücken zu verschiedensten künstlerischen Lebensbereichen schlagen und sich selbst entdecken konnte. Über die Jahre und Umzüge u. a. nach Frankfurt und Darmstadt, sei es zu einer Skill-Steigerung und Professionalisierung seiner Arbeit gekommen. Mittlerweile lebt er wieder in Wiesbaden und hat inzwischen an unzähligen Projekten mitgewirkt, von denen die meisten jedoch “in der Realität” stattfinden würden. Digital festgehaltene Records über seine bisherigen Projekte finden sich u. a. auf seiner Website, jedoch lohnt es sich auch sehr, ihn einfach mal auf Insta anzuschreiben und sich ein bisschen über seine Arbeit auszutauschen. 

Im gemeinsamen Gespräch unterhalten wir uns über Kunst und ihre Bedeutung sowie die verschiedensten Ausprägungen dieser. Doch lest gerne einfach selbst, was Alex zu all dem zu sagen hat:

Bist du zufrieden mit dem Tag heute, würdest du sagen, dass alles so lief, wie du wolltest?

Ehmm, ja! Es läuft niemals so wie geplant, aber es läuft immer gut, wenn man sich Mühe gibt. Wenn man die richtigen Sachen ausstrahlt und nach außen bringt, dann erfährt man auch wiederum diese gute Laune. Das heißt selbst die Leute, die sag ich mal mit dem Film nicht so viel anzufangen wussten, gingen mit mir in nen netten Dialog und hatten dann auch ihren Spaß. Kritik ausüben und darüber sprechen, warum Entscheidungen so getroffen wurden, ist ein Teil von Kunst; Sich darüber austauschen und kommunizieren. Sau wichtig! 

Kunst dient in ihren Grundzügen ja wahrscheinlich auch der Kommunikation und dem Ausdruck; was würdest du denn auf die ganz plumpe Frage antworten, was Kunst für dich auszeichnet? Ist das überhaupt ein messbarer Wert?

Kunst kannst du überall integrieren, wo du lebst. In allen Facetten des Lebens; das nenne ich gerne Lebenskunst und ich würde sagen, das ist gar nicht messbar und gar nicht definierbar. Ich sag mal so: Was ich oft mache… Ich bringe oft plumpe Bemerkungen, für mich ist das schon wieder Kunst. Oder Georg macht zum Beispiel irgendwelchen Quatsch und schreit einfach irgendwie ein random Schimpfwort, das ist dann erst weird. Wenn du aber länger darüber nachdenkst, kannst du selbst das schon als Kunst interpretieren. Deswegen nein, gar nicht messbar. Kunst ist all das, was in Menschen Emotionen hervorruft und sie gegebenenfalls dazu bringt, über diese Information und Emotion nachzudenken. Architektur kann auch Kunst sein, wenn du's schön findest. Wenn du aber bloß blind an den Häusern vorbei gehst und dir nichts dabei denkst, dann sind’s einfach nur Häuser, Gleiches gilt für Autos. Für manche ist Design Kunst, für manche ist Design Design. 

Mir ist bei dem, was ich von dir bisher so mitbekommen hab’ aufgefallen, dass du sehr viel Liebe für analoge Produktionsmittel hast und dich in einer Zeit, in welcher es so viel Fortschritt gibt, sehr viel damit auseinandersetzt, wie die Dinge früher funktioniert haben. 

Wie ist das denn für dich mit der Digitalisierung in der Kunst und der Vermischung analoger und digitaler Medien? 

Eines muss ich erst mal klarstellen. In meinen Augen ist Innovation nicht gleich Fortschritt.

Das ist erstmal wichtig anzumerken. Innovation ist für mich erstmal die Erfindung neuer Gadgets/Werkzeuge, um was auch immer zu erreichen. Ich würde aber nicht sagen, dass jedes neu erfundene Device oder Gadget gleich den Fortschritt der Menschheit im Allgemeinen bedeutet. Ein Beispiel ist das “Smarthome”. Ich glaube die Kosten und alles, was das im Rahmen der Produktion mit sich bringt, wird nicht zu einem Fortschritt der Menschheit und des Lebens allgemein führen. Der Aufwand, den das mit sich bringt, ist eben immens und das damit verbundene Risiko ist auch nicht zu unterschätzen. Siehe Mickey Mouse, der durch sein eigenes Smarthome komplett durchgewirbelt wurde und dadurch in pures Chaos geraten ist, weil es irgendwann nicht mehr so funktioniert hat, wie es sollte und sich gegen ihn gewendet hat (lacht). Das ist jetzt mal das banalste Beispiel, was mir einfällt. 

Aber weg von diesem Beispiel: Die Kunst erfährt ja immer mehr und mehr Mittel, sich auszudrücken. Die letzten Innovationen gehen ja in Richtung NFTs etc. Gleichzeitig musste ich mich jetzt für die Uni auch mit AR- und VR-Technologien auseinandersetzen und ich muss sagen, dass ich dem Ganzen häufig sehr kritisch gegenübersteh’, weil ich halt selber in mir so nen Naturalismus trage, das heißt, dass ich möglichst einfache und Ressourcen-freundliche Materialien verwende, um meine Kunst auszuüben. 

Zum Beispiel haben wir für das Setdesign im Film Möbel vom Sperrmüll verwendet oder gebrauchte Sachen auf Kleinanzeigen geschnappt. Neu-Kontextualisieren und dem Ganzen nochmal neues Leben zu geben, bevor das dann endgültig auf den Müll kommt, finde ich gut. Das ist für mich nachhaltig und es ist dann auch im Film sichtbar, dass die Sachen schon etwas Leben hinter sich hatten. Ich denke mal, die Ressourcen zu Ende zu nutzen, ist eine Devise, die ich für wichtig erachte. Nehmen wir als Beispiel ein Skateboard; Das ist etwas, was du zwar immer wieder neu kaufst, aber auch immer wieder bis zum geht nicht mehr zerstörst - find ich top! Ich find’s top, wenn die Sachen zu Ende genutzt werden; und bei der Kunst kann man das ja genauso machen. 

Man kann aus allem Kunst machen, aus Sperrmüll, aus Steinen, aus Holz, was auch immer... Hauptsache es erzählt eine Geschichte.

Bei Technologie und Kunst ist es halt so, ich find, das muss immer so an dein Narrativ und deine Story gekoppelt sein; wenn du auf Instagram Bilder teilst und deine Malereien abfotografierst, ohne dass Instagram als Medium selber damit thematisiert wird, weiß ich nicht, ob das wirklich gut ist oder ob das nicht zu ner Flut und einem Überfluss an Inhalten führt. Das tut es ja offensichtlich: Es gibt einen riesigen Überfluss, man findet sich gar nicht zurecht, es ist schwierig, sich zu orientieren und Erfolg ist nicht gleich Talent, sondern Erfolg wird eine messbare Zahl in Form von Views und Likes und Followern. Insofern find’ ich das halt schwierig, das bringt die Kunstwelt durcheinander. 

Credit: Chiara Lessing

Zu dem Thema, das Medium selbst in der Kunst zu thematisieren, empfiehlt uns Alex das Buch “Understanding Media: The Extensions Of Man” von Marshall McLuhan, welches der Kernaussage “The medium is the message” folgt und einen sehr unkonventionellen Blick auf die Medien, mit welchen Kunst ausgeübt wird, werfe.     

Welche Kunstformen betreibst du denn selbst und welcher Medien bedienst du dich dafür? 

Hauptsächlich Film, was sehr viele Medien wie Fotografie, Musik, Set-/Kostümdesign und vieles mehr vereint. Ansonsten mache ich auch sehr gerne Sounds; Musik und auch Soundeffekte finde ich toll. Fotografie finde ich auch toll. Grafik finde ich im privaten Rahmen toll, professionell allerdings eher weniger. Ich mal’ gerne ohne Schaffensdruck, am besten unbewusst, während ich etwas anderes tue. 

Du machst ja dann auch viele Dinge gleichzeitig. Würdest du sagen, das sorgt dafür, dass du einzelne Dinge nicht so machen kannst, wie du vielleicht fähig für wärst?      

    

Absolut. Ich bin eigentlich multitaskingfähig, aber Fan davon, die Projekte klar voneinander zu trennen. Ich als Mensch, der gerade unabhängig voneinander sieben Projekte gleichzeitig fährt, habs schwer, meinen Auftraggeber im Bereich Film glücklich zu machen, gleichzeitig am eigenen Spielfilm weiterzuarbeiten und gleichzeitig die Uni zu handeln und den anderen dort auszuhelfen. 

Also Fotografie, Sound in Form von Musik und Soundeffekten, manchmal Malen und die Lebenskunst an sich, also die Worte selbst und Aktionskunst in der Form. Aktionskunst ist halt wichtig, weil durch deine Handlungen, dadurch wie du auf deine Mitmenschen zu gehst, kannst du auch die Menschen bewegen und beeinflussen.  

Aber genau das führt mich auch wieder zu einem Problem. Nämlich: Was ist meine Nische?
Die kapitalistische Welt oder das kapitalistische System, vor allem im Bereich der Kunst, oder sagen wir mal spezifisch bei Film, zwingt dich dazu, dich auf eine Nische zu fokussieren; Zum Beispiel: “Du bist jetzt Kameramann, du bist jetzt Sounddesigner, du bist jetzt dies und das”. Ich bin alles, aber ich bin auch gleichzeitig nichts von dem, was die monetären Ansprüche von mir abfordern. Nämlich ein Portfolio, was klar auf eine Nische ausgelegt ist. Hab ich nicht, ich mach nämlich alles. 

Und kommst du damit in dem kapitalistischen System zurecht?

Naja, ich bin Student (lacht). Ich ziehe mich aktuell etwas vom kapitalistischen System zurück. 

Hast du Angst vor dem, was danach kommt?

Nein, ich bin sehr selbstsicher. Mit den vielen Talenten, die ich mir über die Zeit aufgebaut hab’, kann ich mir vorstellen, immer meinen Platz irgendwo zu finden. Aber das basiert auch auf Vertrauen, ehrlicherweise. In mich selbst und in die Welt. Dass mir die Sachen entgegenkommen, auf die ich warte, ohne das wirklich zu äußern. Das klingt vielleicht ein bisschen esoterisch, ist aber gar nicht so gemeint. Wenn man auf irgendwas wartet und mit ner guten Energie auf Sachen zu geht, dann kommen diese mit ner guten Energie auf einen zurück. 

Das Gesetz der Resonanz! (lache)

Genau, ja! Schön gesagt! Kleines Beispiel: Ich such nen Schauspieler und unerwartet kommen die Zufälle so, dass ich in meinem Freundeskreis eigentlich alle hab’, die ich brauchte.        

Alex erzählt mir die Background-Geschichte des Films und zeigt mir Parallelen zur visuellen und audiovisuellen Umsetzung und letztendlichen Handlung auf. Diesen Teil des Interviews möchte ich gerne weglassen, da die Auflösung der Bedeutung und Geschichte eines Werkes, bevor es betrachtet wurde, die Magie verschwinden lassen kann. 

Daher nochmal: Film bei der (Voll-) Premiere, hoffentlich noch Ende Herbst diesen Jahres, anschauen!!

Die Arbeit am Film beschreibt er aus der Perspektive des Regisseurs und Kameramanns als sehr aufregend und eine der besten Zeiten seines Lebens, er sei jedoch zeitgleich nicht der größte Fan von digitalem Videoschnitt, weshalb sich das Projekt auch über einen so großen Zeitraum ziehe. Allerdings läge dem auch die Unmöglichkeit zugrunde, Beteiligte wie beispielsweise Marlene ausreichend zu bezahlen, weshalb alle nebenher noch schauen müssten, wie sie Geld verdienen können. Auch von seiner Beziehung zu Laura und den gemeinsamen Synergien, der gegenseitigen Ergänzung/Inspiration sowie dem gegenseitigen Pushen ist die Rede. 

Der Film ziele auf eine junge, verlorene Generation als Hauptzielgruppe ab. Eine Generation, die nicht mehr wisse, was sie und ob sie irgendetwas nach ihrem Studium oder ihrer Ausbildung arbeiten kann und zudem den Folgen jahrhundertelangem ignoranten Verhalten gegenüber der Umwelt ausgesetzt sei. Diese Generation werde thematisiert und angesprochen.  

Credit: Chiara Lessing

Zuletzt habe ich typische Abschlussfragen, die sich mit der Umgebung und ihrer Kunst- und Kulturszene auseinandersetzen. 

Wir sind ja heute auf der Kleinode unterwegs, haben zwar bei Weitem nicht alles gesehen, aber wenn wir mal nur betrachten, dass es 52 Spots gibt, wird erkennbar, dass das Westend wirklich einiges zu bieten hat. Du bist mit Sicherheit auch großer Fan dieser Sache, nicht wahr?

Ja, auf jeden Fall. Ich hab tatsächlich den ersten Berührungspunkt gehabt, als ein Bekannter von mir im Rahmen der Kleinode ein Hinterhofkonzert veranstaltete. Das war für mich damals das erste Mal, dass ich mit Live-Musik aufgetreten bin. Ich bin absoluter Fan davon und auch davon, dass Wiesbaden seit dem Coronavirus so viel Geld in die Hand genommen hat, um Künstler und Künstlerinnen sowie die Szene zu unterstützen. Durch das Coron-Arts Festival, durch sowas wie die Kleinode, durch die Maifestspiele und durch ganz viele andere Sachen. Die nehmen halt wirklich viel Geld in die Hand und ich merke das ehrlicherweise auch selbst; Die Besucherzahlen sind jetzt nicht so rosig, wie sie sein könnten und trotzdem macht die Stadt immer weiter damit, die lokale Kunst- und Kulturszene zu fördern.    

Und das ist das Allerwichtigste: Die Kunst- und Kulturszene darf nichts liefern müssen, damit sie Geld bekommt, weil Kunst nicht ergebnisorientiert funktionieren kann. Nicht messbar, wie wir es ja schon hatten…

Wenn wir schon bei der lokalen Kunst- und Kulturszene sind, was würdest du dir für diese wünschen?

Mehr Connectedness zwischen den Akteuren, die eigentlich zusammen gehören. Zum Beispiel: Wiesbaden, Darmstadt, Mainz, Frankfurt, Offenbach – überall gibt es so viele talentierte Leute. Ich hab inzwischen so viele von ihnen kennengelernt und wünsche mir, dass die Connection mehr und mehr wächst. Ich möchte, dass die Leute immer mehr zusammenarbeiten, um zusammen auf neue Ideen zu kommen. Ich wünsche mir auch, dass die Stadt immer mehr solcher Projekte fördert. 

Mit dem ganzen Überfluss heutzutage ist es recht schwierig ist, von Kunst- und Kulturprojekten zu leben. Insofern ist es in meinen Augen fast schon notwendig, dass die Stadt, generell die Städte, da mithelfen, vor allem Raum zu schaffen. Siehe die Citypassage, damals 2018 das mit der Biennale, das war ein riesen Ding und jeder Raum konnte von Künstlern genutzt werden. Das wünsche ich mir von der lokalen Szene. 

Vom gesamten künstlerischen und kulturellen Spektrum wünsch’ ich mir einen Ansporn zur Nachhaltigkeit, denn wir leben ja in ‘ner Zeit des Überfluss, da ist die logische Gegenbewegung “Awareness, Achtsamkeit und Nachhaltigkeit”. Nicht nur im komplett ökologischen Sinne, sondern auch im philosophischen Sinne.     

Was wäre denn dein Tipp für aufstrebende Künstler:innen?

Macht das Beste aus dem, was ihr habt und versucht nicht so nen hohen (monetären) Anspruch, sondern Spaß an der Sache, zu haben. Macht euren Scheiß, connected euch und seid offen, neue Wege zu gehen. Denn was ich gelernt hab, zum Beispiel: Du kannst Kommunikationsdesign so viel studieren wie du willst und so viel in deiner Uni-Bubble unternehmen und ausprobieren, aber am Ende lernst du’s nur, wenn du’s im echten Leben anwendest und dort machst. Denn da triffst du die Leute, die dich weiterbringen. Die Uni gibt nen okayen Rahmen, simuliert jedoch nur eine Situation. Macht die Sachen, sonst steht ihr am Ende des Studiums mit ‘nem Abschluss und sonst nichts da, wenn du ihr euch außerhalb der Uni nicht sonst weiterbildet.

Wenn ihr Kunst machen wollt, dann macht das einfach und denkt nicht direkt daran, das zu studieren oder damit Geld zu verdienen, sondern macht es einfach und wenn ihr Geld braucht, sucht euch nen Job.       

Danke für die Beantwortung der Fragen und für das tolle Gespräch! 

Als aller-allerletztes würde sich Hamit von muvin records freuen, die Frage 

“Für immer nur in Schuhen schlafen oder nur noch barfuß gehen können?” beantwortet zu bekommen. 

Natürlich barfuß! Atmungsaktiv und robust!

Und damit war es das auch schon mit diesem Porträt-/Interview-Artikel über diesen sehr vielseitigen und liebenswerten Menschen. Checkt gerne die bereits genannten Kanäle und Credits aller erwähnten und beteiligten Menschen aus und kommt in den Austausch mit ihnen. Die Möglichkeit, sich mit einer derartigen Offenheit über Kunst, die Gesellschaft und das künstlerische Schaffen auszutauschen, sollte man nicht missen! 

Ein großer Dank gilt der Kleinode im Westend, die es vielen (auch kleineren) Künstler:innen und auch anders Schaffenden die Möglichkeit bot, sich zu zeigen und in Interaktion zu treten. Dieses Event findet jährlich statt und sollte nicht verpasst werden!

In diesem Sinne wünsche ich euch allen eine schöne Zeit. Genießt die Sommertage und versucht ein wenig abzuschalten, auch wenn viel los ist. Es wird immer viel los sein und es ist wichtig, dass wir lernen, damit umzugehen und füreinander da zu sein. 

Much Love
Edwin 

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Fotocredits

Mit dem Glockenschlag kündigt er stündlich die (Halb-) Premieren seines Filmes “Bed Bugs Blues” an. Menschen sammeln sich im kleinen engen Raum, der eines der im Film vorkommenden Zimmer nachempfunden ist und machen es sich auf dem Bett gemütlich, um zu betrachten, was Alex und sein Team in den letzten zwei Jahren so auf die Beine gestellt haben.

Credit: Chiara Lessing

Bei Alex Simonov handelt es sich um einen breit aufgestellten Künstler aus Wiesbaden, der im Rahmen der Kleinode im Westend, im Labor seiner “Partnerin in fast allen Lebensbereichen”, Laura Yurtöven, die (Halb-) Premiere des Filmes Bed Bugs Blues (Credits: siehe Videobeschreibung) präsentieren konnte. Chiara, Enrico und ich waren am 09. Juli gemeinsam im Westend unterwegs und durften eine der Premieren mit ansehen sowie ein kurzes Interview mit Alex führen. Darüber, was er zum Thema Kunst und Fortschritt zu sagen hat und darüber was wir an dem Tag sonst noch so erleben durften, berichte ich in diesem Artikel.

Credit: Chiara Lessing

Erst möchte ich jedoch ein paar Worte zum Rahmen, in welchem ich mit Alex sprechen durfte, verlieren. Bei der “Kleinode im Westend” handelt es sich um eine vom Magazin sensor und Wiesbadener Kulturamt unterstützte Kunst- und Kultur-Veranstaltung, welche, wie der Name es schon vermuten lässt, im Wiesbadener Westend stattfindet. An diesem jährlich im Sommer stattfindenden Event ist es Menschen aus dem Westend, die verschiedenste Dinge betreiben, möglich, eben diese Dinge zu präsentieren. Sei es nun das Konzert, das der Musiklehrer Bruno Basil zusammen mit seinen Schüler:innen in der Blücherstraße gegeben hat und die Kaffeeverkostung im “Café wunderbar” oder der “Grüne Tag” der Hochschule RheinMain. Auch fand ein Auftritt des Lesben- und Schwulenchors “Die Uferlosen” am Infoladen Linker Projekte des Kunst- und Kulturwerkstatt e. V. statt, der sich schon vor einer Ewigkeit gegründet hat. An diesem sind einige linke Projekte, wie beispielsweise auch die “Saatgutinitiative Westend” angesiedelt. Diese setzt sich mit dem Erhalt und der Wiederverwendung nicht genmanipulierten Saatguts und der fairen Verteilung und Austausch innerhalb der Gemeinschaft auseinander.  

Auf der Kleinode war alles vertreten, auch wenn auf keinen Fall alles aufgeführt werden kann. Auf der Website lässt sich nachvollziehen, was an den 52 Standorten noch so erlebt werden konnte und natürlich auch außerhalb dieses Tages erlebt werden kann.

Ein kleiner persönlicher Tipp an der Stelle: Ihr solltet den Infoladen unbedingt auschecken, beispielsweise montags um 19:30 Uhr beim Schachspiel mit den lieben Menschen von “Schachfreunde Stiller Zug” oder zu jeder anderen Zeit beim Tausch von Saatgut und allem anderen bei der grandiosen Tauschbox der Saatgutinitiative. Ihr findet den Infoladen und all die dort angesiedelten tollen Projekte im Hinterhof der Blücherstr. 46.   

Credit: Chiara Lessing

Das Westend hat somit eine Menge schöner Dinge zu bieten und ist besiedelt von einem großen Haufen kreativer, ganz individueller und freigeistiger Menschen; ein Besuch lohnt sich! Einer dieser Menschen ist Laura Yurtöven, der das “Labor Westend” und den dazugehörigen Requisitenverleih in der Gneisenaustr. 2 gehört. Der Raum, in welchem das Labor seinen Platz findet, hat schon eine lange Geschichte hinter sich. So war dort einst ein secondhand An- und Verkaufsladen für CDs und DVDs, dann stand der Laden leer bis Alina Böhmer und Monika Braun aka die Fickfackerei kamen, danach wieder Leerstand bis zur Ausstellung und Auktion des kompletten künstlerischen Lebenswerkes des Georg Joachim Schmitt und darauffolgenden die schlussendliche Übergabe an Laura, die mit ihrem vorigen Atelier und all ihren Requisiten dorthin zog. Das Labor diene nicht nur dem Requisitenverleih und der Ausstellung, sondern könne praktisch alles sein; sei es nun eine Konzertlocation, ein Atelier, ein Kino, eine Werkstatt - you name it. Mit ebendieser Devise gehen Laura und Alex damit voran.  

Und genau dort hat Alex Simonov seinen Film vorgestellt. Das ganze Labor war im Stil der Filmsets sowie mit ausgestellten Original-Requisiten der Produktion geschmückt, was die Besucher:innen direkt in die Atmosphäre des Projekts hineinzieht. Der besagte und bereits gezeigte Showroom mit seiner abgedunkelten Schwarzlicht-Atmosphäre befindet sich im Hinterzimmer des Labors. Im Flur, der in ebendieses Hinterzimmer führt, gibt es auch eine Leiter, von der aus sich die zweite Etage erreichen lässt, welche mit Requisiten für Theater und Film gefüllt ist.  

Credit: Chiara Lessing

Ich möchte gar nicht so sehr darüber ins Detail gehen, was in dem Film geschieht, doch wir können sagen, dass er definitiv einen Besuch Wert ist und möchten empfehlen sich die gesamte Premiere, welche aktuell für Ende Herbst angedacht ist, anzusehen. Es ist ein sehr abstraktes und künstlerisch-ästhetisch anspruchsvolles Stück Filmkunst, welches viele Thematiken und Problematiken einer jungen Generation abbildet. Musik spielt als Erzählmittel eine große Rolle und die Geschichte des Films basiere auf einer wahren Begebenheit, die Alex selbst erlebt hat. Er hat den Film u. a. im Rahmen seines Bachelor-Abschluss Projekts im Studiengang Motion Pictures an der Hochschule Darmstadt produziert. Finanzielle Förderung gab es durch das Coron-Arts Festivals und weitere Unterstützung gab es von Bierstadter Gold und Alex’ ehemaligem Chef.

Durch “glückliche Umstände“ war es Alex und seinem Team dadurch möglich, einen riesigen Bereich einer alten Polizeikaserne als Drehort zu nutzen.

Die Idee für den Film sei ihm bereits im Herbst 2020 gekommen, nachdem er die Ereignisse Anfang 2020 erlebt hat. Nach der Vorproduktion im Winter 2020/Frühjahr 2021 sei es dann gegen Mitte 2021 zu den Dreharbeiten gekommen. Danach haben er und das Team den Sommer über erst mal chillen müssen, um dann im Herbst 2021 mit der Postproduktion zu beginnen. Nach vielen zu bewältigenden Hürden, wie beispielsweise Datenverlust, kam es schlussendlich im Juli 2022 im Rahmen des Coron-Arts Festivals zu der ersten (Halb-) Premiere.

Dabei ist für den Schnitt, neben Alex selbst, vor allem Marlene Schulte-Körne zu danken. Das Drehbuch und ein mindestens genauso großer Anteil der Hauptarbeit sei zudem auf Laura zurückzuführen. Die Musik sei hauptsächlich von Alex und seinen Freunden komponiert und produziert worden; generell hätten hauptsächlich befreundete und bekannte Menschen an dem Projekt mitgewirkt. Ein Blick in die Credits empfiehlt sich.

Credit: Chiara Lessing

Zu Alex als Person gibt es auch einiges zu sagen: Aktuell ist er noch Student, doch befinde sich in der Abschlussphase. Der 23-jährige Filmemacher, Gitarrist, Synthesizer-Liebhaber Fotograf (uvm.) stammt ursprünglich aus der Gegend von Limburg (“Das heißt ich durfte noch in Büschen und im Wald spielen”). Seine Eltern kommen aus dem heute russischen Gebiet der ehemaligen Sowjetunion. Mit ca. 14 Jahren habe der Umzug nach Wiesbaden stattgefunden, ein perfektes Alter dafür, wie er selbst sagt. In dieser Stadt habe er gelernt, sich zu entfalten und vor allem durch das Skaten sehr viele interessante Menschen kennengelernt, durch welche er Brücken zu verschiedensten künstlerischen Lebensbereichen schlagen und sich selbst entdecken konnte. Über die Jahre und Umzüge u. a. nach Frankfurt und Darmstadt, sei es zu einer Skill-Steigerung und Professionalisierung seiner Arbeit gekommen. Mittlerweile lebt er wieder in Wiesbaden und hat inzwischen an unzähligen Projekten mitgewirkt, von denen die meisten jedoch “in der Realität” stattfinden würden. Digital festgehaltene Records über seine bisherigen Projekte finden sich u. a. auf seiner Website, jedoch lohnt es sich auch sehr, ihn einfach mal auf Insta anzuschreiben und sich ein bisschen über seine Arbeit auszutauschen. 

Im gemeinsamen Gespräch unterhalten wir uns über Kunst und ihre Bedeutung sowie die verschiedensten Ausprägungen dieser. Doch lest gerne einfach selbst, was Alex zu all dem zu sagen hat:

Bist du zufrieden mit dem Tag heute, würdest du sagen, dass alles so lief, wie du wolltest?

Ehmm, ja! Es läuft niemals so wie geplant, aber es läuft immer gut, wenn man sich Mühe gibt. Wenn man die richtigen Sachen ausstrahlt und nach außen bringt, dann erfährt man auch wiederum diese gute Laune. Das heißt selbst die Leute, die sag ich mal mit dem Film nicht so viel anzufangen wussten, gingen mit mir in nen netten Dialog und hatten dann auch ihren Spaß. Kritik ausüben und darüber sprechen, warum Entscheidungen so getroffen wurden, ist ein Teil von Kunst; Sich darüber austauschen und kommunizieren. Sau wichtig! 

Kunst dient in ihren Grundzügen ja wahrscheinlich auch der Kommunikation und dem Ausdruck; was würdest du denn auf die ganz plumpe Frage antworten, was Kunst für dich auszeichnet? Ist das überhaupt ein messbarer Wert?

Kunst kannst du überall integrieren, wo du lebst. In allen Facetten des Lebens; das nenne ich gerne Lebenskunst und ich würde sagen, das ist gar nicht messbar und gar nicht definierbar. Ich sag mal so: Was ich oft mache… Ich bringe oft plumpe Bemerkungen, für mich ist das schon wieder Kunst. Oder Georg macht zum Beispiel irgendwelchen Quatsch und schreit einfach irgendwie ein random Schimpfwort, das ist dann erst weird. Wenn du aber länger darüber nachdenkst, kannst du selbst das schon als Kunst interpretieren. Deswegen nein, gar nicht messbar. Kunst ist all das, was in Menschen Emotionen hervorruft und sie gegebenenfalls dazu bringt, über diese Information und Emotion nachzudenken. Architektur kann auch Kunst sein, wenn du's schön findest. Wenn du aber bloß blind an den Häusern vorbei gehst und dir nichts dabei denkst, dann sind’s einfach nur Häuser, Gleiches gilt für Autos. Für manche ist Design Kunst, für manche ist Design Design. 

Mir ist bei dem, was ich von dir bisher so mitbekommen hab’ aufgefallen, dass du sehr viel Liebe für analoge Produktionsmittel hast und dich in einer Zeit, in welcher es so viel Fortschritt gibt, sehr viel damit auseinandersetzt, wie die Dinge früher funktioniert haben. 

Wie ist das denn für dich mit der Digitalisierung in der Kunst und der Vermischung analoger und digitaler Medien? 

Eines muss ich erst mal klarstellen. In meinen Augen ist Innovation nicht gleich Fortschritt.

Das ist erstmal wichtig anzumerken. Innovation ist für mich erstmal die Erfindung neuer Gadgets/Werkzeuge, um was auch immer zu erreichen. Ich würde aber nicht sagen, dass jedes neu erfundene Device oder Gadget gleich den Fortschritt der Menschheit im Allgemeinen bedeutet. Ein Beispiel ist das “Smarthome”. Ich glaube die Kosten und alles, was das im Rahmen der Produktion mit sich bringt, wird nicht zu einem Fortschritt der Menschheit und des Lebens allgemein führen. Der Aufwand, den das mit sich bringt, ist eben immens und das damit verbundene Risiko ist auch nicht zu unterschätzen. Siehe Mickey Mouse, der durch sein eigenes Smarthome komplett durchgewirbelt wurde und dadurch in pures Chaos geraten ist, weil es irgendwann nicht mehr so funktioniert hat, wie es sollte und sich gegen ihn gewendet hat (lacht). Das ist jetzt mal das banalste Beispiel, was mir einfällt. 

Aber weg von diesem Beispiel: Die Kunst erfährt ja immer mehr und mehr Mittel, sich auszudrücken. Die letzten Innovationen gehen ja in Richtung NFTs etc. Gleichzeitig musste ich mich jetzt für die Uni auch mit AR- und VR-Technologien auseinandersetzen und ich muss sagen, dass ich dem Ganzen häufig sehr kritisch gegenübersteh’, weil ich halt selber in mir so nen Naturalismus trage, das heißt, dass ich möglichst einfache und Ressourcen-freundliche Materialien verwende, um meine Kunst auszuüben. 

Zum Beispiel haben wir für das Setdesign im Film Möbel vom Sperrmüll verwendet oder gebrauchte Sachen auf Kleinanzeigen geschnappt. Neu-Kontextualisieren und dem Ganzen nochmal neues Leben zu geben, bevor das dann endgültig auf den Müll kommt, finde ich gut. Das ist für mich nachhaltig und es ist dann auch im Film sichtbar, dass die Sachen schon etwas Leben hinter sich hatten. Ich denke mal, die Ressourcen zu Ende zu nutzen, ist eine Devise, die ich für wichtig erachte. Nehmen wir als Beispiel ein Skateboard; Das ist etwas, was du zwar immer wieder neu kaufst, aber auch immer wieder bis zum geht nicht mehr zerstörst - find ich top! Ich find’s top, wenn die Sachen zu Ende genutzt werden; und bei der Kunst kann man das ja genauso machen. 

Man kann aus allem Kunst machen, aus Sperrmüll, aus Steinen, aus Holz, was auch immer... Hauptsache es erzählt eine Geschichte.

Bei Technologie und Kunst ist es halt so, ich find, das muss immer so an dein Narrativ und deine Story gekoppelt sein; wenn du auf Instagram Bilder teilst und deine Malereien abfotografierst, ohne dass Instagram als Medium selber damit thematisiert wird, weiß ich nicht, ob das wirklich gut ist oder ob das nicht zu ner Flut und einem Überfluss an Inhalten führt. Das tut es ja offensichtlich: Es gibt einen riesigen Überfluss, man findet sich gar nicht zurecht, es ist schwierig, sich zu orientieren und Erfolg ist nicht gleich Talent, sondern Erfolg wird eine messbare Zahl in Form von Views und Likes und Followern. Insofern find’ ich das halt schwierig, das bringt die Kunstwelt durcheinander. 

Credit: Chiara Lessing

Zu dem Thema, das Medium selbst in der Kunst zu thematisieren, empfiehlt uns Alex das Buch “Understanding Media: The Extensions Of Man” von Marshall McLuhan, welches der Kernaussage “The medium is the message” folgt und einen sehr unkonventionellen Blick auf die Medien, mit welchen Kunst ausgeübt wird, werfe.     

Welche Kunstformen betreibst du denn selbst und welcher Medien bedienst du dich dafür? 

Hauptsächlich Film, was sehr viele Medien wie Fotografie, Musik, Set-/Kostümdesign und vieles mehr vereint. Ansonsten mache ich auch sehr gerne Sounds; Musik und auch Soundeffekte finde ich toll. Fotografie finde ich auch toll. Grafik finde ich im privaten Rahmen toll, professionell allerdings eher weniger. Ich mal’ gerne ohne Schaffensdruck, am besten unbewusst, während ich etwas anderes tue. 

Du machst ja dann auch viele Dinge gleichzeitig. Würdest du sagen, das sorgt dafür, dass du einzelne Dinge nicht so machen kannst, wie du vielleicht fähig für wärst?      

    

Absolut. Ich bin eigentlich multitaskingfähig, aber Fan davon, die Projekte klar voneinander zu trennen. Ich als Mensch, der gerade unabhängig voneinander sieben Projekte gleichzeitig fährt, habs schwer, meinen Auftraggeber im Bereich Film glücklich zu machen, gleichzeitig am eigenen Spielfilm weiterzuarbeiten und gleichzeitig die Uni zu handeln und den anderen dort auszuhelfen. 

Also Fotografie, Sound in Form von Musik und Soundeffekten, manchmal Malen und die Lebenskunst an sich, also die Worte selbst und Aktionskunst in der Form. Aktionskunst ist halt wichtig, weil durch deine Handlungen, dadurch wie du auf deine Mitmenschen zu gehst, kannst du auch die Menschen bewegen und beeinflussen.  

Aber genau das führt mich auch wieder zu einem Problem. Nämlich: Was ist meine Nische?
Die kapitalistische Welt oder das kapitalistische System, vor allem im Bereich der Kunst, oder sagen wir mal spezifisch bei Film, zwingt dich dazu, dich auf eine Nische zu fokussieren; Zum Beispiel: “Du bist jetzt Kameramann, du bist jetzt Sounddesigner, du bist jetzt dies und das”. Ich bin alles, aber ich bin auch gleichzeitig nichts von dem, was die monetären Ansprüche von mir abfordern. Nämlich ein Portfolio, was klar auf eine Nische ausgelegt ist. Hab ich nicht, ich mach nämlich alles. 

Und kommst du damit in dem kapitalistischen System zurecht?

Naja, ich bin Student (lacht). Ich ziehe mich aktuell etwas vom kapitalistischen System zurück. 

Hast du Angst vor dem, was danach kommt?

Nein, ich bin sehr selbstsicher. Mit den vielen Talenten, die ich mir über die Zeit aufgebaut hab’, kann ich mir vorstellen, immer meinen Platz irgendwo zu finden. Aber das basiert auch auf Vertrauen, ehrlicherweise. In mich selbst und in die Welt. Dass mir die Sachen entgegenkommen, auf die ich warte, ohne das wirklich zu äußern. Das klingt vielleicht ein bisschen esoterisch, ist aber gar nicht so gemeint. Wenn man auf irgendwas wartet und mit ner guten Energie auf Sachen zu geht, dann kommen diese mit ner guten Energie auf einen zurück. 

Das Gesetz der Resonanz! (lache)

Genau, ja! Schön gesagt! Kleines Beispiel: Ich such nen Schauspieler und unerwartet kommen die Zufälle so, dass ich in meinem Freundeskreis eigentlich alle hab’, die ich brauchte.        

Alex erzählt mir die Background-Geschichte des Films und zeigt mir Parallelen zur visuellen und audiovisuellen Umsetzung und letztendlichen Handlung auf. Diesen Teil des Interviews möchte ich gerne weglassen, da die Auflösung der Bedeutung und Geschichte eines Werkes, bevor es betrachtet wurde, die Magie verschwinden lassen kann. 

Daher nochmal: Film bei der (Voll-) Premiere, hoffentlich noch Ende Herbst diesen Jahres, anschauen!!

Die Arbeit am Film beschreibt er aus der Perspektive des Regisseurs und Kameramanns als sehr aufregend und eine der besten Zeiten seines Lebens, er sei jedoch zeitgleich nicht der größte Fan von digitalem Videoschnitt, weshalb sich das Projekt auch über einen so großen Zeitraum ziehe. Allerdings läge dem auch die Unmöglichkeit zugrunde, Beteiligte wie beispielsweise Marlene ausreichend zu bezahlen, weshalb alle nebenher noch schauen müssten, wie sie Geld verdienen können. Auch von seiner Beziehung zu Laura und den gemeinsamen Synergien, der gegenseitigen Ergänzung/Inspiration sowie dem gegenseitigen Pushen ist die Rede. 

Der Film ziele auf eine junge, verlorene Generation als Hauptzielgruppe ab. Eine Generation, die nicht mehr wisse, was sie und ob sie irgendetwas nach ihrem Studium oder ihrer Ausbildung arbeiten kann und zudem den Folgen jahrhundertelangem ignoranten Verhalten gegenüber der Umwelt ausgesetzt sei. Diese Generation werde thematisiert und angesprochen.  

Credit: Chiara Lessing

Zuletzt habe ich typische Abschlussfragen, die sich mit der Umgebung und ihrer Kunst- und Kulturszene auseinandersetzen. 

Wir sind ja heute auf der Kleinode unterwegs, haben zwar bei Weitem nicht alles gesehen, aber wenn wir mal nur betrachten, dass es 52 Spots gibt, wird erkennbar, dass das Westend wirklich einiges zu bieten hat. Du bist mit Sicherheit auch großer Fan dieser Sache, nicht wahr?

Ja, auf jeden Fall. Ich hab tatsächlich den ersten Berührungspunkt gehabt, als ein Bekannter von mir im Rahmen der Kleinode ein Hinterhofkonzert veranstaltete. Das war für mich damals das erste Mal, dass ich mit Live-Musik aufgetreten bin. Ich bin absoluter Fan davon und auch davon, dass Wiesbaden seit dem Coronavirus so viel Geld in die Hand genommen hat, um Künstler und Künstlerinnen sowie die Szene zu unterstützen. Durch das Coron-Arts Festival, durch sowas wie die Kleinode, durch die Maifestspiele und durch ganz viele andere Sachen. Die nehmen halt wirklich viel Geld in die Hand und ich merke das ehrlicherweise auch selbst; Die Besucherzahlen sind jetzt nicht so rosig, wie sie sein könnten und trotzdem macht die Stadt immer weiter damit, die lokale Kunst- und Kulturszene zu fördern.    

Und das ist das Allerwichtigste: Die Kunst- und Kulturszene darf nichts liefern müssen, damit sie Geld bekommt, weil Kunst nicht ergebnisorientiert funktionieren kann. Nicht messbar, wie wir es ja schon hatten…

Wenn wir schon bei der lokalen Kunst- und Kulturszene sind, was würdest du dir für diese wünschen?

Mehr Connectedness zwischen den Akteuren, die eigentlich zusammen gehören. Zum Beispiel: Wiesbaden, Darmstadt, Mainz, Frankfurt, Offenbach – überall gibt es so viele talentierte Leute. Ich hab inzwischen so viele von ihnen kennengelernt und wünsche mir, dass die Connection mehr und mehr wächst. Ich möchte, dass die Leute immer mehr zusammenarbeiten, um zusammen auf neue Ideen zu kommen. Ich wünsche mir auch, dass die Stadt immer mehr solcher Projekte fördert. 

Mit dem ganzen Überfluss heutzutage ist es recht schwierig ist, von Kunst- und Kulturprojekten zu leben. Insofern ist es in meinen Augen fast schon notwendig, dass die Stadt, generell die Städte, da mithelfen, vor allem Raum zu schaffen. Siehe die Citypassage, damals 2018 das mit der Biennale, das war ein riesen Ding und jeder Raum konnte von Künstlern genutzt werden. Das wünsche ich mir von der lokalen Szene. 

Vom gesamten künstlerischen und kulturellen Spektrum wünsch’ ich mir einen Ansporn zur Nachhaltigkeit, denn wir leben ja in ‘ner Zeit des Überfluss, da ist die logische Gegenbewegung “Awareness, Achtsamkeit und Nachhaltigkeit”. Nicht nur im komplett ökologischen Sinne, sondern auch im philosophischen Sinne.     

Was wäre denn dein Tipp für aufstrebende Künstler:innen?

Macht das Beste aus dem, was ihr habt und versucht nicht so nen hohen (monetären) Anspruch, sondern Spaß an der Sache, zu haben. Macht euren Scheiß, connected euch und seid offen, neue Wege zu gehen. Denn was ich gelernt hab, zum Beispiel: Du kannst Kommunikationsdesign so viel studieren wie du willst und so viel in deiner Uni-Bubble unternehmen und ausprobieren, aber am Ende lernst du’s nur, wenn du’s im echten Leben anwendest und dort machst. Denn da triffst du die Leute, die dich weiterbringen. Die Uni gibt nen okayen Rahmen, simuliert jedoch nur eine Situation. Macht die Sachen, sonst steht ihr am Ende des Studiums mit ‘nem Abschluss und sonst nichts da, wenn du ihr euch außerhalb der Uni nicht sonst weiterbildet.

Wenn ihr Kunst machen wollt, dann macht das einfach und denkt nicht direkt daran, das zu studieren oder damit Geld zu verdienen, sondern macht es einfach und wenn ihr Geld braucht, sucht euch nen Job.       

Danke für die Beantwortung der Fragen und für das tolle Gespräch! 

Als aller-allerletztes würde sich Hamit von muvin records freuen, die Frage 

“Für immer nur in Schuhen schlafen oder nur noch barfuß gehen können?” beantwortet zu bekommen. 

Natürlich barfuß! Atmungsaktiv und robust!

Und damit war es das auch schon mit diesem Porträt-/Interview-Artikel über diesen sehr vielseitigen und liebenswerten Menschen. Checkt gerne die bereits genannten Kanäle und Credits aller erwähnten und beteiligten Menschen aus und kommt in den Austausch mit ihnen. Die Möglichkeit, sich mit einer derartigen Offenheit über Kunst, die Gesellschaft und das künstlerische Schaffen auszutauschen, sollte man nicht missen! 

Ein großer Dank gilt der Kleinode im Westend, die es vielen (auch kleineren) Künstler:innen und auch anders Schaffenden die Möglichkeit bot, sich zu zeigen und in Interaktion zu treten. Dieses Event findet jährlich statt und sollte nicht verpasst werden!

In diesem Sinne wünsche ich euch allen eine schöne Zeit. Genießt die Sommertage und versucht ein wenig abzuschalten, auch wenn viel los ist. Es wird immer viel los sein und es ist wichtig, dass wir lernen, damit umzugehen und füreinander da zu sein. 

Much Love
Edwin 

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Mit dem Glockenschlag kündigt er stündlich die (Halb-) Premieren seines Filmes “Bed Bugs Blues” an. Menschen sammeln sich im kleinen engen Raum, der eines der im Film vorkommenden Zimmer nachempfunden ist und machen es sich auf dem Bett gemütlich, um zu betrachten, was Alex und sein Team in den letzten zwei Jahren so auf die Beine gestellt haben.

Credit: Chiara Lessing

Bei Alex Simonov handelt es sich um einen breit aufgestellten Künstler aus Wiesbaden, der im Rahmen der Kleinode im Westend, im Labor seiner “Partnerin in fast allen Lebensbereichen”, Laura Yurtöven, die (Halb-) Premiere des Filmes Bed Bugs Blues (Credits: siehe Videobeschreibung) präsentieren konnte. Chiara, Enrico und ich waren am 09. Juli gemeinsam im Westend unterwegs und durften eine der Premieren mit ansehen sowie ein kurzes Interview mit Alex führen. Darüber, was er zum Thema Kunst und Fortschritt zu sagen hat und darüber was wir an dem Tag sonst noch so erleben durften, berichte ich in diesem Artikel.

Credit: Chiara Lessing

Erst möchte ich jedoch ein paar Worte zum Rahmen, in welchem ich mit Alex sprechen durfte, verlieren. Bei der “Kleinode im Westend” handelt es sich um eine vom Magazin sensor und Wiesbadener Kulturamt unterstützte Kunst- und Kultur-Veranstaltung, welche, wie der Name es schon vermuten lässt, im Wiesbadener Westend stattfindet. An diesem jährlich im Sommer stattfindenden Event ist es Menschen aus dem Westend, die verschiedenste Dinge betreiben, möglich, eben diese Dinge zu präsentieren. Sei es nun das Konzert, das der Musiklehrer Bruno Basil zusammen mit seinen Schüler:innen in der Blücherstraße gegeben hat und die Kaffeeverkostung im “Café wunderbar” oder der “Grüne Tag” der Hochschule RheinMain. Auch fand ein Auftritt des Lesben- und Schwulenchors “Die Uferlosen” am Infoladen Linker Projekte des Kunst- und Kulturwerkstatt e. V. statt, der sich schon vor einer Ewigkeit gegründet hat. An diesem sind einige linke Projekte, wie beispielsweise auch die “Saatgutinitiative Westend” angesiedelt. Diese setzt sich mit dem Erhalt und der Wiederverwendung nicht genmanipulierten Saatguts und der fairen Verteilung und Austausch innerhalb der Gemeinschaft auseinander.  

Auf der Kleinode war alles vertreten, auch wenn auf keinen Fall alles aufgeführt werden kann. Auf der Website lässt sich nachvollziehen, was an den 52 Standorten noch so erlebt werden konnte und natürlich auch außerhalb dieses Tages erlebt werden kann.

Ein kleiner persönlicher Tipp an der Stelle: Ihr solltet den Infoladen unbedingt auschecken, beispielsweise montags um 19:30 Uhr beim Schachspiel mit den lieben Menschen von “Schachfreunde Stiller Zug” oder zu jeder anderen Zeit beim Tausch von Saatgut und allem anderen bei der grandiosen Tauschbox der Saatgutinitiative. Ihr findet den Infoladen und all die dort angesiedelten tollen Projekte im Hinterhof der Blücherstr. 46.   

Credit: Chiara Lessing

Das Westend hat somit eine Menge schöner Dinge zu bieten und ist besiedelt von einem großen Haufen kreativer, ganz individueller und freigeistiger Menschen; ein Besuch lohnt sich! Einer dieser Menschen ist Laura Yurtöven, der das “Labor Westend” und den dazugehörigen Requisitenverleih in der Gneisenaustr. 2 gehört. Der Raum, in welchem das Labor seinen Platz findet, hat schon eine lange Geschichte hinter sich. So war dort einst ein secondhand An- und Verkaufsladen für CDs und DVDs, dann stand der Laden leer bis Alina Böhmer und Monika Braun aka die Fickfackerei kamen, danach wieder Leerstand bis zur Ausstellung und Auktion des kompletten künstlerischen Lebenswerkes des Georg Joachim Schmitt und darauffolgenden die schlussendliche Übergabe an Laura, die mit ihrem vorigen Atelier und all ihren Requisiten dorthin zog. Das Labor diene nicht nur dem Requisitenverleih und der Ausstellung, sondern könne praktisch alles sein; sei es nun eine Konzertlocation, ein Atelier, ein Kino, eine Werkstatt - you name it. Mit ebendieser Devise gehen Laura und Alex damit voran.  

Und genau dort hat Alex Simonov seinen Film vorgestellt. Das ganze Labor war im Stil der Filmsets sowie mit ausgestellten Original-Requisiten der Produktion geschmückt, was die Besucher:innen direkt in die Atmosphäre des Projekts hineinzieht. Der besagte und bereits gezeigte Showroom mit seiner abgedunkelten Schwarzlicht-Atmosphäre befindet sich im Hinterzimmer des Labors. Im Flur, der in ebendieses Hinterzimmer führt, gibt es auch eine Leiter, von der aus sich die zweite Etage erreichen lässt, welche mit Requisiten für Theater und Film gefüllt ist.  

Credit: Chiara Lessing

Ich möchte gar nicht so sehr darüber ins Detail gehen, was in dem Film geschieht, doch wir können sagen, dass er definitiv einen Besuch Wert ist und möchten empfehlen sich die gesamte Premiere, welche aktuell für Ende Herbst angedacht ist, anzusehen. Es ist ein sehr abstraktes und künstlerisch-ästhetisch anspruchsvolles Stück Filmkunst, welches viele Thematiken und Problematiken einer jungen Generation abbildet. Musik spielt als Erzählmittel eine große Rolle und die Geschichte des Films basiere auf einer wahren Begebenheit, die Alex selbst erlebt hat. Er hat den Film u. a. im Rahmen seines Bachelor-Abschluss Projekts im Studiengang Motion Pictures an der Hochschule Darmstadt produziert. Finanzielle Förderung gab es durch das Coron-Arts Festivals und weitere Unterstützung gab es von Bierstadter Gold und Alex’ ehemaligem Chef.

Durch “glückliche Umstände“ war es Alex und seinem Team dadurch möglich, einen riesigen Bereich einer alten Polizeikaserne als Drehort zu nutzen.

Die Idee für den Film sei ihm bereits im Herbst 2020 gekommen, nachdem er die Ereignisse Anfang 2020 erlebt hat. Nach der Vorproduktion im Winter 2020/Frühjahr 2021 sei es dann gegen Mitte 2021 zu den Dreharbeiten gekommen. Danach haben er und das Team den Sommer über erst mal chillen müssen, um dann im Herbst 2021 mit der Postproduktion zu beginnen. Nach vielen zu bewältigenden Hürden, wie beispielsweise Datenverlust, kam es schlussendlich im Juli 2022 im Rahmen des Coron-Arts Festivals zu der ersten (Halb-) Premiere.

Dabei ist für den Schnitt, neben Alex selbst, vor allem Marlene Schulte-Körne zu danken. Das Drehbuch und ein mindestens genauso großer Anteil der Hauptarbeit sei zudem auf Laura zurückzuführen. Die Musik sei hauptsächlich von Alex und seinen Freunden komponiert und produziert worden; generell hätten hauptsächlich befreundete und bekannte Menschen an dem Projekt mitgewirkt. Ein Blick in die Credits empfiehlt sich.

Credit: Chiara Lessing

Zu Alex als Person gibt es auch einiges zu sagen: Aktuell ist er noch Student, doch befinde sich in der Abschlussphase. Der 23-jährige Filmemacher, Gitarrist, Synthesizer-Liebhaber Fotograf (uvm.) stammt ursprünglich aus der Gegend von Limburg (“Das heißt ich durfte noch in Büschen und im Wald spielen”). Seine Eltern kommen aus dem heute russischen Gebiet der ehemaligen Sowjetunion. Mit ca. 14 Jahren habe der Umzug nach Wiesbaden stattgefunden, ein perfektes Alter dafür, wie er selbst sagt. In dieser Stadt habe er gelernt, sich zu entfalten und vor allem durch das Skaten sehr viele interessante Menschen kennengelernt, durch welche er Brücken zu verschiedensten künstlerischen Lebensbereichen schlagen und sich selbst entdecken konnte. Über die Jahre und Umzüge u. a. nach Frankfurt und Darmstadt, sei es zu einer Skill-Steigerung und Professionalisierung seiner Arbeit gekommen. Mittlerweile lebt er wieder in Wiesbaden und hat inzwischen an unzähligen Projekten mitgewirkt, von denen die meisten jedoch “in der Realität” stattfinden würden. Digital festgehaltene Records über seine bisherigen Projekte finden sich u. a. auf seiner Website, jedoch lohnt es sich auch sehr, ihn einfach mal auf Insta anzuschreiben und sich ein bisschen über seine Arbeit auszutauschen. 

Im gemeinsamen Gespräch unterhalten wir uns über Kunst und ihre Bedeutung sowie die verschiedensten Ausprägungen dieser. Doch lest gerne einfach selbst, was Alex zu all dem zu sagen hat:

Bist du zufrieden mit dem Tag heute, würdest du sagen, dass alles so lief, wie du wolltest?

Ehmm, ja! Es läuft niemals so wie geplant, aber es läuft immer gut, wenn man sich Mühe gibt. Wenn man die richtigen Sachen ausstrahlt und nach außen bringt, dann erfährt man auch wiederum diese gute Laune. Das heißt selbst die Leute, die sag ich mal mit dem Film nicht so viel anzufangen wussten, gingen mit mir in nen netten Dialog und hatten dann auch ihren Spaß. Kritik ausüben und darüber sprechen, warum Entscheidungen so getroffen wurden, ist ein Teil von Kunst; Sich darüber austauschen und kommunizieren. Sau wichtig! 

Kunst dient in ihren Grundzügen ja wahrscheinlich auch der Kommunikation und dem Ausdruck; was würdest du denn auf die ganz plumpe Frage antworten, was Kunst für dich auszeichnet? Ist das überhaupt ein messbarer Wert?

Kunst kannst du überall integrieren, wo du lebst. In allen Facetten des Lebens; das nenne ich gerne Lebenskunst und ich würde sagen, das ist gar nicht messbar und gar nicht definierbar. Ich sag mal so: Was ich oft mache… Ich bringe oft plumpe Bemerkungen, für mich ist das schon wieder Kunst. Oder Georg macht zum Beispiel irgendwelchen Quatsch und schreit einfach irgendwie ein random Schimpfwort, das ist dann erst weird. Wenn du aber länger darüber nachdenkst, kannst du selbst das schon als Kunst interpretieren. Deswegen nein, gar nicht messbar. Kunst ist all das, was in Menschen Emotionen hervorruft und sie gegebenenfalls dazu bringt, über diese Information und Emotion nachzudenken. Architektur kann auch Kunst sein, wenn du's schön findest. Wenn du aber bloß blind an den Häusern vorbei gehst und dir nichts dabei denkst, dann sind’s einfach nur Häuser, Gleiches gilt für Autos. Für manche ist Design Kunst, für manche ist Design Design. 

Mir ist bei dem, was ich von dir bisher so mitbekommen hab’ aufgefallen, dass du sehr viel Liebe für analoge Produktionsmittel hast und dich in einer Zeit, in welcher es so viel Fortschritt gibt, sehr viel damit auseinandersetzt, wie die Dinge früher funktioniert haben. 

Wie ist das denn für dich mit der Digitalisierung in der Kunst und der Vermischung analoger und digitaler Medien? 

Eines muss ich erst mal klarstellen. In meinen Augen ist Innovation nicht gleich Fortschritt.

Das ist erstmal wichtig anzumerken. Innovation ist für mich erstmal die Erfindung neuer Gadgets/Werkzeuge, um was auch immer zu erreichen. Ich würde aber nicht sagen, dass jedes neu erfundene Device oder Gadget gleich den Fortschritt der Menschheit im Allgemeinen bedeutet. Ein Beispiel ist das “Smarthome”. Ich glaube die Kosten und alles, was das im Rahmen der Produktion mit sich bringt, wird nicht zu einem Fortschritt der Menschheit und des Lebens allgemein führen. Der Aufwand, den das mit sich bringt, ist eben immens und das damit verbundene Risiko ist auch nicht zu unterschätzen. Siehe Mickey Mouse, der durch sein eigenes Smarthome komplett durchgewirbelt wurde und dadurch in pures Chaos geraten ist, weil es irgendwann nicht mehr so funktioniert hat, wie es sollte und sich gegen ihn gewendet hat (lacht). Das ist jetzt mal das banalste Beispiel, was mir einfällt. 

Aber weg von diesem Beispiel: Die Kunst erfährt ja immer mehr und mehr Mittel, sich auszudrücken. Die letzten Innovationen gehen ja in Richtung NFTs etc. Gleichzeitig musste ich mich jetzt für die Uni auch mit AR- und VR-Technologien auseinandersetzen und ich muss sagen, dass ich dem Ganzen häufig sehr kritisch gegenübersteh’, weil ich halt selber in mir so nen Naturalismus trage, das heißt, dass ich möglichst einfache und Ressourcen-freundliche Materialien verwende, um meine Kunst auszuüben. 

Zum Beispiel haben wir für das Setdesign im Film Möbel vom Sperrmüll verwendet oder gebrauchte Sachen auf Kleinanzeigen geschnappt. Neu-Kontextualisieren und dem Ganzen nochmal neues Leben zu geben, bevor das dann endgültig auf den Müll kommt, finde ich gut. Das ist für mich nachhaltig und es ist dann auch im Film sichtbar, dass die Sachen schon etwas Leben hinter sich hatten. Ich denke mal, die Ressourcen zu Ende zu nutzen, ist eine Devise, die ich für wichtig erachte. Nehmen wir als Beispiel ein Skateboard; Das ist etwas, was du zwar immer wieder neu kaufst, aber auch immer wieder bis zum geht nicht mehr zerstörst - find ich top! Ich find’s top, wenn die Sachen zu Ende genutzt werden; und bei der Kunst kann man das ja genauso machen. 

Man kann aus allem Kunst machen, aus Sperrmüll, aus Steinen, aus Holz, was auch immer... Hauptsache es erzählt eine Geschichte.

Bei Technologie und Kunst ist es halt so, ich find, das muss immer so an dein Narrativ und deine Story gekoppelt sein; wenn du auf Instagram Bilder teilst und deine Malereien abfotografierst, ohne dass Instagram als Medium selber damit thematisiert wird, weiß ich nicht, ob das wirklich gut ist oder ob das nicht zu ner Flut und einem Überfluss an Inhalten führt. Das tut es ja offensichtlich: Es gibt einen riesigen Überfluss, man findet sich gar nicht zurecht, es ist schwierig, sich zu orientieren und Erfolg ist nicht gleich Talent, sondern Erfolg wird eine messbare Zahl in Form von Views und Likes und Followern. Insofern find’ ich das halt schwierig, das bringt die Kunstwelt durcheinander. 

Credit: Chiara Lessing

Zu dem Thema, das Medium selbst in der Kunst zu thematisieren, empfiehlt uns Alex das Buch “Understanding Media: The Extensions Of Man” von Marshall McLuhan, welches der Kernaussage “The medium is the message” folgt und einen sehr unkonventionellen Blick auf die Medien, mit welchen Kunst ausgeübt wird, werfe.     

Welche Kunstformen betreibst du denn selbst und welcher Medien bedienst du dich dafür? 

Hauptsächlich Film, was sehr viele Medien wie Fotografie, Musik, Set-/Kostümdesign und vieles mehr vereint. Ansonsten mache ich auch sehr gerne Sounds; Musik und auch Soundeffekte finde ich toll. Fotografie finde ich auch toll. Grafik finde ich im privaten Rahmen toll, professionell allerdings eher weniger. Ich mal’ gerne ohne Schaffensdruck, am besten unbewusst, während ich etwas anderes tue. 

Du machst ja dann auch viele Dinge gleichzeitig. Würdest du sagen, das sorgt dafür, dass du einzelne Dinge nicht so machen kannst, wie du vielleicht fähig für wärst?      

    

Absolut. Ich bin eigentlich multitaskingfähig, aber Fan davon, die Projekte klar voneinander zu trennen. Ich als Mensch, der gerade unabhängig voneinander sieben Projekte gleichzeitig fährt, habs schwer, meinen Auftraggeber im Bereich Film glücklich zu machen, gleichzeitig am eigenen Spielfilm weiterzuarbeiten und gleichzeitig die Uni zu handeln und den anderen dort auszuhelfen. 

Also Fotografie, Sound in Form von Musik und Soundeffekten, manchmal Malen und die Lebenskunst an sich, also die Worte selbst und Aktionskunst in der Form. Aktionskunst ist halt wichtig, weil durch deine Handlungen, dadurch wie du auf deine Mitmenschen zu gehst, kannst du auch die Menschen bewegen und beeinflussen.  

Aber genau das führt mich auch wieder zu einem Problem. Nämlich: Was ist meine Nische?
Die kapitalistische Welt oder das kapitalistische System, vor allem im Bereich der Kunst, oder sagen wir mal spezifisch bei Film, zwingt dich dazu, dich auf eine Nische zu fokussieren; Zum Beispiel: “Du bist jetzt Kameramann, du bist jetzt Sounddesigner, du bist jetzt dies und das”. Ich bin alles, aber ich bin auch gleichzeitig nichts von dem, was die monetären Ansprüche von mir abfordern. Nämlich ein Portfolio, was klar auf eine Nische ausgelegt ist. Hab ich nicht, ich mach nämlich alles. 

Und kommst du damit in dem kapitalistischen System zurecht?

Naja, ich bin Student (lacht). Ich ziehe mich aktuell etwas vom kapitalistischen System zurück. 

Hast du Angst vor dem, was danach kommt?

Nein, ich bin sehr selbstsicher. Mit den vielen Talenten, die ich mir über die Zeit aufgebaut hab’, kann ich mir vorstellen, immer meinen Platz irgendwo zu finden. Aber das basiert auch auf Vertrauen, ehrlicherweise. In mich selbst und in die Welt. Dass mir die Sachen entgegenkommen, auf die ich warte, ohne das wirklich zu äußern. Das klingt vielleicht ein bisschen esoterisch, ist aber gar nicht so gemeint. Wenn man auf irgendwas wartet und mit ner guten Energie auf Sachen zu geht, dann kommen diese mit ner guten Energie auf einen zurück. 

Das Gesetz der Resonanz! (lache)

Genau, ja! Schön gesagt! Kleines Beispiel: Ich such nen Schauspieler und unerwartet kommen die Zufälle so, dass ich in meinem Freundeskreis eigentlich alle hab’, die ich brauchte.        

Alex erzählt mir die Background-Geschichte des Films und zeigt mir Parallelen zur visuellen und audiovisuellen Umsetzung und letztendlichen Handlung auf. Diesen Teil des Interviews möchte ich gerne weglassen, da die Auflösung der Bedeutung und Geschichte eines Werkes, bevor es betrachtet wurde, die Magie verschwinden lassen kann. 

Daher nochmal: Film bei der (Voll-) Premiere, hoffentlich noch Ende Herbst diesen Jahres, anschauen!!

Die Arbeit am Film beschreibt er aus der Perspektive des Regisseurs und Kameramanns als sehr aufregend und eine der besten Zeiten seines Lebens, er sei jedoch zeitgleich nicht der größte Fan von digitalem Videoschnitt, weshalb sich das Projekt auch über einen so großen Zeitraum ziehe. Allerdings läge dem auch die Unmöglichkeit zugrunde, Beteiligte wie beispielsweise Marlene ausreichend zu bezahlen, weshalb alle nebenher noch schauen müssten, wie sie Geld verdienen können. Auch von seiner Beziehung zu Laura und den gemeinsamen Synergien, der gegenseitigen Ergänzung/Inspiration sowie dem gegenseitigen Pushen ist die Rede. 

Der Film ziele auf eine junge, verlorene Generation als Hauptzielgruppe ab. Eine Generation, die nicht mehr wisse, was sie und ob sie irgendetwas nach ihrem Studium oder ihrer Ausbildung arbeiten kann und zudem den Folgen jahrhundertelangem ignoranten Verhalten gegenüber der Umwelt ausgesetzt sei. Diese Generation werde thematisiert und angesprochen.  

Credit: Chiara Lessing

Zuletzt habe ich typische Abschlussfragen, die sich mit der Umgebung und ihrer Kunst- und Kulturszene auseinandersetzen. 

Wir sind ja heute auf der Kleinode unterwegs, haben zwar bei Weitem nicht alles gesehen, aber wenn wir mal nur betrachten, dass es 52 Spots gibt, wird erkennbar, dass das Westend wirklich einiges zu bieten hat. Du bist mit Sicherheit auch großer Fan dieser Sache, nicht wahr?

Ja, auf jeden Fall. Ich hab tatsächlich den ersten Berührungspunkt gehabt, als ein Bekannter von mir im Rahmen der Kleinode ein Hinterhofkonzert veranstaltete. Das war für mich damals das erste Mal, dass ich mit Live-Musik aufgetreten bin. Ich bin absoluter Fan davon und auch davon, dass Wiesbaden seit dem Coronavirus so viel Geld in die Hand genommen hat, um Künstler und Künstlerinnen sowie die Szene zu unterstützen. Durch das Coron-Arts Festival, durch sowas wie die Kleinode, durch die Maifestspiele und durch ganz viele andere Sachen. Die nehmen halt wirklich viel Geld in die Hand und ich merke das ehrlicherweise auch selbst; Die Besucherzahlen sind jetzt nicht so rosig, wie sie sein könnten und trotzdem macht die Stadt immer weiter damit, die lokale Kunst- und Kulturszene zu fördern.    

Und das ist das Allerwichtigste: Die Kunst- und Kulturszene darf nichts liefern müssen, damit sie Geld bekommt, weil Kunst nicht ergebnisorientiert funktionieren kann. Nicht messbar, wie wir es ja schon hatten…

Wenn wir schon bei der lokalen Kunst- und Kulturszene sind, was würdest du dir für diese wünschen?

Mehr Connectedness zwischen den Akteuren, die eigentlich zusammen gehören. Zum Beispiel: Wiesbaden, Darmstadt, Mainz, Frankfurt, Offenbach – überall gibt es so viele talentierte Leute. Ich hab inzwischen so viele von ihnen kennengelernt und wünsche mir, dass die Connection mehr und mehr wächst. Ich möchte, dass die Leute immer mehr zusammenarbeiten, um zusammen auf neue Ideen zu kommen. Ich wünsche mir auch, dass die Stadt immer mehr solcher Projekte fördert. 

Mit dem ganzen Überfluss heutzutage ist es recht schwierig ist, von Kunst- und Kulturprojekten zu leben. Insofern ist es in meinen Augen fast schon notwendig, dass die Stadt, generell die Städte, da mithelfen, vor allem Raum zu schaffen. Siehe die Citypassage, damals 2018 das mit der Biennale, das war ein riesen Ding und jeder Raum konnte von Künstlern genutzt werden. Das wünsche ich mir von der lokalen Szene. 

Vom gesamten künstlerischen und kulturellen Spektrum wünsch’ ich mir einen Ansporn zur Nachhaltigkeit, denn wir leben ja in ‘ner Zeit des Überfluss, da ist die logische Gegenbewegung “Awareness, Achtsamkeit und Nachhaltigkeit”. Nicht nur im komplett ökologischen Sinne, sondern auch im philosophischen Sinne.     

Was wäre denn dein Tipp für aufstrebende Künstler:innen?

Macht das Beste aus dem, was ihr habt und versucht nicht so nen hohen (monetären) Anspruch, sondern Spaß an der Sache, zu haben. Macht euren Scheiß, connected euch und seid offen, neue Wege zu gehen. Denn was ich gelernt hab, zum Beispiel: Du kannst Kommunikationsdesign so viel studieren wie du willst und so viel in deiner Uni-Bubble unternehmen und ausprobieren, aber am Ende lernst du’s nur, wenn du’s im echten Leben anwendest und dort machst. Denn da triffst du die Leute, die dich weiterbringen. Die Uni gibt nen okayen Rahmen, simuliert jedoch nur eine Situation. Macht die Sachen, sonst steht ihr am Ende des Studiums mit ‘nem Abschluss und sonst nichts da, wenn du ihr euch außerhalb der Uni nicht sonst weiterbildet.

Wenn ihr Kunst machen wollt, dann macht das einfach und denkt nicht direkt daran, das zu studieren oder damit Geld zu verdienen, sondern macht es einfach und wenn ihr Geld braucht, sucht euch nen Job.       

Danke für die Beantwortung der Fragen und für das tolle Gespräch! 

Als aller-allerletztes würde sich Hamit von muvin records freuen, die Frage 

“Für immer nur in Schuhen schlafen oder nur noch barfuß gehen können?” beantwortet zu bekommen. 

Natürlich barfuß! Atmungsaktiv und robust!

Und damit war es das auch schon mit diesem Porträt-/Interview-Artikel über diesen sehr vielseitigen und liebenswerten Menschen. Checkt gerne die bereits genannten Kanäle und Credits aller erwähnten und beteiligten Menschen aus und kommt in den Austausch mit ihnen. Die Möglichkeit, sich mit einer derartigen Offenheit über Kunst, die Gesellschaft und das künstlerische Schaffen auszutauschen, sollte man nicht missen! 

Ein großer Dank gilt der Kleinode im Westend, die es vielen (auch kleineren) Künstler:innen und auch anders Schaffenden die Möglichkeit bot, sich zu zeigen und in Interaktion zu treten. Dieses Event findet jährlich statt und sollte nicht verpasst werden!

In diesem Sinne wünsche ich euch allen eine schöne Zeit. Genießt die Sommertage und versucht ein wenig abzuschalten, auch wenn viel los ist. Es wird immer viel los sein und es ist wichtig, dass wir lernen, damit umzugehen und füreinander da zu sein. 

Much Love
Edwin 

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